Die Fahrradfahrer-Typologie

Lorenz Bockisch

Jetzt, wo der Frühling endgültig aus allen Nähten bricht, die Allergiker rote Nasen bekommen und sich die an menschlichen Körpern befindliche Textilmenge zusehends halbiert, kommen sie wieder in all ihren Ab- und Unterarten aus den Kellern und Verschlägen heraus: Die Radfahrer. Eine Typolodie über die größten Rowdies, Hindernisse und Blickfänge des Verkehrs in einer Studentenstadt.

Der Knackarsch



Der Knackarsch
ist der Grund, warum sich auf ebener Strecke ein Pulk hechelnder männlicher Radler bildet. Diese attraktive Dame befindet sich sichtlich in der fruchtbarsten Phase ihres noch jungen Lebens und bewegt sich elegant auf einem Markenfahrrad der oberen Preiskategorie fort. Auf einem dezent aber sichtbar zu hoch eingestellten Sattel thront ein wohlgeformtes Hinterteil, dessen schiere Existenz nicht nur für Kreationisten als Gottesbeweis ausreicht. Dessen sich durchaus bewusst trägt sie auch bei kühlerem Abendwind stets ihr nierenfreies Jäckchen, auf dass ihre herausragenden Reize zur vollen Geltung kommen können. Und jeder andere Radler fällt an der Kreuzung bei Grün vor Verzückung zur Seite um, weil er von ihr noch bei Gelb ein nonchalantes Lächeln zugeworfen bekam.





Der Raser

Der Raser empfindet alle anderen Verkehrsteilnehmer als ultimative Hindernisse, denen für die Belange eines anderen (also die seinen) jegliches Verständnis fehlt. "Warum muss den diese Oma so langsam durch die Fußgängerzone laufen, wenn ich grad die Straßenbahn überholen will?" und ähnliches fragt er sich ständig, während er auf seinem vor Jahren sehr teuer gekauften All-Terrain-Bike nur den Blick zur Seite riskiert, wenn er ein grün-weißes Auto gesehen zu haben meint. Aus Erfahrung weiß er, dass Bordsteinkanten in der Regel härter sind als seine Schädelknochen, weshalb er einen Helm trägt. Weitere Sicherheitsmaßnahmen, wie etwa an einer roten Ampel anzuhalten oder gar Licht am Sportgerät anzubringen, sind jedoch vollkommen überflüssig, da dadurch die möglichst schnelle Erreichung des Zieles verhindert wird. Deshalb fährt der Raser bei Regen konsequent Straßenbahn oder Taxi, denn Schutzbleche oder gar Regenkleidung würde das Eigengewicht und den Windwiderstand unerträglich erhöhen und damit die Durchschnittsgeschwindigkeit seines Tachometers unter die magische 40 km/h-Marke senken. Diese widrigen Umstände hindern ihn daran, seiner eigentlichen Berufung zu folgen:
 

Der Fahrrad-Kurier


Der Fahrrad-Kurier existiert wirklich! Entgegen vielen Vermutungen, er sei nur eine urbane Legende wie der Yeti oder das Krokodil im Abwasserkanal, ist er wirklich manchmal wahrzunehmen. In diesen Genuss kommen allerdings nur die Kunden, in deren Büro er ein vorsichtig verpacktes Poststück aus seinem unförmigen Rucksack hervorwült. Die Erinnerung, die an ihn bleibt, ist jedoch nur von olfaktorischer Natur; Gerüche, die durch die durchgeschwitzten Leggings mit Ledersackschutz dringen. Dann steigt dieser Jan Ullrich ohne medizinische Kontakte nach Spanien bei jedem Wetter wieder auf sein auf NASA-Technologie basierendes Kohlefaser-Titan-Rennrad mit dem viel zu kleinen Vorderrad und düst zu seinem nächsten Auftrag. Dabei erreicht er Geschwindigkeiten, die es dem menschlichen Auge fast unmöglich machen, seinen Wegen zu Folgen. Und da er schon lange durch die Straßen der Stadt fährt, kennt er jede unebene Stelle an jedem PKW-Modell, wo er sich festhalten und ziehen lassen kann. Außerdem benutzt er verschlungene Abkürzungen, die in keinem Falk-Plan zu finden sind.

Der ewige Ersti

Den ewigen Ersti erkennt man an dem diebstahlsicheren, weil uralten Fahrrad, das neben ihm oder ihr am Dreisamufer liegt. Das Alter des Fahrers ist dabei zweitrangig, nicht aber das Geschlecht. Während Männer stets auf klapprigen Damenrädern unterwegs sind, radeln weibliche Exemplare dieses Typs auf Drahteseln mit Stange. Das Gefährt wurde möglichst preiswert angeschafft, als der ewige Ersti wirklich noch Erstsemester war und einen fahrbaren Untersatz brauchte, der ihn von den allabendlichen Besäufnissen sicher durch die dunkle Fahrradstadt Freiburg nach Hause trug.



Sicher bedeutet hier, dass das durchaus vorhandene Licht auf keinen Fall funktioniert und er deshalb für eventuelle polizeiliche Alkoholkontrollen unsichtbar bleibt. Seit dem hielt er es nicht für notwendig, sich ein neueres Fahrrad zuzulegen und begründet dies mit schlag-kräftigen Argumenten: Erstens wird so ein Rad nie geklaut, höchstens am Bahnhof zusammen getreten. Zweitens würden sich die Pedale eines neuen Gefährtes nie so an seine nackten Füße anschmiegen, mit denen er ab einer Temperatur von +15° C unterwegs ist. Und drittens kann er es sich nicht erlauben, bei einer Anti-Studiengebührendemo den Anhänger mit den Lausprechern zur Agitation mit einem Rad zu ziehen, dessen Materialwert den Preis eines Mensamenüs übersteigt.

Der Jungakademiker


Der Jungakademiker ist daran zu erkennen, dass er stets mit einem sein Humankapital schützendem Helm und Nickelbrille bestückt  zum Institutsviertel oder Flughafen unterwegs ist. Sein in dezenten dunklen Tönen gehaltenes Rad enthält dabei die neuesten Erkenntnisse der Sicherheitsforschungen der ADFC-Abteilung des Max-Planck-Instituts: Halogenstrahler, die auch drei Tage nach dem Abstellen des Rades noch leuchten, die roten Nabenscheibenbremsen eines Schuffenhausener Automobilherstellers und, ganz wichtig, das mehrkörbige Gepäckträgerset, auf und in dem er seine Aktentasche samt Laptop und Stullenbüchse sicher verstauen und anschnallen kann. Dieses Rad war die erste Anschaffung, die er sich von dem halben BAT II-Gehalt des ersten Jahres vom Munde abgespart hat, um seine gehobene gesellschaftliche Stellung als Doktorand dezent zu repräsentieren.




Der Wochenend-Radwanderer


Den Wochenend-Radwanderer
trifft man an Sonn- und Feiertagen in Zweiergrüppchen. Zwei Wochen vorher sagte die Uschi zu ihrem Rolf: "Schatz, wir könnten doch mal wieder einen Ausflug machen, weil es ist doch so schönes Wetter draußen!" Nachdem dann die paarig passenden Kettler-Alu-Räder aus dem Keller geholt, von der schützenden Plastikfolie befreit und zum Fahradhändler des Vertauens zur Frühjahrsdurchsicht gebracht wurden, kann es auch schon ganz spontan losgehen. Erkennbar ist dieser Typus vor allem an der praktischen kubischen Lenkertasche mit dem noch praktischeren Klarsichtfolienradwanderkartenhalter und den Freizeitoutfits im Partnerlook der Marke TCM, deren Ballonseideapplikationen in einem Lila strahlen, das nur ganz kurz in den frühen Neunzigern fast mal eine Modefarbe war. So weithin sichtbar stehen die beiden dann an einer Kreuzung, die sich höchstens 500 Meter von ihrem Zuhause entfernt befindet und beratschlagen, ob man zum Kaiserstuhl wohl besser nach links oder geradeaus fahren sollte.