Diary Slam im Teng: Von jugendlichen Schwärmereien und der "Invasion der Killerpilze"

Christina Fortwängler

Sechs mutige Slammer trauten sich am Freitag auf die Bühne, um beim ersten Diary-Slam Freiburgs gegeneinander anzutreten. Mit im Gepäck: ihre Tage- und Briefbücher. Darin ging es um die erste Liebe, Herzschmerz und andere Kuriositäten der Persönlichkeitsentwicklung.


Den Anfang macht Nadine: „Die Rastazöpfe bringens voll“, schreibt die damals 16-jährige Nadine am 30.10.1998 und rechtfertigt damit die horrende Summe, die sie dafür ausgegeben hat. Auch bei den Jungs kämen Rastas gut an – aber vor allem einem sollen sie gefallen: Christopher. Christopher sei der mit dem Opel, der hoffentlich bald an ihr „vorbei drivet“ und mit dem sie „Kaffee kochen“ a.k.a es tun wolle.


Freitagabend im Räng Teng Teng: Als es um 21:30 Uhr los geht, ist das Teng voll – und das trotz vier Euro Eintritt. Der erste Diary-Slam Freiburgs findet statt, und viele Besucherinnen und Besucher möchten sich diese Premiere nicht entgehen lassen. Vielleicht, weil das Format in Hamburg schon seit 2011 ein Hit ist. Heute treten fünf Kandidatinnen und ein Kandidat mit ihren Tage- oder Briefbüchern gegeneinander an. In zehn Minuten gilt es, eine zweiköpfige Jury zu überzeugen, die kurz zuvor aus dem Publikum generiert wurde. Ein Finale entscheidet schließlich über die Gewinnerin, den Gewinner des Abends.

Unerwiderte Liebe und pubertäre Sinnkrise sind Themen, die beinahe jeder Slammer seinem Tagebuch anvertraute: „Es ist ein komisches Gefühl, nicht zu wissen, wen man liebt“, liest Eva vom Gefühlswirrwarr ihrer Jugendjahre. In ihrem Tagebuch geht es zunächst um Freundin Angie, die einem Jungen die Einladung zum Kinobesuch ausschlägt – der neue James Bond habe zu viele perverse Szenen. Unter dem 21.12.02 ist Evas Geburtstagsfeier eingetragen. Die Schnitzeljagd findet sie ziemlich „uncool“. Immerhin lässt Angie „voll die Sau raus“, aber nur „wenn Jojo neben ihr sitzt“. Der markante Jugendjargon der Episoden entbehrt nicht einer gewissen Komik. Das Publikum kommentiert das mit Gelächter.

Bei Slammerin Aileen geht es auch um erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht: „Er sieht so süß aus. Leider ist er zu groß für mich“, schreibt die Neunjährige. Der Fehlkauf von Tamagotchis stürzt sie in ein moralisches Dilemma: „Wir wollten sie zurückbringen, aber da haben sie schon gelebt“.

Heute ebenfalls zu Gast im Teng ist Nadine Wedel, die zusammen mit Ella Carina Werner 2011 den Diary-Slam nach Hamburg brachte. In einer Bar in Hamburg-Altona hat er sich zu einer monatlichen Veranstaltung etabliert, deren Beiträge bereits ein Buch füllen. „Ich glaube, ich bin jetzt mit Nils zusammen“ erschien 2013 bei Fischer Scherz. Ursprünglich kommt der Diary-Slam jedoch aus den USA. Studentin Sarah Brown initiierte 2005 die erste „Cringe Night“ – cringe heißt so viel wie schämen – in New York.

Inzwischen ist Slammerin Hengameh an der Reihe, die ihr Briefbuch mitgebracht hat. Mit ihrer Straight-Edge-Phase – „Ein Gramm Alkohol ist so viel wie ein Gramm Zucker“ – das mit *kreisch* kommentierte Poster der „Invasion der Killerpilze“ und der Recherche ihres Todesdatums – „Das Internet sagt, ich werde am 3.6.2070 sterben“ – schafft Heng es zusammen mit Aileen ins Finale.

Das Identifikationspotential mit den Tagebucheinträgen ist groß. Vielleicht besaß der ein oder andere früher selbst ein Tamagotchi, war Fan der gleichen Band oder hat ähnlichen Liebeskummer durchlebt. Nichts erzählt so unverklärt von Empfindungen und Erlebnissen zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben wie das Tagebuch. Vermutlich ist das ausschlaggebend für den Erfolg des Formats Diary-Slam. Der Schreibduktus erinnert zwar nicht selten an Dialoge aus der Bravo-Fotolove-Story, aber mit ausreichend Altersabstand kann man auch darüber lachen.

Mittlerweile ist das Teng wohltemperiert, das Publikum gut drauf. „Zugabe! Zugabe!“. Bevor diesem Bedürfnis nachgekommen wird, verkündet Moderatorin Paula die Gewinnerin: Hengameh entscheidet mit ihrer Hass-Liebe zum Emo-Sein und rebellischen Anwandlungen – „Ich will was bewegen, sei es auch nur die Schulordnung“ – das Finale für sich. Als Geschenk gibt es ein nagelneues Tagebuch.

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