Deutschland & Frankreich: Wie stehen junge Aktivisten zur Atom-Strategie ihres Landes?

Während die Bundesrepublik 2002 den Atomausstieg beschloss, plant der zentralistische französische Staat die Erneuerung seiner Atom-Infrastrukturen. Wie stehen junge Aktivisten auf beiden Seiten der Grenze zu den gegenläufigen Strategien der Nachbarländer? Die Vive l'Umwelt-Reporter haben nachgefragt.



„Wir müssen die Atom-Energie in Deutschland abschaffen“, sagt Albrecht Veil, Mitglied von Greenpeace in Freiburg. Er ist nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Die Bundesregierung hat 2002 beschlossen, die 17 deutschen Kernkraftwerke bis zum Jahr 2021 abzubauen, aber der Kampf des Freiburger Atomgegners geht weiter. Jetzt will Albrecht den Ausstieg aus dem Ausstieg verhindern. Er möchte verhindern, das es in Deutschland einen Rückschritt zur Atomenergie geben wird. In Frankreich ist die Lage weit weniger kompliziert: Solche Rückschritte kann es nicht geben, denn der Nuklearkern geht vor.


Atomkraft versus Energieabhängigkeit?


Mit 19 Kernkraftwerken, 58 Atomreaktoren und einem Anteil von 85% Atomstrom der gesamten Stromerzeugung hat sich Frankreich schon lange für die Atom-Strategie entschieden. Im Dezember 2007 hat der Bau des „European Pressurized Water Reactor“ (EPR) in der Normandie begonnen. Er wird im Jahre 2012 ans Netz gehen und die ältesten Kernkraftwerke ersetzen, die um 2020 geschlossen werden sollen.

„Es ist heute kompliziert, nein zur Atomenergie zu sagen, und es ist blöd, nein zur Atomforschung zu sagen“, sagt Jean-Philippe Vetter, Mitglied der Jeunes UMP, der Partei von Nicolas Sarkozy.

Diese Meinung ist in Frankreich recht weit verbreitet. Auch die sozialistische Partei reiht sich in den Konsens ein: Im letzten Präsidenschaftswahlkampf stellten die größten Parteien die Kernenergie nie in Frage. Selbst grüne Aktivisten engagieren sich in Frankreich manchmal für die Kernenergie. Einer von ihnen ist Jérôme Steibel, für den der Klimaschutz Priorität hat. "Die Kernenergie ist die sauberste Art der Energiegewinnung, denn sie emittiert nur wenig CO2." Der Erfolg der Nuklearenergie lässt sich auch damit erklären, dass Frankreich seit den Sechziger Jahren an nichts so festhält wie an seiner Unabhängigkeit in puncto Energie. Uran, das für die Atomstromerzeugung notwendig ist, wird aus Australien, Kanada, Kasachstan, Namibia und dem Niger importiert. Laut Atomkraftbefürwortern seien dies politisch stabilere Länder als diejenigen, die Erdöl und Erdgas produzieren.

Auf der Suche nach der idealen Lösung


Auch für einige deutsche Bürger ist die Unabhängigkeit ein entscheidender Vorteil der Kernenergie. „Wir müssen die Unabhängigkeit – vor allem von Russland – als Priorität behandeln“, meint Daniel Sander, Mitglied der Jungen Union. „Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Atomenergie“, sagt er gleichzeitig, „aber Frankreich ist auch kein Vorbild."

Deutschland solle seine Atomstromerzeugung verlängern, ohne neue AKW zu bauen, bis man eine andere Lösung gefunden habe. „Die Lösung? Man muss Ersatz schaffen“ fordert Anna-Maria Heußen, Mitglied bei den Jusos. So auch Kai-Achim Klare, Chef der Jusos in Freiburg: „Es ist nur eine Frage des politischen Willens, in die regenerativen Energien zu investieren.“ Freiburg mit seinen zahlreichen Solaranlagen stelle hierfür ein gutes Beispiel dar. In Frankreich fehlt dieser politische Wille anscheinend. „Wir müssen in die Forschung der erneuerbaren Energien investieren“, so Michel Risser, Ingenieur in Straßburg und Atomgegner.

Grafik: Strom-Mix in Frankreich



Heute liegen die erneuerbaren Energien im Strommix Frankreichs bei knapp 1%, verglichen mit 12% in Deutschland. Daniel Sander von der Jungen Union bleibt skeptisch: „Können die erneuerbaren Energien die Atomkraft heutzutage ersetzen? Ich bin nicht davon überzeugt.“ Nur auf Ökostrom zu setzen sei unrealistisch, da erneuerbare Energien nicht effizient genug seien, um den Bedarf zu decken.

Sicherheitsprobleme


In Frankreich ist die Antwort auf die Frage nach dem Atomausstieg einfach: der Anteil der Atomenergie ist so groß (85% der Stromerzeugung, 26% in Deutschland), dass die erneuerbaren Energien sie heute nicht ersetzen könnten. Darüber sind sich alle einig. „In Frankreich ist es schwieriger als in Deutschland“, so Albrecht Veil, „sie haben so viel im Atombereich investiert.“ „Es ist schon klar, dass wir in Frankreich den Atomausstieg nicht von einem Tag auf den anderen realisieren können“, gibt Michel Risser zu. „Ich bin trotzdem absolut gegen Atomkraft, unter anderem wegen dem Problem des Atommülls.“

Grafik: Strom-Mix in Deutschland



Dies stellt einen weiteren Streitpunkt dar. „Wie sicher die Lagerstätten sind, ist nicht geklärt“, fürchtet Greenpeace-Mitglied Katja Vieten. Für den französischen Aktivisten Jean-Philippe Vetter stellen die Atomabfälle kein Problem dar, wenn sie sicher und gut aufbewahrt werden. Er vertraue auf die neuen Atomtechnologien, um dieses Problem zu lösen.

„Natürlich ist Sicherheit das Wichtigste. Nehmen wir den Fall Fessenheim. Eines ist klar: Man muss ein Kernkraftwerk schließen, sobald es den geringsten Zweifel wegen Strahlung gibt“, sagt Jean-Philippe Vetter. „Sicherheit geht immer vor“, sagt Daniel Sander vertrauensvoll.

Dieses Vertrauen in die Technik teilen deutsche und französische Atomgegner nicht – für sie sind Atomkraftwerke nicht sicher.