Der Wolf und die Wahrheit der Kreide

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, warum der Wolf Kreide frisst? Im berühmten Grimm-Märchen "Der Wolf und die sieben Geißlein" verschafft sich der böse Fleischfresser mit einem perfiden Trick Zugang zum Haus der Ziegen, während Mama shoppen ist. Da die Kleinen gewarnt wurden, dass der Wolf eine tiefe Stimme hat, frisst er einfach Kreide, und sie wird zart und lieblich. Ein Trick für jeden Möchtegern-Tenor?

Wer eine weichere Stimme bekommen will, sollte auf keinen Fall die runden oder viereckigen Stücke von der Tafel klauen. Denn was mal wirklich Kreide war, ist heutzutage in den meisten Fällen gar keine mehr. Statt das meist nur noch in Naturschutzgebieten (wie etwa die berühmten Felsen von Rügen) vorkommende Calciumcarbonat in Stücke zu pressen, wird heut statt des Minerals Kreide vielfach besonders gemixter Gips benutzt, der chemisch Calciumsulfat ist, also Schwefel enthält.


Doch in den Zeiten, als Wölfe noch freundlich an europäische Ziegenhaustüren klopften, war Kreide tatsächlich noch natürliche Kreide. Und die wurde auch medizinisch genutzt: Gelöst in Wasser ergibt sich eine leicht basische Lösung, mit der sich Magensäure und damit Sodbrennen neutralisieren läßt. Wofür wir heut in der Apotheke Pülverchen kaufen oder Backpulver schlucken, biss man früher einfach in den richtigen Felsen.

Davon bekam man wirklich eine etwas zartere Stimme: In den von der Magensäure angefressenen Schlündern vor allem älterer Herren bewirkte die Kreide eine eindeutige Beruhigung. Der Resonanzraum der Stimme, zu dem auch die Speiseröhre gehört, konnte sich erholen und langfristig verlor deren Klang das Reibeisenhafte. Doch eine Akuttherapie, wie der Wolf sie durchführte, gehört eindeutig ins Reich der Märchen.