Der Trauerredner

Meike Riebau

Wolfgang Reiffer arbeitet als Trauerredner. Eine Mischung aus Zeremonienmeister und freundlichem Zuhörer, so beschreibt der Theologe seine Aufgabe. 300 Todesfälle hat er bis jetzt begleitet. Reiffer über Suizid, Distanz und den Tod junger Menschen.



Danach kommt alles raus

Max Frisch hat einmal gesagt, man sollte dem anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen ins Gesicht schleudern. Das versuche ich, soweit wie möglich, bei meiner Arbeit zu beherzigen. Ich lerne Familien in Ausnahmesituationen kennen. Häufig kommt da ein enormer Zusammenhalt zum Vorschein, und manchmal leider genau das Gegenteil.

Ich kenne die Toten ja nicht, über die ich später bei der Feier sprechen soll, deshalb muss ich vor allem gut zuhören können. Da wird vieles ans Tageslicht gezogen, da werden problematische Ehen besprochen, da kommt raus, wer von wem beim Erbe übervorteilt wurde. Manchmal kann ich den Zorn der Familienmitglieder ja sogar ein wenig verstehen – einmal hatte ich zum Beispiel einen Fall, da hat die Verstorbene jahrelang die Rente ihres Mannes einer Sekte überwiesen, anstatt ihre Kinder zu bedenken.

Da ist es dann nicht so leicht, die passenden Worte zu finden. Ich versuche zu erspüren, was die Familie möchte: Ich benenne die Dinge, wenn die Familie es möchte. Ich handle immer nach dem Grundsatz: „Du weißt nicht, warum einer so geworden ist, wie er ist." Auch wenn manche Fälle sehr schwer zu verstehen sind, wie etwa Freitode.

Da sitze ich manchmal lange an meinem Schreibtisch. Erklären kann ich natürlich nichts. Nur zuhören und mich einfühlen, was ja manchmal auch schon viel ist. Ich hatte den Fall einer alten Dame, die hat viermal versucht, sich das Leben zu nehmen, weil sie das Leben im Altersheim so schrecklich fand.

Motorradunfall

Wobei ein solcher Fall noch leichter zu behandeln ist als der Tod junger Menschen. Bei einem solchen Fall war ich auch das einzige Mal froh, dass ich einen Auftrag nicht übernehmen konnte. Ich bin zufällig an einer Unfallstelle vorbeigekommen, in Köln. Es handelte sich um einen jungen Motorradfahrer. Kurz darauf wurde ich von einer Freiburger Familie in einem sehr ähnlichen Fall gefragt, ob ich das übernehmen könnte, es war reiner Zufall.

Ich hatte keine Zeit, und hinterher war ich deshalb fast ein wenig erleichtert. Weil es ja in meinem Beruf auch immer darum geht, die Balance zu wahren, sich nicht zu sehr hineinziehen zu lassen, eine professionelle Distanz zu wahren.

Deshalb suche ich mir viel Ablenkung, gehe ins Kino, viel wandern, einfach raus. Anfangs war es schwieriger, solche Dinge loszulassen, es ist eine Frage der Erfahrung.



Abschied und Beliebtheit

Trotz dieser ständigen Gratwanderung mag ich den Beruf sehr. Ich finde, die Totenfeier ist etwas ungeheuer Wichtiges. Sie ist wichtig, um einen wirklichen und sichtbaren Abschied zu finden. Denn nur, wenn man sich klar gemacht hat, dass der andere nicht da ist, kann man auch mit dem eigenen Leben weitermachen.

Manchmal kommt es vor, dass Angehörige selbst in der Trauerfeier aktiv werden wollen, wie letztens etwa: Da hatte ich eine Trauerfeier, in der ein Angehöriger Saxophon gespielt hat. Das war traumhaft schön. Auch schön ist, wenn die Angehörigen überrascht sind, wer alles kommt. Wenn sie sehen wie beliebt, wie angesehen ihr Vater im Ort war. Dann ist die Kirche auf einmal rappelvoll, obwohl das niemand erwartet hätte. Aber es ist natürlich nicht die Anzahl der Gäste, die zählt. Manchmal können drei Menschen allein einen wunderbaren Abschied feiern.

Offene Rechnungen

Mein schönstes Kompliment als Trauerredner ist, wenn die Menschen denken, ich hätte den Toten vorher gekannt. Einmal haben sogar Leute zur Witwe gesagt: “Mensch, wir waren doch auf all euren Feiern, warum haben wir den nie gesehen?“

Gelernt habe ich durch diesen Beruf vor allem eines – man sollte sich immer fragen, „Habe ich noch Rechnungen offen?“ Man sollte am Ende guten Gewissens gehen können."



Zur Person

Wolfgang Reiffer, geboren in Köln, ist Diplom-Theologe, Musikwissenschaftler und Gestaltungstherapeut. Er studierte Theologie an der Universität Freiburg, unter anderem bei Karl Kardinal Lehmann. 1999 entschloss er sich, Trauerredner zu werden.

Mehr dazu:

Wolfgang Reiffer: Homepage
Wikipedia-Artikel: Trauerredner