Der Synkopenliebhaber

Gina Kutkat

Ricardo Magnus ist 29 Jahre alt und Gründer der Rebeat Funk Night im Ruefetto. Am 19. Oktober steigt die große Jubiläumsfeier zum Vierjährigen. Warum Ricardo sich trotzdem nicht als Nachtmacher sieht, lest ihr in folgendem Portrait.



Der Zwang des Funks

Ricardo Magnus hat viel zu erzählen. Soviel, dass das Tonband knapp wird. Eines wird während unseres Gesprächs deutlich: er möchte nicht nur als Rebeat Funk Night Organisator angesehen werde und schon gar nicht als Partymacher. Dafür kennt er sich zu wenig in dem Metier aus, die Rebeat Funk Night entstand eher aus einer Not heraus.

"Ich litt sehr darunter, dass es Funk-mäßig keine Parties gab." Nur die Musikhochschulparties spielten zu dieser Zeit Funk, aber die waren schlimm.

Durch Zufall traf Ricardo den Besitzer vom Ruefetto und der bot ihm sofort an, eine Funk Party im Ruefetto zu organisieren. Zusammen mit seinem Freund Marc fing er dann an, Flyer zu entwerfen und die Sache ins Rollen zu bringen. "Wir mussten sehr viel Werbung machen und den Leuten erklären, wo das Ruefetto ist. Das wussten nämlich die meisten gar nicht."

Fragt man Ricardo, was denn das Besondere am Funk sei, gerät er ins Schwärmen. "Eine Funkband ist wie ein Uhrwerk. Und doch ist Funk nicht metronomisch. Es ist unheimlich sexy, wie Funk gespielt wird - dem kann man nicht entgehen. Die alten Bands spielten einfach so, wie sie es konnten. Es war unperfekt, aber echt. Der analoge Klang ist einfach fantastisch."



Südamerika

Ricardo war schon als Kind von synkopierten Rhythmen fasziniert. Synkopen sind rhythmische Verschiebung durch Bindung eines unbetonten Wertes an einen folgenden betonten. Seine Mutter ist Brasilianerin aus Porto Alegre, auch dieser Umstand trug zu Ricardos musikalischer Prägung bei.

"Durch die Sklaverei gelangte die Afromusik nach Brasilien und ganz Südamerika. Später fusionierte sie mit südamerikanischen Elementen. Meine andere große Vorliebe war schon immer Jazz. Wenn man den Blues dazu nimmt, ergeben sich die drei wichtigsten Funk-Zutaten: Afro-Amerikanisch-Blues-Roots."

Musikalische Sozialisation

Eine New Orleans Jazz Platte von seinen Eltern war dann der erste Schritt in Richtung Funk. "Die hörte ich als Kind und kann mich immer noch mit Klarheit an jene Melodien erinnern. Es gab bei uns auch ganz viele brasilianische Platten, die ständig gespielt wurden: Caetano Veloso, Toquinho, Vinicius, Chiquo Buarque, Maria Betanha und andere."

Als einer der ersten besaß Ricardo als Jugendlicher einen Sony-CD Player, den ihm die Frau des Chefs seines Vaters aus Europa mitgebracht hatte. Sie schenkte ihm auch seine erste CD: Elton John - Greatest Hits.

Ricardo wurde zunächst einmal Rocker, hörte Led Zeppelin, Creedence Clearwater Revival, Beatles und Gentle Giant. Zu dieser Zeit begann er auch Schlagzeug zu spielen.

Einen genauen Zeitpunkt oder eine spezielle Platte, die ihn zur Funkliebhaber machte, gibt es nicht. "Man muss den eigenen Geschmack immer aufs Neue erobern und weiter entwickeln und entdecken. Ich entdeckte Funk nicht an einem Nachmittag um yyy Uhr am Ort xxx. Ernsthafter Deep Funk Collector bin ich erst seit etwa sechs oder sieben Jahren. Seit dem recherchiere ich ohne Pausen."



Klassik vs. Funk

Ricardo kam 1999 aus seinem Heimatland Argentinien nach Freiburg und studierte an der Musikhochschule Historische Tasteninstrumente. Dazu zählen Cembalo, Clavichord, Fortepiano und die Orgel.

"Viele Klischees in Bezug auf die klassische Musik stimmen. Viele Leute der Musikhochschule haben keinen Bezug zur Musik. Sie versuchen, nach den Regeln der Schönheit zu spielen, aber sie fühlen die Musik nicht."

Ricardo spielt nur Musik, die ihm gefällt, denn gute Musik birgt seiner Meinung nach Gefühle, die mit Erfahrungen verbunden sind. Zu einer seiner bedeutendsten Erfahrungen zählt ein Erlebnis mit seinem Musikprofessor. "Ich spielte hier an der Hochschule Cembalo. Dass ich Schlagzeug spiele, habe ich meinem Professor lange nicht erzählt, weil ich Angst davor hatte. Als er es einige Zeit später erfahren hat, war er begeistert und meinte nur ,Musik ist Musik'."

...und nicht alles in Ricardos Leben. Er liebt Sport. "Und Frauen und Kunst, ich hatte wirklich tausend andere Lieben vor der Musik. Ich spielte leidenschaftlich gerne Fußball und studierte später in einem Museum Malerei -  ich wollte eigentlich Maler werden. Als dann die Musik kam, war alles andere zweitrangig."

Bei der Rebeat Funk Night wird nächsten Freitag der vierjährige Geburtstag gefeiert. Als Gast kommt Jazzman Gerald, der für Ricardo's Entwicklung maßgebend war. "Diese Platten zählten damals zu den raresten Vinyls die ich besaß. Danke Gerald!"

Angesichts Geralds Besuch ist Ricardo aufgeregt. "Es ist aber eine schöne Aufregung. Mir gefällt auch die Rolle des Gastgebers – und da bin ich etwas aufgeregt: was wird er von der Location sagen? Wie wird er den Sound finden? Wie wird der Kontakt zum Publikum entstehen?" Bevor Jazzman Gerald auflegt, wird Ricardo an den Plattentellern stehen - unter seinem Künstlernamen Thelonius Funk.



Pimp my Ruefetto

An Sound-Equipment schafft Ricardo zum Vierjährigen das Doppelte an. Er will nicht lauter, sondern qualitativer werden. Außerdem bringen die Rebeat Funk Night Macher ihr eigenes Barpersonal mit, damit alles auch ein bißchen professioneller wird. "Ich finde so etwas wichtig, genau so wie einen guten Türsteher. Die Leute, die mitarbeiten, sind genauso wichtig wie die DJ's. Wenn jemand gut hinter der Bar ist, dann ist das für mich Kunst. "

Eine andere Location als das Ruefetto kommt für Ricardo nicht in Frage. "Wir haben das Ruefetto quasi entdeckt, wir sind dort geboren. Dieser Keller ist anders als die anderen. Er hat viele Schwächen, aber auch seine Stärken."

Ein Highlight der Rebeat Funk Night Geschichte funkte jedoch woanders. Das Konzert von „Sharon Jones & The Dap Kings“ fand am 5. Mai 2006 im Waldsse statt. "Wir hatten unheimlich viel riskiert für dieses Konzert. Es hat sich gelohnt: traumhaftes, internationales Publikum, exzellenter Sound-Techniker und ein unvergessliches Konzert, das immer noch in meinen Ohren in Repeat-Funktion nachgespielt wird."



James Brown und die Japanconnection

In naher Zukunft wollen Ricardo und Marc ihre eigene Single-Platte fertig aufnehmen. "Außerdem stehen wir in engem Kontakt mit „Osaka Monaurail“, einer atemberaubenden JB-Style Band aus Japan. Mit ein wenig Glück kommen sie Ende des Jahres nach Freiburg."

Einer wird die ganzen Rebeat Funk Parties leider nicht mehr miterleben - der Vater des Funks, James Brown. Sein Todestag jährt sich am 25. Dezember zum ersten Mal. Ricardo und Marc druckten unzählige Plakate als sie von dem Tod erfuhren, die sie als Andenken in der ganzen Stadt platzierten. Eine James Brown Tribute Party soll es, wie schon im Januar 2007, auch im Jahr 2008 wieder geben.

 
Was: Rebeat Funk 4 Years Anniversary
Wann: Freitag, 19. Oktober 2007, 22h
Wo: Ruefetto Freiburg
Eintritt: 5€

Mehr dazu:

Rebeat Funk Night: WebsiteJazzman Gerald: MySpace
fudder: Ricardo Magnus über James Brown