Der Sound von Schlafmangel: Schlagbohrer, Weckerticken, frühe Vögel

Marc Röhlig

fudder-Mitarbeiter Marc Röhlig startet ein Experiment: Effizienter Lernen und Arbeiten durch polyphasischen Schlaf. Klappt das? Das Protokoll der ersten Nacht ...



Montag I, 16.25 Uhr

Okay, ich habe es getan. Ich würde es nicht „point of no return“ nennen, aber es ist jetzt innerlich amtlich: Von 15.50 Uhr bis 16:10 Uhr fand meine erste Schlafeinheit statt. Rechner aus, Anlage aus, Fenster zu und ab ins Bett. Draußen haben Kinder geschrien, irgendwo im Haus arbeitete ein Schlagbohrer und ich entschlummerte sanft … Der Uberman begann.

Ich hatte mich zuvor noch gefragt, ob ich es wirklich durchziehen soll. Ich komme zwar generell ohne viel Schlaf aus, aber mag ihn dann doch zu sehr, um ihn so zu verstümmeln. Doch die Neugier ist stärker: Ich bin ein „Probieren-statt-Studieren“-Typ. Ich will wissen, wie jemand so dämlich sein kann, und sein Leben nach der Diktatur der Weckuhr zu gestalten, um effizienter zu werden. Der Weg zur Antwort kann nur sein: Ich spiele zwei Wochen lang selbst den Dämlichen.

Aber ich muss gestehen, ich habe mich nicht gut vorbereitet. Keine Augenbinde gegen das Licht, keine Ohrstöpsel gegen den Lärm (blöder Schlagbohrer). Stattdessen habe ich mir vier Packungen Espresso, eine zusätzliche Ladung Filterkaffee, Energieriegel und Koffeinschoki gekauft. Bis eben dachte ich, es wird schwierig, wach zu bleiben. Nun, nach der noch unspektakulären Nachmittagseinheit, weiß ich: Es ist noch schwieriger, auf Kommando zu schlafen.

   

Dienstag I, 0.26 Uhr

Zwei weitere Eingewöhnungsphasen liegen hinter mir – Schlaf allerdings nicht. Meine Freundin war zu Besuch und ist direkt neben mir eingeschlafen. Mich hat in der Zwischenzeit das Ticken der Uhr, das Brummen des Kühlschranks, das Rauschen der Wasserleitungen gestört. Erwähnte ich schon das Ticken der Uhr?

Wahrscheinlich ist mein Kopf noch nicht bereit für das Experiment. Oder zu-sehr-bereit. Warum soll ich auch schlafen, wenn ich sowieso in 20 Minuten wieder raus muss. Ich habe, meine Freundin ist längst gegangen und hat mir schelmisch „happy nappy“ gewünscht, nun ein bisschen Uni-Kram gelesen. Es wird Zeit für eine Arabischübersetzung. Unschön.

Damit ich nicht vom Kurs abkomme, habe ich mein Handy auf Alarm getrimmt. Zwölf Mal am Tag klingelt es nun, mit täglicher Wiederholung. Sechs Termine erinnern mich daran, nun so rasch wie möglich einen Schlafplatz zu finden. Sechs weitere holen mich kurze Zeit darauf aus dem Traumland zurück.

Beim Uberman ist nicht wichtig, dass man in gleichen Intervallen schläft – sondern dass man in Regelmäßigkeit schläft. Ich habe mir daher einen Plan zusammengestellt, der sich – mit Mühe und Not – in meine Vorlesungszeiten einschmiegt. Ab 23, 3 und 7 Uhr wird jeweils für 20 Minuten geschlafen, beim Mittagstermin nur von 12 Uhr bis 12.15 Uhr. Nachmittags nappe ich von 15.50 Uhr bis 16.10 Uhr und abends von 20.15 Uhr bis 20.40 Uhr, um die verlorenen Mittagsminuten nachzuholen. Alle Termine außerhalb meiner Uni muss ich nun um die Schlafzeiten herumbasteln.


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Dienstag I, 5.03 Uhr

Wenn ich an meinen Schreibtisch sitze, sehe ich vor mir den Schwarzwald. Und dieser wurde seinem Namen noch nie so gerecht: Pechschwarze Baumzacken zeichnet die Morgensonne vor einen glimmenden dunkelblauen Himmel. Der Kontrast ist kaum zu erkennen, und auch der Begriff Morgensonne wird ihr spotten, wenn sie sich in wenigen Stunden vollkommen über die Baumkronen erhoben hat. Seit einer halben Stunde zwitschert schon irgendein Vogel.

Der 3-Uhr-Schlaf war der erste, der funktionierte. Aber jetzt bin ich müde und unkonzentriert, will, dass es endlich Zeit für die nächsten 20 Minuten ist. Arabisch habe ich nicht ganz geschafft. Dafür die letzten Folgen von „Californication“, Staffel Vier.