Der Schutzbrief für die Liebe

Carolin Buchheim

Früher oder später kommt jede noch so glückliche Beziehung in der Realität an. Der Traumtyp lässt am Morgen die Zahnpastatube am Waschbeckenrand liegen und kommt am Abendallzu spät von der Arbeit heim. Die Traumfrau ist neuerdings Mutter, aber will natürlich ab und zu mit ihren Freundinneneinen ’drauf machen. Die Beziehungskrise droht. Das Gesprächstraining EPL soll schon vorher helfen: Junge Paare sollen lernen, wie man richtig miteinander redet, bevor Alltagsprobleme die Liebe zermürben können. Vorsorge statt Paartherapie oder gar Trennung. Ein Kommunikationstraining als Schutzbrief für die Liebe.



Ein stylischer Werbespot läuft vor dem Film in einem Freiburger Kino: Ein weißer Raum, ein junges Paar um die zwanzig, das die Problemchen des Zusammenlebens spielt. Schmutziges Geschirr im Waschbecken, herumliegende Klamotten,er vor dem PC, sie frustriert auf dem Bett.


Es ist ein Werbespot für „1000 Kleinigkeiten“. Dahinter verbirgt sich EPL, „Ein partnerschaftliches Lernprogramm“, ein Kommunikationstraining, welches das Erzbistum Freiburg speziell für Paare anbietet, die am Anfang ihrer Beziehung stehen.

Reden als Chance für die Liebe

Heike und Volker Behr sind gut zehn Jahre älter als das Pärchen im 1000-Kleinigkeiten-Werbespot. Für das Paar aus Kenzingen läuft alles nach Plan: Sie sind seit fünf Jahren verheiratet, Eltern zweier kleiner Kinder. Und glücklich. Natürlich hätten sie gerne mehr Zeit für einander und Zeit für sich, wie das eben so ist, am Anfang des Elternseins. Aber sie haben keine Probleme, höchstens Problemchen. In der Kirchengemeinde entdeckt Volker zufällig einen Flyer für einen EPL-Kurs. Heike hat zunächst nicht so recht Lust darauf. „Wir brauchen das doch gar nicht“, meint sie. Aber Volker überzeugtsie. Das macht die beiden zu einem untypischen EPL-Paar.

„Meist ist die Frau die treibende Kraft hinter einer Kurs-Teilnahme“, erklärt Andreas Mähler,Referent an der Katholischen Regionalstelle Breisgau-Schwarzwald-Baar. Er ist EPL-Trainer und bei der Regionalstelle für die EPL-Kurse verantwortlich. „Unsere Wochenendkurse sind keine Express-Paartherapie. Sie sollen vorbeugend wirken. Wir wollen den jungen Paaren Strategienaufzeigen, wie sie gut miteinander umgehen können und diese mit ihnen einüben.“



An einem Freitagabend im Oktober, die Kinder sind bei Heikes Eltern, sitzen Heike und Volker mit drei anderen Paaren und zwei Kommunikationstrainern in der katholischen Regionalstelle in Günterstal. Eine einzige Übung machen alle Paare gemeinsam,dann beginnt das eigentliche Seminar.

Das verbringen die Paare jeweils alleine in einem Raum, dort werden alle Übungenunter Anleitung der Trainer durchgeführt. So bleibt die Intimsphäre eines jeden Paars geschützt, niemand muss sich vor anderen Kursteilnehmern offenbaren. „Ich glaube, Volker und ich warenseit unseren Flitterwochen nicht so lange alleine in einem Raum“, sagt Heike lachend.

In der ersten Hälfte des Seminarserlernen die Teilnehmer die Grundlagen guter partnerschaftlicher Kommunikation. „Da geht es um faires, offenes Sprechen ohne Verallgemeinerungen und aktives Zuhören“, erklärt Andreas Mähler. „Dann üben die Paare, Gefühle offen auszusprechen und erlernen schließlich einen Fahrplan zur gerechten Konfliktlösung.“

In der zweiten Hälfte des Seminars geht es dann an die Substanz. Die frischerlernten Fähigkeiten werden im Umgang mit drei Themenbereichen ausprobiert: Erwartungen an die Partnerschaft, Erotik und Sexualität sowie Glaube, Ethik und Wertvorstellungen. „Mir ist es ganz schön schwer gefallen, einfach so über Sexualität zu sprechen“, sagt Heike. Trotzdem erlebt das Paar diesen anstrengenden Teil des Seminars positiv. Sie merken: ihr eigentliches Problem war, dass sie nicht richtig miteinander geredet haben.

Bewährungsprobe Alltag

Am Sonntagabend nach dem Seminarist das Paar euphorisch, hat aber genug von der ganzen Rederei. Heike und Volker verabreden, sich erst vier Wochen später noch einmal zusammenzusetzen und das Seminar noch einmal zu besprechen.

Es werden sechs, bis sie es tatsächlich tun.„Wir haben es sofort schleifen lassen und danach gemerkt, dass wir doch mehr auf uns Acht geben und auch im Alltag bewusst miteinander reden müssen“, sagt Heike.

Seitdem sind einige Wochen vergangen. Heike und Volker haben einen freien Tag zum Ausgehen vereinbart. Überhaupt reden sie mehr und besser miteinander.

Ihre Problemchen haben sie locker im Griff.

Mehr dazu:


EPL – Ein partnerschaftliches Lernprogramm

EPL richtet sich speziell an Paare, die noch nicht lange zusammen sind. An  zwei oder drei  Seminartagen bearbeitet das Paar für sich alleine, aber von Kommunikationstrainern unterstützt, sechs Themenkomplexe rund um Kommunikation und Partnerschaft.

Entwickelt wurde EPL 1988 vom Institut für Forschung und Ausbildung in Kommunikationstherapie in München. Wissenschaftliche Studien bescheinigen EPL-Teilnehmern eine  deutlich niedrigere Scheidungsquote als dem Bevölkerungsdurchschnitt.

EPL wird vor allem von konfessionellen Beratungsstellen angeboten, die Kosten sind je nach Anbieter und zusätzlichen Leistungen  wie Übernachtungen, unterschiedlich. Sie liegen zwischen 55 und 300 Euro pro Paar, Rabatte für Auszubildende und Studenten sind manchmal möglich. Für Paare, die schon länger zusammen sind, gibt es ein ähnliches Training: „Konstruktive Ehe und Kommunikation“ (KEK) .

[Foto: Symbolbild, Fotolia]