Der SC als Nachbar: Was Anwohner in Littenweiler vor dem Bürgerentscheid denken

Tim Eulig, Carlos Juan & Arbnor Kuqi

Am 1. Februar 2015 können Freiburgerinnen und Freiburger entscheiden: Wird der SC ein neues Stadion am Wolfswinkel im Freiburger Westen bauen? Auf dem Weg zum letzten Heimspiel vor der Winterpause haben wir mit den Menschen geredet, die seit Jahren Nachbarn des Schwarzwaldstadions in Littenweiler sind - und Freiburger Studierende gefragt, ob sie ein neues Stadion wollen.



Es ist der letzte Spieltag vor der Winterpause und somit auch die letzte Möglichkeit frühzeitig aus dem letzten Tabellenplatz auszubrechen. Mit Hannover 96 trifft der SC Freiburg auf einen desolat starken Gegner, was die Situation noch spannender macht. Es ist Sonntagmittag, der Weg zum Stadion ist, wie üblich, ein schwieriges, aber dennoch interessantes Unterfangen. Überfüllte Straßen und Straßenbahnlinien zwingen die Fans dazu, sich frühzeitig auf dem Weg zum Dreisamstadion zu machen. Kein Wunder, 23550 Leute wollen heute die Partie live miterleben.


In der Linie 1 sitzen und stehen die Leute eng aneinander, jedoch scheinen sich nur die wenigsten Fans an der Enge zu stören. Vielmehr wird freundlich über das anstehende Spiel, ein mögliches Ergebnis und verletzte Spieler diskutiert. Auch die Stadiondebatte beschäftigt die Fans. „Ich freue mich schon auf das neue Stadion“ hört man. Oder: „Im neuen Stadion wird der Fussball noch lebendiger.“

Auf dem Weg von der Haltestelle Römerhof bis zum Stadion fühlt man sich wie auf einer Festtagsveranstaltung. Singende Fans, lachende Gesichter, ab und an eine Bierflasche am Straßenrand. Hier und da hört man auch aufgehitzte Gemüter grölen, aber insgesamt ist die Stimmung sehr angenehm.

Wie lebt es sich, so nah am Stadion, wo alle zwei Wochen Zehntausende vorbei ziehen? Je näher man zur Schwarzwaldstraße kommt, desto mehr Rolläden scheinen herunter gelassen. Lässt man hier schon am frühen Abend die Rolläden runter oder will man sich vor der Geräuschkulisse schützen?

"Viel Spaß!" ruft eine Frau um die 70 den vorbeilaufenden Fans aus ihrem Vorgarten heraus zu. „Wir persönlich finden es sehr traurig, dass bald nicht mehr so viele Menschen hierherkommen werden", sagt ihr Mann. "Das hier ist ein besonderer Ort, an dem sich Leute treffen, um sich an etwas schönem zu erfreuen. Zudem ist es hier in der Gegend eher ruhig, da ist es angenehm, wenn mal etwas passiert." Die beiden SC-Nachbarn schauen selbst gerne Fußball, allerdings nicht mehr im Stadion. "Lieber vor dem Fernsehen!“

Ein paar Häuser weiter mäht ein weiterer Nachbar vor seiner Doppelhaushälfte den Rasen. Er freut sich auf einen möglichen SC-Umzug. „Darauf habe ich, ehrlich gesagt, schon lange gewartet. Man kann sich gar nicht vorstellen, was hier schon für Dinge geschehen sind", sagt er. Allkoholisierten Fans hätten schon Gartenfiguren zertrümmert oder Flaschen an die Häuserwände geworfen. "Die Leidtragenden waren dann meistens eben die Anwohner", sagt er. "In einem Stadion außerhalb der Stadt, passiert sowas nicht.“

Eins der größten Probleme im Viertel sind bei den Heimspielen aber das Parken und Verkehr. Die Straßen zwischen Hansjakobstraße und Schwarzwaldstraße werden von Ordnern abgesperrt, damit niemand duchfährt oder versucht, zu parken. Wo das Parken erlaubt ist, geht es wild zu. Manche kleinere Autos parken quer in engen Parklücken, jeder Zentimeter Platz wird verwendet. Der Stau auf der Schwarzwaldstraße ist so lang, dass man das Ende nicht sehen kann.

An diesem Sonntag steht eine junge Frau, die mit ihrem kleinen Kind im Auto in ebendiesem Stau. „Ich bin überglücklich darüber, dass das Stadion vielleicht umzieht", sagt sie. "Ich finde bei meinem eigenen Haus keinen Parkplatz. Soll ich etwa zehn Häuserblocks weiter weg parken und dann nach Hause laufen? Das ist leider ziemlich oft so und meistens versuche ich lange vor den Spielen da zu sein, aber manchmal klappt das eben einfach nicht. Es ist nervig und treibt mich manchmal in den Wahnsinn.“

 

Warum will der SC Freiburg ein neues Stadion?

Der SC Freiburg verzichtete in der Vergangenheit immer wieder auf Zusammenarbeit mit Großinvestoren - somit ist das Budget des Vereins im Vergleich zu anderen Vereinen in der Bundesliga ziemlich gering. Ein neues Stadion, so argumentiert der Verein, sei zwingend notwenig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. 1999 hat der SC das Dreisamstadion zuletzt umgebaut.

Der Verein gibt an, dass die Nachfrage an Stadionplätze mit dem aktuellen Stadion nicht gesättigt werden könne, da die Kapazität der Zuschauerbühnen zu gering sei. Zudem hat das Stadion keine VIP-Logen, die an Sponsoren und Prominente vergeben werden können, und verfügt über verhältnismäßig wenig Werbefläche, wodurch dem Verein Werbeeinnahmen unerschlossen bleiben. Schließlich entspricht das Fußballfeld nicht den Anforderungen des DFL: Das Feld ist 4,5 Meter zu kurz und weist ein zu hohes Gefälle auf.

Der Verein muß für jede Saison eine Sondergenehmigung beantragen, damit dort Bundesligafußball gespielt werden kann. DFL-Chef Rettig sagte in einem Interview mit der Badischen Zeitung, dass diese "seit Jahren [...] auf immer wackligeren Beinen" stehe.

 

Der Weg zum Bürgerentscheid über ein neues SC-Stadion

1999
Der SC nimmt die vorerst letzten Umbaumaßnahmen am Dreisamstadion vor: die Nord- und Osttribüne werden erweitert.

2005
Die maximale Anzahl der Zuschauerplätze im Dreisamstadion wird vom Verwaltungsgericht Baden-Württemberg auf 25.000 festgelegt.

2009
Der SC gibt erste Studien für ein neues Stadion in Auftrag.

2009
Die Debatte um ein neues Stadion wird durch das Gerücht angefeuert, der Europapark wolle den SC nach Rust holen

2010
Der Freiburger Gemeinderat debattiert erstmals über einen Stadionumbau.

2011
Der SC präsentiert ein Gutachten von Frankfurter Architekturbüro AS&P, das 25 mögliche Standorte für ein neues Stadion überprüft.

2012
Ein Gutachten von Ernst & Young ergibt, dass ein Umbau des Dreisamstadions unwirtschaftlich sei.

2012
Der Gemeinderat entscheidet sich für einen Stadion-Neubau.

2013
Ein Gutachtenverfahren über die drei Standorte Hirschmatten, Wolfswinkel/Flugplatz und Hettlinger wird bekanntgegeben.

2014
Der Standort Wolfswinkel wird mit großer Mehrheit im Gemeinderat zum geeignetster Bauort gewählt.



Die Argumente

 

PRO

Stadion in Freiburg: Fakten  
  • Investiert die Stadt jetzt in einen Stadion-Neubau, verfügt sie auf lange Sicht über mehr Mittel
  • Ein Neubau würde die Existenz des SC langfristig sichern
  • Der SC ist ein wichtiges Aushängeschild für Freiburg
  • Der Freiburger Flugplatz würde durch einen Neubau nicht eingeschränkt
  • Eine höhere Zuschauerkapazität führt zu höheren Einnahmen für den SC und gibt mehr Menschen die Möglichkeit, die Spiele live zu erleben
  • Der Wolfswinkel mit allen Verkehrsmitteln gut erreichbar
  • Es ist baurechtlich so gut wie ausgeschlossen, dass das Dreisamstadion weiter ausgebaut werden kann
  Freiburg für Fairplay  
  • Ein Stadionneubau würde die Wettbewerbsfähigkeit des SC hochhalten
  • Ein Neubau würde den SC und die damit verbundenen regionalen Arbeitsplätze absichern
   

CONTRA

Freiburg Lebenswert  
  • Die Bürger übernehmen Kosten für die Risiken eines Stadionneubaus.
  • Der Standort Wolfswinkel ist nicht zukunftsfähig.
  • Der Erhalt des Profi-Fußballs in Freiburg ist nicht von übermäßiger Bedeutung.
  • Das Klima sowie die Flora und Fauna würden durch den Neubau beeinträchtigt.
  • Das Gutachten zur Verkehrstauglichkeit des Standortes Wolfswinkel gibt keine sichere Antwort, da dieser zu variabel ist.
  • Der DFL sieht die Situation des Dreisam-Stadions als aktzeptabel an.
  Bürgerinitiative Pro Flugplatz  
  • Der Lebensraum Flugplatz muss geschützt werden.
  • Der Neubau zerstört die Sportstätte der Segelflieger in Freiburg.
  • Der Neubau gefährdet die Flugsicherheit.
 

Der Bürgerentscheid

Am 1. Februar 2015 können alle Freiburger in einem Bürgerentscheid über den Neubau des SC Stadions am Wolfswinkel entscheiden.

Abgestimmt wird über folgende Frage:

"Sind Sie dafür, dass die Stadt Freiburg den SC Freiburg bei der Realisierung eines Fußballstadions im Wolfswinkel auf Grundlage des vom Gemeinderat befürworteten Organisations-, Investitions- und Finanzierungskonzepts (Anlage 3 zur Gemeinderatsdrucksache G-14/183) unterstützt?"
 
Wahlberechtigt
sind alle EU-Bürger, die das 16. Lebensjahr vollendet und ihren Wohnsitz seit mindestens drei Monaten in Freiburg gemeldet haben. Der Entscheid ist gültig, wenn mindestens 25 Prozent der Wahlberechtigen für Ja- oder Nein stimmen - das sind 42000 Stimmen.

Falls dieses Quorum nicht erreicht wird, ist der Gemeinderat in der Entscheidungsverantwortung.

Sollte sich die Freiburger Bevölkerung für den Stadionneubau entscheiden, wird die weiterführende Planung vorangetrieben und der Bau 2017 beginnen. Stadiongegner hätten dann nur noch über den Klageweg die Möglichkeit, gegen das Projekt vorzugehen.

 

Die Umfrage



Die Autoren

Tim Eulig (21), Carlos Juan (20) und Arbnor Kuqi (22) studieren VWL an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen (ZfS) haben sie im Wintersemester an einem Berufsfeldorientierte Kompetenzen (BOK)-Kurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die Redakteurinnen Alexandra Röderer und Carolin Buchheim angeboten haben. Im Rahmen dieses Kurses haben sie diese Reportage konzipiert, recherchiert und geschrieben.

Mehr dazu:

[Bild 1: Carlotta Huber; Bild 2: dpa]