Der Maklertermin: Lächeln, Hoffen, Schlange stehen

Minh Duc Nguyen

Die Wohnungsinserate in den Freiburger Anzeigenblättern sind in diesen Tagen eine begehrte Lektüre. Denn viele Erstsemester und Neu-Freiburger sind kurz vor Semesterbeginn noch auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Die Wohnungsbesichtigung ist ein Ritual, um das kaum ein Suchender herumkommt. Eine Reportage von einem Besichtigungstermin.



Freiburg-Brühl, Kaiserstuhlstraße, zwischen Hauptfriedhof und Messe. Zwölf Minuten Fahrt mit der Bahn in die Stadt, zehn Minuten mit dem Rad, mehr als 30 Minuten zu Fuß. Das begehrte Objekt: Zwei Zimmer, 62 Quadratmeter Wohnfläche, 490 Euro kalt, hinzu kommen Nebenkosten und Tiefgarage. Der Makler hat den Besichtigungstermin auf Dienstagvormittag angesetzt, zehn Uhr. Über dreißig Menschen haben offenbar die Mitteilung im Anzeigenblatt gelesen.


Die beiden Noch-Bewohner des begehrten Objekts haben es leichter als die anderen. Sie müssen die Wohnung nur loswerden. Sie sitzen auf dem Balkon, Nordseite, Blick auf eine kahle Hauswand, und rauchen. „Ich gehe nach Kairo“, sagt einer der beiden jungen Männer. Für den anderen sei die Wohnung allein nicht bezahlbar. Also zieht er auch aus.

9.55 Uhr. Die Männer wissen, was jetzt kommt. Sie hören die Menschen schon, draußen im Hof. Wieviele es wohl sind? 30? 60? Jedenfalls wollen sie alle rein zu ihnen. Wahrscheinlich würden die meisten von ihnen am liebsten gleich einen Mietvertrag unterschreiben. Es kümmert sie nicht weiter. Während der nächsten 90 Minuten werden sie auf ihrem Balkon sitzenbleiben und rauchen. Wozu gibt es Makler?



Gegen 9:40 Uhr hält das erste Auto an der Kaiserstuhlstraße, Tübinger Kennzeichen. Ein junger Mann steigt aus. Nicholaus, 20 Jahre alt, will nächste Woche sein Jurastudium beginnen. „Ich bin schon zum vierten Mal aus Tübingen hierhergefahren“, sagt er. Zusammen mit einer Freundin sucht er eine Wohngemeinschaft. Geklappt hat es bis jetzt nicht. Zu teuer, zu ausgefallen, zu weit weg von der Uni.

9.45 Uhr. Weitere Interessenten versammeln sich vor der Haustür. Manch einer allein, überwiegend aber Paare. Die Grüppchen gehen auf Abstand. Gar nicht so einfach, denn der Vorhof ist klein. Viele schauen schweigend in die Luft oder auf den Handy-Display.



Die Immobilienmaklerin kommt pünktlich um 10 Uhr und begleitet die ersten drei Interessenten in die Wohnung. Die anderen müssen im Treppenhaus oder vor der Türe warten. Zuerst zeigt die Maklerin das größte Zimmer. Knallrot ist die Wand, an der Kreuze und Bilder mit Frauen in mystisch verhüllter Nacktheit hängen. Die Bewohner sind offensichtlich Gothicfans. Es gibt ein großes Terrarium, einen Tisch und zwei Sofas mit Blick auf den Balkon. Dort sitzen die Mieter und rauchen.

„Die Nebenkosten variieren zwischen 130 und 150 Euro“, sagt die Immobilienmaklerin. Hinzu kommen 35 Euro für die Tiefgarage, zwei Monatsmieten als Provision sowie zwei weitere Monatsmieten Kaution. Insgesamt 650 Euro ohne Strom, Telefon- und Internetanschluss. Für Nicholaus ist das zu teuer. Er kann nicht mehr als 300 Euro zahlen. Die anderen Räume interessieren ihn nicht mehr. Ihm bleibt nur die Hoffnung, dass die zwei weiteren Besichtigungstermine, die er an diesem Tag noch hat, vielversprechender sind.



Theresa und Johannis hingegen zeigen Interesse an der Wohnung. Beide studieren Umweltnaturwissenschaften und suchen erst seit einer Woche. „Wir sind extra aus Reutlingen hierhergefahren. Die Wohnung ist zwar teuer, aber sie gefällt uns“, sagt die 20-jährige Theresa. Vor anderthalb Wochen erst ist sie von einem Auslandssemester zurückgekehrt. Um sicher zu gehen, hat sie mit ihrem Freund noch sechs weitere Termine für den heutigen Tag ins Auge gefasst. „Es wird schon klappen“, sagt Johannis.



Dicht an dicht stehen währenddessen die Interessenten im Treppenhaus und warten, bis sie dran kommen. Es ist eng, alle schweigen. Wenn jemand aus der Wohnung rauskommt, wird er erwartungsvoll bis forsch begafft. Jeder ist ein potentieller Konkurrent.

Im Treppenhaus stehen auch Oliver und seine Freundin Carolin. „Früher haben uns die Makler noch mit einer Videokamera gefilmt, damit sie sich besser an uns erinnern können“, sagt Oliver. „Wir haben bis Mai Zeit“, sagt Carolin. Die beiden wollen zusammenziehen.

Zeit haben hier die wenigsten. Das Wintersemester beginnt nächste Woche. Auch Robert und Janosch sind wegen ihres Studiums nach Freiburg gekommen. Aus Filderstadt, unweit von Stuttgart, sind sie heute früh losgefahren. „Wir haben erst vor anderthalb Wochen im Nachrückverfahren die Zusagen bekommen“, sagt der 21-jährige Robert. Die Wohnung mit den Kreuzen an der Wand kommt auch für sie nicht in Frage. „Zu teuer."

Robert und Janosch wissen noch nicht, wie sie jetzt so schnell eine Wohnung finden sollen. Vielleicht versuchen sie es auch in den Umlandgemeinden. Dort soll es günstiger sein.

Die Immobilienmaklerin schaut auf die Uhr. Im Flur hat sich ein dicker Stoß gebildet mit den sogenannten Auskunftsbögen der Bewerber. Diesen Stoß wird die Maklerin gleich mitnehmen. Da der Großteil der Bewerber keine Fotos an die Auskunftsbögen geheftet hat, fragt man sich, wie die Maklerin die Bögen zuordnen will. Offenbar sind für sie aber eher die Kategorien "Monatseinkommen" beziehungsweise "Bürgschaft der Eltern" entscheidend. "Studenten werden bevorzugt", sagt sie. Die letzten drei Bewerber werden herein gelassen. Studenten.

 

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