Der Jagdlieder-Spezialist

Till Neumann

Brahima Camara, Deutschprofessor aus Mali, erforscht seit 20 Jahren Jagdlieder in seinem Heimatland. Noch bis zum November ist er für ein Forschungsprojekt im Volksliedarchiv in der Wiehre. Dort haben wir uns mit ihm getroffen und über dieses herrlich abseitige Thema gesprochen.



Als Deutscher denkt man beim Begriff Jagd an Wald, Rehe und Gewehre. An einen Jäger auf dem Hochsitz, an ein Hirschgeweih über dem Kamin.


"Ganz anders ist das in meinem Land", sagt Brahima Camara. Der 55-jährige  Deutschprofessor an der Université de Bamako kommt aus Mali und beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Jagdkultur seines Landes. Seit September forscht er für drei Monate im Volksliedarchiv in der Wiehre.

"In meinem Land sind Jäger etwas Besonderes, denn ihre Aufgaben sind vielfältig. Ein malischer Jäger ist durch seinen intensiven Kontakt zur Natur und den Tieren und durch sein Geschick im Umgang mit Waffen gleichzeitig Beschützer, Mediziner und Ernährer seines Dorfes. Am wenigsten von allem ist er heute noch Jäger. Denn viel Wild gibt es nicht." Mali liegt in Westafrika und ist fast vier Mal so groß wie Deutschland. Und eines der ärmsten Länder der Welt.

Spezialisiert hat sich Brahima Camara auf einen wichtigen Teil der Jagdkultur: Jagdlieder. „Die Jäger in Mali sind in Bünden organisiert. Auf großen Veranstaltungen der Jagdbünde wird immer gesungen und erzählt. Die Texte handeln nicht nur von der Jagd, sondern auch von unserem Land und den Problemen der Gesellschaft. Es geht um Armut, Kinderlosigkeit, Tod, Krankheit und Liebe. Das Tolle ist, dass auf diesen Veranstaltungen jeder das Recht hat, zu singen und zu erzählen“, berichtet Brahima Camara mit Begeisterung. Dann gibt er selbst ein paar Verse zum Besten.



„Man muss wissen, dass in Mali nicht jeder einfach so singen darf. Wer aus einer Adelsfamilie kommt, darf auf keinen Fall Sänger werden. Das ist verpönt. Tritt man aber in einen Jagdbund ein, kann man singen."

Salif Keita, ein bekannter Sänger aus Mali, hatte genau dieses Problem. Er gehört zur Familie der Keita, ist direkter Abkömmling des Gründers des Malireiches, des Kriegerkönigs Sundiata Keïta. Er wollte unbedingt Sänger werden, war sehr begabt, seine Abstammung verbot ihm aber dieses Talent zu zeigen. "Also ist er Jäger geworden. So konnte er singen“, sagt Camara.

Die Forschungsarbeit von Brahima besteht darin, Jägersänger zu treffen und ihre Lieder aufzunehmen. So kann er sie aufschreiben, übersetzen und kommentieren. Das ist ihm sehr wichtig, denn die Jagdlieder sind oft nur mündlich überliefert und schwer verständlich. Und die große Generation der Jägersänger kommt in die Jahre. Sein Lieblingssänger, Baala Jinba Jakite, ist über 80 Jahre alt. Man wird ihn nicht mehr lange besuchen können.



In Freiburg arbeitet Brahima an einem Kommentar zu dem malischen Jagdlied Bilakoro Mari von eben diesem Sänger. Er hat es bereits ins Französische und ins Deutsche übersetzt und untersucht es jetzt genauer. Das Stück hat knapp 6000 Zeilen und handelt von einem Jägerhelden, der ein Untier zur Strecke bringt, das viele andere Jäger getötet hat. Die Arbeit wird er in Mali und vielleicht auch in Deutschland veröffentlichen.

Herr Camara sagt: „Jagdlieder sind meine Leidenschaft, ich untersuche sie nicht nur, ich höre sie auch gern zu Hause an. Auch wenn das ein wenig altmodisch ist. Die Jagdmusik in meinem Land hat auch Einfluss auf moderne Genres, den HipHop zum Beispiel. Ich habe Raptexte untersucht und festgestellt, dass die Rapper Elemente der Jagdmusik übernehmen.“

In einem Jagdbund ist Brahima Camara nicht. „Um dort aufgenommen zu werden, muss man ein Tier opfern und einen Jagdgott anbeten. Das ist mir als Moslem untersagt. Ich betrachte mich eher als Anhänger der Jäger, nicht als Jäger. Obwohl ich auch schon jagen war und ein Rebhuhn erlegt habe.“

Die deutsche Jagdkultur kennt der Professor aus Mali noch nicht so gut. Im Volksliedarchiv hat er aber schon viel darüber gelesen. „Mein Ziel ist es, auch deutsche Jagdlieder zu untersuchen und dann mit den malischen zu vergleichen. Da gibt es mit Sicherheit Parallelen.“



Mehr dazu:


Ein Jagdlied von Baala Jinba Jakite aus Mali