Der Hype und der Meister: Beim Interpretationsseminar mit Alfred Brendel

Manuel Lorenz

Einer der größten Pianisten der Gegenwart war auf ein paar Tage in Freiburg: Alfred Brendel. Der 80-Jährige gibt zwar seit zwei Jahren keine Konzerte mehr, dafür aber öffentliche Seminare, in denen er Musterstudenten auf die Finger schaut. Manuel war in der Freiburger Musikhochschule und ist dem Meister am Ende sogar persönlich begegnet - ganz zufällig, wie er behauptet.



Alle schauen auf ihn: Alfred Brendel. Wir stehen in einem kleinen Backstage-Raum und es gibt Schinkengugelhupf, Mineralwasser, Rot- und Weißwein. Ein Dutzend ausgewählte Gäste – und ich. Alle außer mir haben eine Legitimation, hier zu sein: Veranstalter, Hochschulfunktionäre und Klavierstudenten. Was mich angeht: Ich bin hier aus Versehen - aus Missverständnis - reingeraten.


Alfred Brendel ist eine lebende Legende – quasi der Grandmaster Flash des Klavierspiels. Wenn so einer an die Freiburger Musikhochschule kommt, muss man hin. Keine Diskussion. Auch wenn’s nur ein öffentliches Interpretationsseminar ist – sich also vier verschüchterte Klavierstudenten vor großem Publikum bespucken und beschimpfen lassen. Konzerte gibt der Altmeister schon seit zwei Jahren keine mehr; aber alle hoffen natürlich, dass er während des Seminars möglichst viel selber spielt.



Ein Freund von mir, ein junger Pianist aus Salzburg, regt sich regelmäßig über Brendel auf. Der sei schon gut, aber eben nicht so gut, und der Kult um den 80-jährigen Klavisaurier sei übertrieben und nicht gerechtfertigt. Es gäbe da andere, ebenbürtige, bessere – aber die würden sich halt schlechter vermarkten. In einem Satz: Don’t believe the hype!

Falls es diesen Hype gibt, scheinen viele ihm aufzusitzen. Eine Großzahl bürgerlichen Publikums ist gekommen; dazwischen sitzen nicht wenige Musikhochschulstudenten. Die Partitur von Schuberts Klaviersonate G-Dur op. 894 gehört heute Nachmittag zum Standard des redlichen Besuchers. Ich habe keine dabei und komme mir vor, als ob ich ohne Club Mate im Berliner Mauerpark herumsitze.

Alle schauen also auf Brendel, als ob er der fleischgewordene Klaviergott sei. Und wahrscheinlich hat sich das Christkind genauso gefühlt, damals, in Bethlehem, im Stall, im Stroh, als Maria und Josef, die drei Weisen UND Esel und Ochse es minuten-, nein: stundenlang anstierten. Minus 273 Grad Celsius. Keine Teilchenbewegung. Absolute Paralyse angesichts des Wunders, das die Anwesenden da gerade erleben. Gestern Jesus, heute Brendel – und alle hängen an seinen weichen Lippen und warten auf weise Worte des Meisters. Wegweisende vielleicht, oder einfach nur geistreiche, so wie damals, in Bethlehem, im Stall, im Stroh, als alle irgendwas vom schrumpeligen Erlöser erwarteten.



Während des Seminars redet Brendel viel. Mal streng und absolut wie Ranicki, mal mild und menschlich wie Karasek. Mal spielt eine Studentin ihm rhythmisch „zu lahm“, dann droht er, ihr den kleinen Finger abzuschneiden. „Gleich ohrfeigt er sie,“ empört sich eine Dame. Doch im nächsten Augenblick ist er wieder friedlich und lobt.

„Es ist seine Aura,“ sagt Danlin Felix Sheng (Bild unten), einer der vier Seminarteilnehmer. Er ist 21 und studiert im 5. Semester Klavier auf Bachelor. „Man wagt es einfach nicht, ihm zu widersprechen.“ Und doch ist Danlin der einzige, der während des Unterrichts seine Stimme erhebt. Brendel sei sehr streng, penibel, kompliziert. „Aber man lernt sehr viel bei ihm. Zum Beispiel, dass Schubert nicht immer alles in die Noten geschrieben und dem Interpreten viel Gestaltungsfreiraum gelassen hat.“



Jetzt steht Danlin an einem Bistrotisch neben Brendel. Der Meister wirkt ein bisschen müde, erzählt Anekdoten, doziert und trinkt Rotwein. Wieder ist Danlin der einzige Student, der was sagt. Er spiele auch Jazzschlagzeug und im Orchester die Pauke. Der Meister lächelt gnädig und erzählt vom Dirigenten Fritz Busch: Dieser sei, wenn jemand im Orchester ausfiel, einfach eingesprungen – egal welches Instrument. Gelächter. Zustimmung. Warten auf den nächsten Kick.

Ich denke mir: Jetzt müsstest du ihn auch mal anhauen. „Hey, Alfred, geile Sache, toll. Aber: Was sagst du eigentlich zum Aussterben der Klassik?“ Zu polemisch, zu undifferenziert. „Hey, Alfred, was hältst du von Klassik im Club? Der berühmte Countertenor Andreas Scholl hat letztens zum Beispiel im Berghain gesungen – gleich neben den Darkrooms!“ Zu durchsichtig, zu bemüht.



Und auf einmal steht er vor mir, Brendel, zufällig, so wie ich auf den Empfang gelangt bin. Er schaut mir in die Augen und reicht mir die Hand. Sie ist groß, eine Pranke, und weich – eine Pfote. Sein Händedruck ist fest und bestimmt. „Auf Wiedersehen,“ sage ich und nicke. Auf Wiedersehen. Wie banal und dumm. Als ob wir uns jemals wieder sehen werden. Aber einen Augenblick lang haben wir uns gesehen – er mich und ich ihn: den Hype, den Meister, den Menschen.

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[Foto 1: Musikhochschule Freiburg/ Maurice Korbel; Rest: Manuel Lorenz]