Der Hobby-Astronom

Christoph Ries

Der Freiburger Biophysiker und Hobby-Astronom Reiner Vogel baut selbst Teleskope, um den Weltraum zu beobachten. Christoph traf sich mit ihm zu einem Gespräch über Parallelwelten, das Alleinsein und die Schönheit der Bilder.



Herr Vogel, im Jahr 2029 rast der Asteroid Apophis gefährlich nahe an der Erde vorbei. Haben Sie eigentlich eine Notration für den Weltuntergang beiseite gelegt?

Reiner Vogel: Nein. Tatsächlich sind solche Near Earth Objects ein Problem. Apophis könnte von der Schwerkraft der Erde eingefangen und beim Zurückschleudern auf Kollisionskurs gebracht werden. Die Frage ist, ob wir etwas dagegen machen können.

Die Russen wollen ihn rammen.

Hört sich nach Armageddon an.

Kann man Apophis vom Schauinsland aus sehen?

Hängt davon ab, wie hell er ist. Bestimmte Near Earth Objects kann man tatsächlich beobachten.

Sie blicken mit ihren selbstgebauten Teleskopen auf dem Schauinsland in Bereiche, die Astronomen „Deep Sky“ nennen. Was sehen Sie dort?

Das Anfangsprogramm sind Planeten wie Jupiter und Mars. Dann kommen Objekte wie der Orionnebel (siehe Foto unten) und helle Galaxien wie M81 oder M51. Dann Emissionsnebel, Gasnebel und Sternhaufen, die gemeinsam entstanden sind aus einer Wasserstoffwolke. Was richtig Spaß macht, sind Kugelsternhaufen, wo Hunderttausende von Sternen zu sehen sind. Am interessantesten sind Galaxien. In der Galaxie M87 schießt ein Materiejet aus dem Kern ins All. Das ist der direkte Nachweis für ein gigantisches Schwarzes Loch.



Die Nasa plant einen bemannten Marsflug, die EU investiert Millionen in Satellitenprogramme. Solange auf der Erde Menschen verhungern, ist es doch Irrsinn so viel Geld in die Erforschung des Alls zu stecken. Was bringt es der Menschheit zu wissen, wie es Lichtjahre von uns entfernt aussieht?

Das ist natürlich ein Zwiespalt. Aber wenn man sich anschaut, was für Rüstung und Kriege ausgegeben wird, ist das Budget der Weltraumforschung relativ vernachlässigbar. Es geht bei der Astronomie um Erkenntnisgewinn. Man möchte verstehen, wir funktioniert unser Sonnensystem. Warum gibt es uns? Wir alle bestehen zum Teil aus den Überresten einer Supernova. Einer Weltraumexplosion.

Kosmonauten haben nach ihrer Rückkehr beschrieben, dass Ihnen beim Blick auf den Erdball alle irdischen Probleme irrelevant vorkamen. Geht es Ihnen ähnlich, wenn Sie ins All schauen?

Ja, man fühlt sich ziemlich klein, wenn man sich veranschaulicht, wie weit alles entfernt ist, wie lange alles vorbei ist. Und man selbst ist ein Teil davon, man geht darin auf. Das ist schon faszinierend.

Finden Sie im Himmel manchmal Antworten auf irdische Probleme?

In dem Sinne, dass ich Entspannung finde: ja. Wenn ich nach einem stressigen Arbeitstag beobachten gehe, kann ich komplett abschalten. Das ist für mich eine andere Welt, in der die Erde sehr klein und unbedeutend ist. Die Stille, die einen dabei umgibt ist beeindruckend - im positiven wie im negativen Sinne.

Im negativen auch?

Wenn man alleine in der Dunkelheit ist, ist man sehr aufnahmefähig für Geräusche. Oft hört man Geräusche, die man nicht zuordnen kann. Man muss sich im Griff haben, um keine Panik zu bekommen. Das ist so eine psychologische Sache bei Beobachtern.



Was hoffen Sie im All zu finden?

Die Schönheit der Bilder. Viele Objekte sind wahnsinnig schön. Der Cirrusnebel zum Beispiel, das ist ein Überrest einer Supernova, bei dem man einzelne Nebelfilamente erkennt. Das ist atemberaubend. Oder M51, eine Galaxie, aus deren Kern Spiralarme reichen.

Haben Sie einen Lieblingsplaneten?

Der Saturn. Das Bild dieser Kugel mit dem Ring bleibt den meisten am eindringlichsten im Gedächtnis.

Eine These von Astronomen besagt: Das Weltall ist so riesig, dass jede vorstellbare Handlung, jedes Ereignis unendlich oft vorkommen muss. Irgendwo da draußen stellt also ein Journalist einem Astronomen gerade dieselben Fragen noch einmal. Glauben Sie an solche Parallelwelten?

Parallelwelten sind ein Versuch die Paradoxien der Quantenmechanik zu erklären. Ich kann damit nicht viel anfangen. Es gibt etwas, das nennt sich das Anthropische Prinzip. Es besagt: Es gibt uns hier und es gab bestimmte Vorraussetzungen, dass wir entstehen konnten und ein bestimmtes Level an Verständnis erlangt haben. Man kann natürlich sagen, wenn es hier passiert ist, kann es auch wo anders passiert sein.

Aber?

Um sich darüber Gedanken zu machen, muss erst mal jemand da sein, der sich solche Gedanken macht. Es kann sein, dass die Gegebenheiten auf der Erde völlig außergewöhnlich waren und nirgendwo anders eingetreten sind. Andere Theorien besagen, auf jedem hundertsten Planet muss Leben entstanden sein und auf jedem millionsten intelligentes Leben. Es ist sehr schwierig diese Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen.



Herr Vogel, sind wir alleine?

Ich glaube es nicht. Aber es ist nur ein Gefühl.

Was würde sich verändern, wenn feststünde, dass wir es nicht sind?

Ich glaube, das ist für jeden eine persönliche Sache. Im Endeffekt ist es ist absolut irrelevant. Eine richtige Kommunikation wird nie möglich sein, dafür sind die Entfernungen zu groß. Es wäre wie etwas zu wissen und nichts damit anfangen zu können.

Außer die anderen da draußen hätten herausgefunden, wie man den Raum faltet und würden sich auf den Weg zu uns machen.

Das vielleicht, ja. Aber bestimmte Prinzipien unserer Physik besagen, dass Reisen zu anderen Sternen innerhalb eines Menschenlebens nicht möglich sind.

 

Der englische Philosoph Bacon hat einmal gefordert: „Wir dürfen das Weltall nicht einengen, um es den Grenzen unseres Vorstellungsvermögens anzupassen. Wir müssen vielmehr unser Wissen ausdehnen, so dass es das Bild des Weltalls zu fassen vermag.“ Hat das Weltall eine Grenze?

Es hat keine Grenze, aber es ist endlich. Vermutlich. (lacht)

Das müssen Sie erklären.

Einstein hat verschiedene Theorien entwickelt, wie der Raum aufgebaut sein könnte. Demnach ist der Raum zwar dreidimensional aber gekrümmt. Das heißt, wir können im Weltall immer in eine Richtung gehen ohne an ein Ende zu gelangen. Und trotzdem ist der Raum begrenzt.

Wie soll das funktionieren?

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein zweidimensionales Lebewesen, das nur links, rechts, vorne, hinten kennt, aber kein oben und unten. Wenn Sie nun auf einem Luftballon wandern, stoßen sie nie an Stoppschild auf dem steht: Hier ist das Ende des Universums. Trotzdem ist der Luftballon begrenzt.

Aber im Luftballon ist Luft. Im Weltall ist Nichts. Kann denn dieses Nichts einfach aufhören?

Ich weiß es nicht. Die viel interessantere Frage ist: Kann aus Nichts etwas entstehen? Keiner weiß, was in den ersten Sekunden des Urknalls passiert ist. Und vor allem: Keiner weiß, was vorher war.



Herr Vogel, als ich acht Jahre alt war, habe ich in einem Buch gelesen, dass die Sonne irgendwann explodieren und die Erde schlucken wird.

Da bekommt man Angst, ist es nicht so?

Ich habe das Buch unter dem Bett versteckt.

Es ist beklemmend. Auch diese Unausweichlichkeit. Alles wird kaputt gehen. Eigentlich ein lächerliches Gefühl, sich über die Sonne in fünf Milliarden Jahre Gedanken zu machen. Völlig irrational, wenn man sich unsere Lebensspanne anschaut. Das ist aber auch schön, es nimmt uns gegenüber der Erde in die Verantwortung.

Sie haben in den vergangenen Jahren an der Universität Freiburg Membranproteine in Zellen erforscht. Was fasziniert sie mehr: das unendlich Große oder das mikroskopisch Kleine?

Die Astronomie. Als ich Kind war, wollte ich Astronom werden, habe aber im Studium festgestellt, dass das Leben als Berufs-Astronom schwierig ist. Man ist in große Programme eingebunden, wertet viele Daten aus. Einige Berufs-Astronomen haben noch nie durch ein Teleskop geschaut. Denen fehlt der Zugang zum Weltraum, den wollte ich mir immer bewahren.

Stellen Sie sich vor, wir leben im Jahr 2310. Die Menschheit hat alle Probleme der Raumüberwindung gelöst und Sie haben die Möglichkeit an einen Ort im All zu reisen, um eine offene Frage des 20. Jahrhunderts beantwortet zu bekommen. Welchen Ort würden Sie wählen?

Ich glaube, ich würde zu einem Kugelsternhaufen fahren und ihn einfach nur anschauen.

Mehr dazu:

[Bilder 1,4,5: dpa; Bilder 2,3,6: Reiner Vogel]