Premierenkritik

"Der Gott des Gemetzels" wütet in einem Freiburger Wohnzimmer

Johanna Hasse

Ein Wohnzimmer wird zur Bühne und auf dem Programm steht ein Klassiker – der ebenfalls im Wohnzimmer spielt. Wie funktioniert das Stück "Gott des Gemetzels" – quasi an einem Originalschauplatz?

Die Schauspielgruppe "Theater Spielzimmer" nimmt als viertes Stück den "Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza in ihr Repertoire auf. Wie die Schauspieler bei der Premiere am vergangenen Samstag ein Freiburger Wohnzimmer zur Bühne machten – fulminant, rasant, urkomisch – und wie ihr die Gruppe in eure Stube einladen könnt, hat fudder für euch zusammengefasst.


Auf unzähligen Bühnen wurde es bereits aufgeführt, vielfach rezensiert, von Roman Polanski verfilmt, als Buch tausende Male verkauft – kurz: "Der Gott des Gemetzels" gehört zu den erfolgreichsten Theaterstücken des letzten Jahrzehnts. Das Kammerspiel für vier Personen scheint dabei nicht nur für die großen Bühnen geeignet zu sein, sondern geradezu wie gemacht für das "Theater Spielzimmer". Wo, wenn nicht in einem echten Wohnzimmer, sollte dieses Stück lebendiger wirken? Wo unverfälschter, eingehender, aufreibender?

Paare geraten in eine Raserei

Matratzen und Kissen bedecken den Boden der WG im Rimsinger Weg. Rund siebzig Gäste haben auf Sitzgelegenheiten jeder Art Platz gefunden. Wie in die Szene eines Films versetzt, sitzen die Zuschauer mittendrin im Geschehen, wenn es an der Tür klingelt und das Ehepaar Annette und Alain Reilles eintritt, um mit Véronique und Michel Houillé folgenden Sachverhalt zu verhandeln: Ihr elfjähriger Sohn Ferdinand hat dem gleichaltrigen Bruno mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen. Um diese Tat entfaltet sich das Stück, das die anfangs so unterschiedlich wirkenden Paare in ihrer späteren Raserei erstaunlich ähnlich werden lässt.

Das Publikum wird sofort ins Geschehen gezogen, wenn das höflich bemühte Gespräch schlagartig an Fahrt gewinnt, die beiden Paare um Worte und Werte ringen, sich abwechselnd auf die Anklagebank setzen. Der Streit wird immer hässlicher, ehrlicher. Es bilden sich kurzweilige Allianzen unter den Paaren, brechen wieder auseinander, um in bitterböser Komik zu zergehen.

Ein Hamstermord wird angeklagt

Dabei wollte Véronique doch nur eines: für zivile Umgangsformen kämpfen, an die Kraft der Erziehung und Kunst glauben. Doch es tritt das Gegenteil ein, statt Frieden ist der Gott des Gemetzels in ihr Wohnzimmer eingezogen. Und wütet. Es wird um die Peinlichkeit von Spitznamen und den sozialen Rang von Berufen gekämpft, Konfetti gekotzt, ein Hamstermord angeklagt, die dunkle Seite des Ehe- und Familienlebens ausgelotet.

Die Schauspieler Michael Barop, Dominik Berberich, Jana Skolovski und Carmen Sobotta bringen das Stück in jeden Winkel der Wohnung: Sie hantieren in der Küche, versuchen die Geister der Wut im Badezimmer zu besänftigen. Herrlich überspitzt stellen sie die vier Charaktere dieses grotesken Kammerspiels dar, die ihre eigenen Hinfälligkeiten auf dem Rücken ihrer abwesenden Kinder austragen. "Der Gott des Gemetzels" ist das perfekte Stück für das "Theater Spielzimmer", meint Gründer und Leiter Michael Barop, der im Februar vergangenen Jahres mit seinem Projekt die erste Premiere in einem Wohnzimmer feierte.

"Wir bauen Elemente der Wohnung ein, so verändert sich das Stück jedes Mal ein bisschen und bleibt für uns frisch" Leon Rüttinger
"Wir bauen Elemente der Wohnung ein, so verändert sich das Stück jedes Mal ein bisschen und bleibt für uns frisch", sagt Leon Rüttinger, der beim "Gott des Gemetzels" die Regie führt. Die Stimmung bei der Aufführung hänge jedes Mal vom Raum und den Gästen ab. Das "Theater Spielzimmer" versucht unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen – vom kulturaffinen, älteren Publikum bis hin zu jüngeren, studentischen oder auch noch nicht theatererfahrenen Gästen.

Zu ihren Auftritten reist die Gruppe lediglich mit einem Rucksack an. Michael Barop und seine Schauspielkollegen brauchen nicht viel für ihre Stücke, denn private Wohnzimmer sind ihre Bühne. Und da ist meistens schon alles vorhanden: Requisiten, Beleuchtung, Sitzgelegenheiten. Aus einer Not haben sie eine Tugend gemacht. Die Not: freie Bühnen in Freiburg und Umgebung zu finden. Die Tugend: Theater in jede abgelegene Gegend, in jedes Wohnzimmer, zu jedem Publikum zu bringen. Und das funktioniert, denn "jede Wohnung ist eine Bühne", sagt Michael Barop. Und dass "Der Gott des Gemetzels" in einem Wohnzimmer besonders gut funktioniert, wissen nun auch die Gäste von der Premiere.
Info

Anfrage: Das Theater Spielzimmer kann man für das eigene Wohnzimmer oder den eigenen Garten anfragen unter: info@spielzimmer-freiburg.de oder 0761-61250489
Repertoire: Stiller – Max Frisch, Sommernachtslyrik - im Garten, Gretchen 89ff. – Lutz Hübner, Der Gott des Gemetzels – Yasmina Reza
Preis: Es wird entweder eine Theaterkasse aufgestellt, die später von den Gästen befüllt wird, oder ein Festpreis mit den Gastgebern vereinbart
Weitere Infos: http://www.spielzimmer-freiburg.de