Der EHC Freiburg hat Oberliga-Warzen

Dirk Philippi

"Wenn Du eine hässliche Freundin hast, bringt´s ja auch nichts zu motzen!" – Was zugegebener Maßen wie Männerchauvinismus deluxe klingt, zeichnet in Wahrheit einen Weg aus der Krise für Fans, Spieler, Trainer und Funktionäre des EHC Freiburg. Der Eissportenthusiast mit psychologischer Fallstudie und sportlicher Situationsanalyse.



DIE PSYCHOLOGIE

Eishockeyfan zu sein ist eine Herzblutangelegenheit. So etwas sucht man sich nicht aus, man verfällt dieser Sportart ohne TV-Präsenz, ohne öffentliche Anerkennung, ohne gesellschaftliche Akzeptanz. Wenn diese Freundin „Eishockey“ nun dicke Oberligawarzen bekommen hat, nicht mehr elegant stolziert und auch sonst manchen Liebreiz abgestreifte, kann man vielleicht fremdgehen, aber verlassen – das geht nicht, schließlich ist es eine Schicksalsgemeinschaft! Und dennoch tut es so verdammt weh, wenn man erkennt, dass man sein liebstes Kind nur noch mit zugekniffenen Augen betrachten will. Also was tun? Der erste Weg zur Besserung und einem schöneren Abbild ist die ehrliche Wahrnehmung:


Nein, ein Weltstar wie Alexander Semak wird nicht in der Oberliga spielen! Nein, von schwindelerregendem Tempo-Kombi-Hockey ist man einige Ligen entfernt! Und nein, Freiburg ist keine unbesiegbare, führende Eishockeymacht!

Das muss man akzeptieren. Erst wenn sich diese Tatsachen fest ins Fanherz gefräst haben, dann kann man wieder das Schöne sehen:

Ja, es gibt meine Sportart noch in Freiburg! Ja, ich sehe jede Menge Tore und freue mich mit meinen Freunden zum Eishockey zu gehen! Und ja, auch wenn sie Warzen hat, meine Freundin, ich find es toll, dass sie sich Mühe gibt, mir dennoch zu gefallen!

Dabei ist es ein Joch des rasanten Abstiegs, dass zu oft noch Maßstäbe an den Sport und den Verein angelegt werden, denen man zum Teil nicht einmal zu DEL-Zeiten gerecht werden konnte. So ist es auch vollkommen klar, dass nach der anfänglichen Euphorie wieder gebruddelt, gemotzt und geschimpft wird rund ums Freiburger Eisstadion. Doch gleichen die hilflosen Wehklagen zwingend dem Kampf gegen finanzielle Windmühlen. Es wird höchste Zeit, dass man akzeptiert, dass Freiburgs Eishockey kleinere Brötchen backen muss, die aber dennoch schmecken können – nicht so lecker vielleicht, aber dennoch besser als gar nichts zwischen den Zähnen.

Dringliche Voraussetzung dafür ist es aber auch, dass sich diese Perspektive beim einen oder anderen Spieler unbedingt einer Spiegelung unterziehen muss. So sieht es umgekehrt nämlich auch stark danach aus, als hätte mancher Akteur gedacht, dass er die Oberliga im Sitzen auf einer Arschbacke spielen könne. Dem ist bei aller Warzenlast natürlich auch nicht so. Das muss der Spieler verstehen – damit´s auch wieder mit der Liebe klappt!



DER SPORT

Acht Spiele hat der EHC in Folge verloren, in der Tabelle rangiert man mit nur noch einem Punkt Vorsprung auf einen Nicht-Playoff-Platz auf Rang acht! Die Fans sind unzufrieden und machen sich Sorgen. Die Spieler, der Trainer und der Vorstand auch. Wie nie zuvor hat man bei den Wölfen Spieler geholt, getestet und getauscht, die ihrerseits begeistert, enttäuscht, sich verletzt oder vergraben haben. Der Versuch einer Brennpunkt-Analyse.

DAS SCHEINPROBLEM:

Edgars Masalskis nachzutrauern ist müßig und in höchstem Maße unproduktiv. Der lettische Nationaltorhüter ist weg. Punkt. Was folgte ist eine Entscheidung, die sehr wohl polarisiert: Vorstand Wolfgang Kunkler nannte Ratingens Nummer eins, Ronny Glaser, seinen persönlichen Favoriten und verpflichtete auf Drängen des Cheftrainers den Kanadier Tim Knudsen, da Ratingens Zukunft ungewiss erschien.
Nun kann man sehr wohl erörtern, inwiefern es ein Fehler war, nicht die Spiele bis zur Länderspielpause mit dem eigenen Nachwuchs zu bestreiten, um dann – als Ratingen den Spielbetrieb einstellte – Glaser verpflichten zu können. Allerdings bleiben berechtigte Fragezeichen: Hätte man überhaupt mit den SAP-gefütterten Heilbronnern, die Glaser nun im Kasten haben, finanziell mitbieten können? Wie gut ist Glaser wirklich? Wäre er tatsächlich besser als Knudsen?
Doch auch diese Fragen sind in erster Konsequenz uneffektiv!




Im Tor steht Tim Knudsen und einzig dringend ist: Soll er nach Ablauf seiner Probezeit weiter für die Wölfe spielen? Dazu ein Blick auf seine Leistung: Selbstredend ist Knudsen nicht umsonst bei einem Oberligisten unter Vertrag; er hat Schwächen. So wirkt er nicht austrainiert, was auf fehlende Spielpraxis und ein nicht existentes Sommertraining zurückzuführen ist. Er wirkt mitunter unkonzentriert, was eine zwingende Folge konditioneller Probleme ist. Und Knudsen bringt das kleine Schwarze nur selten überlegt zurück ins Spiel.
Tim Knudsen ist ein Stand-Up-Torwart mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Durch seine Körpergröße und riesigen Schienen kann er nicht das Spiel der Reflexkatze Masalskis spielen – er ist unbeweglicher und langsamer. Der Kanadier kommt rein physiologisch nicht so schnell in die Butterfly-Haltung und deshalb ist es sein Job, Torfläche durch Körperfläche und geschicktes Stellungsspiel abzudecken, aber genau das tut Knudsen – und zwar gut! Mehr noch als Masalskis ist Knudsen auf die Arbeit seiner Vorderleute angewiesen, die die Rebounds wegräumen müssen. Knudsen gehört der erste Schuss und den hat er zum Beispiel gegen Rosenheim bis auf einen Patzer jedes Mal gehabt. Beurteilt man die Gesamtsituation, wird Knudsen voraussichtlich beim EHC bleiben.
1. Hat er absolut die Fähigkeiten, um in der Oberliga zu den stärksten Torhütern zu zählen, zumal er sich in Sachen Fitness, körperlich und geistig, steigern wird. 2. Ist kein adäquater Ersatz in Sicht, 3. kann sich der EHC keinen neuerlichen, teuren Torwartwechsel leisten.
Der Torhüter ist nicht das Problem!

Die echten Probleme:

1. Kontingentspieler in der Abwehr

Zum ersten Mal seit vielen Jahren zeichnet sich die zuvor chronisch unterbesetzte EHC-Defensive durch mehr Masse statt Klasse aus. Wenn man bei insgesamt nur fünf zu vergebenden Kontingentspieler-Lizenzen aber deren drei im Tor und der Abwehr vergibt und dennoch die viertmeisten Gegentreffer der Liga (4,2 pro Spiel) kassiert, dann ist es offensichtlich, woran es hapert. In Deutschlands dritthöchster Liga wird das Spiel von den Ausländern gemacht. Daran gibt es nichts zu rütteln. Wer hier dominierende Kräfte sein Eigen nennen kann, der mischt ganz oben mit, wer aber nur Durchschnitt im Trikot präsentiert, der bekommt Probleme – so wie der EHC.
Dabei ist es äußerst schwer zu analysieren, wie Pavel Rajnoha, der von der NHL gedraftete Tscheche, und Aleksandrs Siskovic, 34-jähriger Routinier vom lettischen Meister, derart enttäuschen konnten wie zuletzt. Beide Verteidiger kämpften mit hartnäckigen Verletzungen und scheinen physisch wie psychisch nicht auf der Höhe zu sein. Dennoch müssten sie auf einem Niveau, dass mit drittklassig in jeder Hinsicht richtig beschrieben ist, positive Akzente setzen können.
Rajnoha, der auf Vermittlung von Ex-EHC-Coach Horst Valasek in den Breisgau kam, zeigte zwar zuletzt aufsteigende Form, von sicherem Aufbauspiel oder gar einer Special-Team-Führung ist der sensible Abwehrmann aber weit entfernt.
Bei Siskovic ist der Fall zumindest etwas durchsichtiger: Der Lette hat stets mit einem starken Partner zusammengespielt und musste seltenst Verantwortung übernehmen – von offensiven Akzenten ganz zu schweigen. So monierte der 34-jährige schon früh die hohe Beanspruchung, die an ihn gestellt wird. Wohl gemerkt ist das Niveau der lettischen Liga im internationalen Vergleich eher durchschnittlich. Dennoch stehen für den von Lettlands Nationaltrainer und EHC-Legende Oleg Znaroks gesandten Verteidiger 19 Punkte auf dem Skorerkonto, Tendenz allerdings fallend. Siskovic scheint mit dem von Coach Svetlov geforderten Spiel an seine Grenzen zu gelangen.
Der EHC-Vorstand hat sich auf den Rat zweier ausgesprochener Fachleute verlassen und ist in diesen Fällen nicht sehr glücklich gefahren. Siskovic hatte schon früh einen festen Vertrag, Rajnoha wurde nach Ablauf der Probezeit aber auch nicht gekündigt – wohl weil man Geld in ihn investierte und er zumindest noch große Steigerungsmöglichkeiten hat. Und nun? Könnte man sich einen Siskovic-Wechsel leisten, wäre es wohl der richtige Weg. Sonst müsste Svetlov diesen zurückbeordern und Pavel Rajnoha mit mehr Offensiv-Aufgaben betrauen. Der EHC bräuchte einen dominierenden Verteidiger, um in obere Gefilde vorzustoßen. Ob dies einer der aktuellen Spieler noch werden kann, ist momentan unwahrscheinlich.



2. Centerpostion

Der Center ist meist das Gehirn einer Sturmreihe. Er muss seine Flügelstürmer geschickt einsetzen können, defensiv viel Arbeit verrichten, Zweikampfstärke beweisen und gut im stets unterschätzten Bullyspiel sein. Bei Matthias Vater harzt es dabei in allen Bereichen. Er ist kein typischer Mittelstürmer. Und auch wenn Vater aus der vergangenen Saison relativ gute Statistiken vorweisen kann, bleibt die Frage, weshalb der EHC überhaupt einen derart wenig austrainierten Spieler unter Vertrag genommen hat.
In jedem Fall ist Vaters Leistung auch in der Oberliga zu wenig für die zweite Sturmreihe eines ambitionierten Teams (3 Saisontore; selbst Nachwuchsakteur Billich hat zwei Skorerpunkte mehr!). Da allerdings auch Kapitän Henkel kein gelernter Mittelstürmer ist und nach Problemen auf dieser Position zu recht von Svetlov auf die Außenbahn geschickt wurde, klafft hier ein großes Loch bei den Wölfen.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sich dies auch durch eine mögliche Rückkehr von Torjäger (Flügel) Petr Mares nicht ändern würde, wenngleich dieser individuell für Torgefahr sorgen könnte.
Ein Centertausch wäre die zweitdringlichste Personalie, um doch noch die Top vier anzuvisieren. Da aber auch hierbei das Diktat des fehlenden Geldes vorherrschen dürfte, ist guter Rat gefragt. Vater muss so oder so die Konstitution eines Leistungssportlers anstreben und eventuell könnte nach der Rückkehr des noch gesperrten Vladimirs Mamonovs dann eben doch Andreas Henkel wieder in die Mitte rücken. Eine Ideallösung wäre es indes nicht.



3. Fitness


Der EHC präsentierte sich konditionell zuletzt in desolatem Zustand. Je länger ein Spiel dauerte, umso mehr stieg die Fehlerquote des Teams. Individuelle Erschöpfung provozierte unkonzentriertes Spiel und so vergaben die Wölfe zwischenzeitliche Führungen oder ließen Kontrahenten noch gefährlich nahe kommen. Die Ursachen dafür liegen auf der Hand und sind nicht bei Trainer Svetlov zu suchen.
Zum einen plagten sich zu viele Spieler mit Verletzungen (Gaus, Henkel, Siskovic, Hoffmann, Rajnoha u.a.), zum anderen traten zu viele Akteure ohne adäquates Sommertraining ihre Arbeit beim EHC an. Nun kritisiert man diesen Umstand zwar verständlicherweise bei der Vorstandschaft, doch auch sie selbst trägt Verantwortung für diese Tatsache. Lange wartete man „bis der richtige auf dem Markt war“. Finanziell ist dies nachzuvollziehen, aber in Sachen Fitness, verschenkte man so wertvolle Trainingszeiten und steckt nun mitten drin im Teufelskreis. Das für die Länderspielpause anvisierte Konditionstraining musste Svetlov aufgrund zahlreicher Erkrankungen und Verletzungen beinahe streichen. Gemäß jeder Trainingslehre müsste er nun die Mannschaft absichtlich in ein Loch trainieren, doch genau dort steckt sie schon. Also wird er diese Arbeit nur dosiert abfordern können, was sich dann aber bemerkbar machen wird je länger die Saison andauert.
Bleibt zu hoffen, dass sich das Team frühzeitig einen Playoff-Platz sichern kann, um rechtzeitig für die allseits erwarteten und in jedem Falle möglichen Playoffs nochmals nachzutanken.



Fazit:

Mit der Rückkehr von Vladimirs Mamonovs wird die Mannschaft wieder mehr Scoring-Qualitäten bekommen und über dringend notwendige Erfolge endlich auch wieder Selbstvertrauen schöpfen können. Doch auch wenn man weniger Pech mit Verletzungen als zuletzt haben sollte, bleiben die Probleme bestehen. Finanzielle Mätzchen darf kein Fan erwarten, will er weiterhin Eishockey in Freiburg sehen, und wird sich der Vorstand auch nicht erlauben. Sollte dennoch ein effektiver Verteidiger- und/oder Centertausch möglich sein, würde dies die Voraussetzungen deutlich verbessern. Wenn nicht, muss man am Spiel der ausländischen Verteidiger arbeiten und die Ampeln auf grün schalten. Die Offensive kann dem EHC Spiele gewinnen und die Oberliga-Warzen überdecken, die Meisterschaft wird sie ihm allein wohl kaum erringen.

Fotos: www.ice-wolf.de