Der Couch-Tourist: Vertrauter Gast für einen Tag

Sebastian Klaus

fudder-Autor und Couchsurf-Tourist Sebastian hat es heute gar nicht weit zu seinem Gastgeber: Er schläft in den eigenen vier Wänden. Gewissermaßen. Die Mitbewohnerin vom Ende des Ganges hat sich seiner erbarmt. Vielleicht nicht ganz authentisch, aber immerhin aus überraschend neuer Perspektive.


Meine heutige Gastgeberin wohnt nicht weit weg. Zum Glück. Exakt 59 Trippelschritte von meinem Zimmer, Schuhgröße 42, ich habs nachgemessen. Damit entfällt die Suche nach richtigem Stadtteil, Straße, Hausnummer, bei der ich so häufig gnadenlos versage – ganz egal, wie lange ich die Stadt schon kenne. 5. Stock, Wohnheim Lehener Straße. Einfach 5 Zimmer weiter den Flur runter und ich bin da. Easy! Die Luftveränderung tut mir mal gut.

Auf die Idee bei Mitbewohnerin Jojo zu couchen, kommen wir zufällig. Eigentlich mehr sie als ich. Als ich bei der Planung meiner Couchsurfwoche nebenbei erwähne, mir fehle nur noch ein Gastgeber, bietet Jojo mir direkt an, bei ihr zu pennen: „Ich bin Couchsurferin, habe ein Profil.“ Ein noch recht Jungfräuliches, ohne Foto und viele Angaben, wie ich später feststelle, aber immerhin ein Profil. Sie ist neu in der Couchsurfing-Community, hat sich erst vor wenigen Wochen angemeldet. Der Grund: In ein paar Tagen geht’s ab nach Mexiko. Caramba!
Einen Monat lang reist sie dann kreuz und quer durchs Land. Rucksack gesattelt und eine weitere Mitbewohnerin im Gepäck. Der Clou: Ihr Gastgeber der ersten Woche ist ein alter Bekannter. Gaaaanz alt. Vor vielen Jahren, die Mauer stand fest und der pausbäckige Kinderschokijunge grinste noch niedlich, lernten sie sich in der Schule in Deutschland kennen. Dann lieben. Na ja, so was in der Art. Sie waren 15. Als Salvador zurückging nach Mexiko, blieben sie, Yahoo und Facebook sei Dank, in Kontakt. 13 Jahre später nun das Wiedersehen. Nette Geschichte, nur ist Salvador inzwischen fest liiert, wohnt mit seiner Freundin zusammen. Ein wenig Herzklopfen bleibt.


Jojo ist kurz nach mir in die WG gezogen. Vor etwa einem Jahr. Wir verstehen uns ganz gut. Manchmal ein kurzer Schnack in der Küche, bis das Wasser kocht, mal ein Abstecher in ihr Zimmer, um ihren Laptop zu benutzen. Hört sich oberflächlich an, ist es aber nicht. Die Gespräche sind kurz, aber knackig. Small Talk gibt’s selten. Sie ist sehr offen. Nur die Gelegenheiten für einen längeren Austausch sind rar. Das wird sich heute ändern - dank Couchsurfing.
Am Ende verbringen wir nicht nur keusch die Nacht zusammen, sie im Bett, ich auf der Matratze daneben, ich weiche auch die ganzen Stunden davor nicht von ihrer Seite. Wir fahren zusammen einkaufen: Bier für eine Party ein Stockwerk tiefer. Im Auto fällt mir auf, sie ist genauso orientierungslos wie ich. Wir brauchen eine halbe Stunde, um beim nächsten Supermarkt anzukommen. Aber der Weg ist ja schließlich das Ziel. Und so haben wir endlich viel Zeit zum Reden.
Nach Mexiko stehen weitere Reisen bei Jojo an. Endlich! Fürs Praxissemester geht es nach Ghana, danach ist lose eine Südamerikareise angedacht. Peru, Bolivien, die Anden. Geplant war das schon länger. Aber irgendwie kam immer etwas dazwischen. Beziehungen, das Leben!


Zurück im Wohnheim, fällt mir eine weitere Eigenschaft Jojos auf, die ich vorher nie bewusst an ihr wahrgenommen habe: Sie kocht nicht! In dem Moment, wo sich der Hunger bei mir meldet, und ich ganz in meiner Rolle als Couchsurfer, an meine letzten beiden Abende zurückdenke, an denen ich fürstlich bekocht wurde, fällt mir auf, dass ich sie eigentlich noch nie am Herd gesehen habe. Zum Glück nehmen sich meine - Pardon: ihre – Mitbewohner meiner an. Sie spielen ihren fürsorglichen Gastgeberpart ausgezeichnet und füttern mich an diesem Abend durch.
Danach geht’s ein Stockwerk tiefer. Trotz der geografischen Nähe, war ich hier noch nie, „kenne“ die Bewohner nur flüchtig aus dem Aufzug: „Hey, wie geht’s, wo soll ich drücken?“. Patrick, ein guter Freund Jojos, wohnt hier. Er gibt die Party. Nicht einfach so. Nein, es gibt einen guten Grund: Patrick studiert Neuere und Neueste Geschichte. Und er hat am Mittag seine Bachelorarbeit abgegeben: nach 21 Semestern! Ein guter Grund zum Feiern. Der Mann gehört ins Guiness-Buch.
Frühe Nacht, Schlafenszeit. Automatisch will ich in mein Zimmer gehen, aber Jojo behält den Überblick. Couchsurfen ist angesagt. Die Matratze wird bezogen, der Schlafsack ausgepackt. Einschlafmusik klingt leise aus den Boxen: Tim Bendzko. Wir reden noch eine Weile, dann schläft Jojo ein. Ich kann nicht – funzt nie, wenn was anderes als pure Instrumentalmusik läuft. Muss den Text verstehen. Irgendwann drückt die Blase. Verlaufe mich fast auf dem Weg ins Bad. Schon seltsam, das Klo aus entgegengesetzter Richtung zu betreten. Eine ganz andere Perspektive. Irgendwie. So wie der ganze Abend.


Nachtrag
: In Versuchung geraten konnte ich nicht, nachts doch noch in meinem geliebten Bett zu schlafen. Ich hatte die Matratze vorsorglich einer anderen Mitbewohnerin gegeben, die in dieser Nacht gleich drei Gäste bei sich aufnahm. Als Dank lud sie mich am nächsten Morgen zum Frühstück ein. Pfannkuchen en masse. Und zwischen all den mir fremden Gesichtern kam ich mir dann endgültig vor wie ein Gast.

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