Der Cannabis-Forscher

Fabienne Hurst

Bela Szabo ist Professor für Toxikologie und Pharmakologie an der Uni Freiburg. Sein Forschungsgebiet: Cannabis. Im Interview spricht er über Kiffen als Schmerzmittel, Risiken und Nebenwirkungen.



 

Herr Professor Szabo, worüber forschen Sie?

 
Bis in die neunziger Jahre war unbekannt, wie Cannabis eigentlich wirkt. Heute ist klar: Menschen und Tiere haben spezielle Cannabinoid-Rezeptoren im Körper. Meine Forschungsgruppe erforscht die Wirkung von Cannabinoiden auf das Nervensystem. Ihre Grundwirkung ist die Hemmung der synaptischen Transmission, also der Übertragung zweier Neuronen. Die kommunizieren miteinander über Botenstoffe - und Cannabinoide hemmen deren Freisetzung.  

Und wie sieht das aus, verwenden Sie Kiffer als Versuchsobjekte?

 
Es werden Gehirne von Mäusen entnommen, in feine Scheibchen geschnitten und mit einer cannabishaltigen Nährflüssigkeit versorgt. Dann stechen wir feine Glas-Mikroelektroden in die Nervenzellen des Gehirnschnittes und leiten elektronische Signale von den Nervenzellen ab. Damit können wir die Übertragung zwischen zwei Nervenzellen untersuchen. Wir betreiben also Grundlagenforschung: Wir untersuchen, wie gewisse Phänomene funktionieren und daraus entwickeln sich häufig zufällig therapeutische Anwendungsmöglichkeiten.  

Welche Krankheiten kann man mit Cannabis behandeln?

 
Derzeit ist in Deutschland ein Medikament auf Cannabinoid-Basis für Muliple Sklerose zulässig. Da hilft es gegen Schmerzen, Probleme mit der Harnblase und Spasmen. In den USA werden Cannabinoide bei Aids eingesetzt: Aidspatienten im finalen Stadium sind oft sehr abgemagert. Cannabis kann hier zur Gewichtzunahme eingesetzt werden, weil es den Appetit anregt. Bei einer Chemotherapie hilft es gegen Brechreiz und Übelkeit.

Aber mal im Ernst: Kiffen als Therapie?

 
Es ist so: Die Einnahme durch Rauch hat gewisse Vorteile. Es ist eine sehr effiziente Applikationsart, da man den Stoff direkt durch die Lunge aufnimmt und die Cannabinoide direkt ins Blut gehen. Dadurch lässt sich die Dosis besonders gut einstellen, weil man schnell merkt wenn die gewünschte Wirkung eintritt. Beim synthetischen Formen wie Tropfen oder Tabletten setzt die Wirkung viel später ein, was zur Wirkungslosigkeit oder Überdosis führen kann.  

Rauchen will man aber aus zwei Gründen vermeiden: Zum einen, weil es stark verbunden ist mit dem missbräuchlichen Konsum von Cannabis. Ärzte und Pharma-Firmen wollen weg von diesem negativen Image. Wenn sie Cannabis verabreichen, dann auf eine seriöse Art. Zweitens, weil man beim Rauchen natürlich auch schädliche Stoffe zu sich nimmt, die Lungenkrebs verursachen können. Es gibt zwar Geräte, bei denen man weniger Schadstoffe einatmet, aber ein gewisses Risiko bleibt.

Wenn Cannabisrauch eine gut dosierbare Art der Anwendung für viele Therapien ist, sollte Ihrer Meinung nach Kiffen legalisiert werden?

 
Wenn Cannabis vernünftig geraucht wird, hat es eindeutig weniger organschädigende Nebenwirkungen als Tabak oder Alkohol. Aber wir haben in unserer Gesellschaft schon genug Probleme mit Ethanol und Tabak, warum sollten wir ein neues schaffen? Es ist ja nicht so, dass man jetzt Tabak auf die schwarze Liste der europäischen Staaten setzt und stattdessen Cannabis erlaubt.  

Warum werden Cannabis-Medikamente noch nicht im großen Stil angewandt?

 
Unser Gehirn, aber auch das periphere Nervensystem, sind voll von Cannabinoid-Rezeptoren. Deshalb ist es schwierig gute Medikamente zu entwickeln, die mithilfe von Cannabinoiden wirken, weil es immer sehr viele Wirkungen gleichzeitig gibt. Das heißt neben dem gewünschten Effekt, zum Beispiel der Schmerzlinderung, treten an vielen Orten des Nervensystems unerwünschte Nebenwirkungen auf, zum Beispiel: Stimmungsschwankungen, Depression bis zur Selbstmordgefährdung, Angstzustände oder Übelkeit.  

Kann man die Nebenwirkungen nicht irgendwie ausschalten?

 
Es ist noch viel zu erforschen. Man probiert zum Beispiel psychische Wirkungen wie Schizophrenie ganz speziellen Nervenzellen zuzuordnen - um unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden. Außerdem gibt es nicht nur Cannabinoide von Pflanzen und synthetische Cannabinoide von Pharmafirmen, sondern unser Gehirn synthetisiert endogene, also körpereigene Cannabinoide. Das ist auch eine Entwicklungsmöglichkeit: Man führt Cannabinoide nicht von außen zu, sondern erhöht den Spiegel der endogenen Stoffe mithilfe potenzieller Pharmaka. Möglicherweise ist diese Methode mit weniger Nebenwirkungen behaftet.

Haben Sie an sich selber schon Cannabis ausprobiert?

 
Leider nicht, aber ich plane das. Ich hatte noch nie Zugang zu Haschisch, das liegt an meiner ungarischen Vergangenheit. Als ich jung war, war Cannabis kein Thema im sozialistischen Ungarn. Bis zur Wende wussten die Leute fast nichts darüber.  

Zur Person

Bela Szabo wurde 1957 in Budapest geboren, kam 1984 zum ersten Mal an die Uni Freiburg und ist dort seit 2002 Professor für Toxikologie und Pharmakologie. Eine seiner letzten wissenschaftlichen Aufsätze (gemeinsam mit M.J. Urbanski und F.E. Kovacs 2010 in der Fachzeitschrift "Neuroscience" veröffentlicht) trägt den Titel "Endocannabinoid-mediated synaptically evoked suppression of GABAergic transmission in the cerebellar cortex".



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