Der Bahntaxi-Mann

Meike Riebau

Der Freiburger Micha H. verdient sein Geld auf denkbar ungewöhnliche Art: als Bahntaxi. Er reist mit Fremden im Zug und nimmt dafür Geld. Wie er zu seinem ungewöhnlichen und illegalen Nebenverdienst kam und von den Höhen und Tiefen seines Lebens als Dauer-Reisender hat er Meike erzählt.



Montagvormittag, 10 Uhr: Micha (Name von der Redaktion geändert) steht am Freiburger Hauptbahnhof und wartet auf Kundschaft. Der Morgen läuft schleppend an, die meisten Leute schütteln abwehrend den Kopf, wenn sich ihnen der gedrungene kleine Mann nähert. Kein Wunder, das Angebot klingt schließlich zunächst unglaubwürdig: Micha ist Bahntaxi.


Der 48-Jährige ist Inhaber einer Bahncard 100 und eines Schwerbehindertenausweises – deshalb kann er kostenlos eine Begleitperson im Zug mitnehmen. Das nutzt er aus, um sich ein wenig Geld hinzuzuverdienen. Er fährt mit den Leuten mit, und lässt sich einen Anteil des Fahrpreises geben. So profitieren beide: Der Fahrgast zahlt weniger als den regulären Preis, Micha stockt seine Rente auf.



Seine Kunden spricht er an den Bahnhöfen an, manchmal wird er auch regelrecht gebucht von Stammkunden. Früher hat er im Internet und an schwarzen Brettern der Uni inseriert, aber das rentierte sich nicht: „Die Leute dachten, ich sei ein Betrüger, und niemand hat angerufen“.

Einige Stammkunden hat er aber mittlerweile. „Die rufen dann zum Beispiel am Tag davor an, wenn sie einen Geschäftstermin in Berlin haben. Dann fahre ich morgens hin und abends wieder mit ihnen zurück.“

Etwa 600 Kilometer legt der Freiburger auf diese Art und Weise pro Monat mindestens zurück. Aber nicht alle Reisen führen einmal quer durch die Republik. „Ich fahre auch einfach mal nach Offenburg oder bin viel in der Regio unterwegs“. Die Ticketpreise kann er mittlerweile so zuverlässig aufsagen wie ein Fahrkartenautomat, ebenso wie die Abfahrtszeiten der Züge.

Er selbst hat keine Fixpreise. „Ich nehme das, was die Leute mir anbieten“, sagt der gebürtige Südbadener. Ob das ganz richtig ist, ist fraglich: Eine Mitfahrerin berichtet, während der Fahrt habe Micha auf einmal mehr Geld verlangt, als ursprünglich vereinbart.

Seit etwa fünf Jahren schon verdient er sich auf diese Art ein Zubrot. Angefangen hat er mit seinem ungewöhnlichen Geschäftsmodell auf lokaler Ebene, in Straßenbahnen und Bussen. Doch irgendwann kannten ihn die Schaffner und Bahnfahrer und verboten ihm, seine Dienste anzubieten. Legal ist es schließlich nicht, was er tut, weder im Nah- noch im Fernverkehr: Sinn und Zweck der Begleitpersonenregelung ist es schließlich, Behinderten zu helfen und den Alltag zu erleichtern – und nicht, finanzielle Vorteile aus dem Privileg zu schlagen.



Ähnliches gilt für die ICE-Monatstickets, die es erlauben, am Wochenende kostenlos „Family and Friends“ mitzunehmen, wie die Bahn wirbt. Auch hier ist die gewerbliche Nutzung laut AGB untersagt, die Bahn unternimmt lediglich bislang nichts dagegen, weil der Missbrauch sich in relativ kleinen Rahmen bewegt, laut Aussagen des Konzerns in einem Artikel in der Zeit.

Micha rechtfertigt sein Verhalten damit, dass er anders nicht „über die Runden komme“ und auch sonst keinen Job finde. „Ich würde ja gerne etwas anderes tun, aber niemand will mich“, sagt er. Eine Kinderlähmung in seiner Kindheit hat eine halbseitige Lähmung hinterlassen, fast jede Tätigkeit ist ausgeschlossen für ihn.

Auf seinen Dienstfahrten hat Micha schon die unterschiedlichsten Leute kennengelernt: Vom Geschäftsmann über Studenten und Schüler – Micha nimmt sie alle mit. Ein wenig scheinen die Fahrten für ihn auch ein Versuch zu sein, Kontakt zu anderen Menschen zu bekommen. Die Städte, die er auf seinen Reisen gezwungenermaßen besucht, scheinen ihn wenig zu interessieren. „Ab und zu laufe ich ein wenig herum, das ist natürlich schon toll, so viel zu sehen, aber wirklich oft mache ich das nicht“.



Am meisten scheint es ihn zu begeistern, wenn er auf seinen Reisen den ein oder anderen Prominenten erspäht, wie etwa Dieter Thomas Heck. Ein Traumjob ist das Bahntaxi für ihn aber deshalb noch lange nicht: Wie ein gestresster Manager ächzt der Frührentner, wie „ätzend“ es sei, viermal die Woche nach Berlin zu müssen.

Januar und Februar waren für Micha bis jetzt schlechte Monate, nur drei Fahrten hat er übernommen. Ob das am günstigen Sprit liegt, an Lidltickets oder die Menschen krisenbedingt weniger verreisen – wer weiß. Im Dezember dagegen boomte das Geschäft, 22 Mal wurde er gebucht. Die Frage ist aber, wie lange er sein Bahntaxi noch betreiben kann – denn der ein oder andere Schaffner erkennt ihn mittlerweile schon.

Mehr dazu: