Der 25-jährige Autist Julian sprach vor 1000 Zuhörern im Audimax der Uni Freiburg

Johannes Tran

Offen, authentisch und sehr persönlich – der Vortrag des 25-jährigen Autisten Julian im Auditorium Maximum der Universität ist am Mittwochabend auf großes Interesse gestoßen.

Knapp 1000 Zuhörerinnen und Zuhörer hingen an den Lippen des jungen Mannes, der auf unterhaltsame Weise von Ereignissen aus seinem Leben und dem Umgang mit seiner Krankheit erzählte.

Julian läuft vor dem Rednerpult auf und ab. Das gestreifte Hemd hat er in die Hose gesteckt, darüber trägt er ein dunkelblaues Sakko. Seine kurzen blonden Haare sind mit Gel in Form gebracht. Seinen Nachnamen will Julian nicht verraten, doch für den Vortrag tut das nichts zur Sache.

Anders als die anderen Kinder

Der Titel der von der Fachschaft Sport organisierten Veranstaltung lautet: "Autismus – ein autobiografischer Alltagsbericht". Julian beginnt zu erzählen, und die Sätze, die aus seinem Mund kommen, sind derart versiert formuliert, dass sie eins zu eins so niedergeschrieben werden könnten.

Als Julian zwölf Jahre alt ist, kommt seinen Eltern das erste Mal der Verdacht, dass er Autist sein könnte. Er ist anders als die anderen Kinder; häufig zieht er sich in sein Zimmer zurück, verliert sich im Spielen mit Bauklötzen, trinkt nichts anderes als Apfelsaft.

Offizielle Diagnose "Asperger-Syndrom"

Als er noch zum Kindergarten geht, will eine Pädagogin seinen Eltern davon abraten, ihren Sohn zur Schule zu schicken. Er habe keine Kompetenzen, die sich schulisch fördern ließen. Ungläubiges Staunen im Publikum, wirkt Julian doch aufgrund seiner "professoralen Sprache", wie er sie nennt, äußerst belesen.

Julians Eltern schicken ihn dennoch zur Schule. Nach seinem Abschluss macht er eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter. Die offizielle Diagnose "Asperger-Syndrom", eine von mehreren Autismus-Formen, erhält er erst im Alter von 18 Jahren. "Die Diagnose war für mich ein sehr schöner Moment, weil endlich aufgeklärt wurde, was mich in den letzten Jahren beschäftigt hat", sagt Julian.

Welche Emotion ist sozial angebracht?

Mit seinem Vortrag will er dem Publikum die Möglichkeit geben, sich in ihn hineinzuversetzen. Wie er fühlt, wie er denkt, was ihm schwer und was ihm leicht fällt. "Ich kann nicht filtern, ich nehme alles wahr", erzählt Julian. Für ihn ist es eine riesige Herausforderung, wichtige Sinneseindrücke von unwichtigen zu unterscheiden. Hinzu kommt eine "veränderte Emotionswahrnehmung".

In vielen Situationen kann er nicht einschätzen, welche Emotion nun sozial angebracht ist. Wieso soll er nicht fröhlich sein dürfen, während andere trauern?

Struktur im Alltag ist sein Ein und Alles

"Autisten brechen soziale Regeln, aber nicht weil sie Regeln brechen wollen", erklärt Julian. Emotionale Signale von Gesprächspartnern zu deuten, die für jeden Nicht-Autisten klar ersichtlich sind, ist ihm kaum möglich. Er schätzt Menschen viel stärker über ihre Sprache ein denn über ihre Gestik und Mimik. Außerdem ist Struktur im Alltag sein Ein und Alles, ohne sie ist er verloren. Bei einer Reise nach Berlin habe er vorab für jeden Tag ein passendes Set an Kleidung gekauft, erzählt Julian.

Doch sein Autismus hat für ihn auch positive Seiten: Er ist ein sehr selbstdisziplinierter Mensch und kann Sachverhalte oftmals gut analysieren, weil er Emotionen stets hintanstellt. Zuletzt darf natürlich ein Thema im Vortrag nicht fehlen: die Liebe. "Für mich ist die Liebe so etwas wie die soziale Champions League", meint Julian. "Ich komme aber gerade aus der Kreisklasse." Er schmunzelt, das Publikum lacht.

Im Plenum sitzt auch Nicola Hipp. Vor zwei Wochen hat ihr neunjähriger Sohn die Diagnose Autismus erhalten, seither saugt sie alle Informationen auf, die sie finden kann. Sie ist von Julians offener Art begeistert. "Ich sehe in ihm meinen Sohn." Auch der rede jetzt schon "wie ein Professor". Für sie hat sich das Kommen in jedem Fall gelohnt: "Der Vortrag war genial."

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