DayZ: Ein Rollenspiel-Survival-Shooter mit Zombies, Psychopathen und reichlich Darwinismus

Daniel Laufer

1 Stunde und 9 Minuten - so lang überlebt ein Spieler durchschnittlich in "DayZ" - und wer in der adrenalingeladenen Mischung aus Rollenspiel und Survival-Shooter stirbt, muss ganz von vorne anfangen. Warum fudder-Autor Daniel Laufer von "DayZ" begeistert ist:



Ich bin 24, ich gehöre zur Generation der Gamer. Counter Strike, Call of Duty, Battlefield — alles, was man so spielt, habe ich ausprobiert. Man schießt sich im Internet durch Mehrspieler-Karten, tötet wildfremde Mitspieler oder wird eben von ihnen getötet, macht Punkt um Punkt, im Minutentakt. Schlimmer als die Shooter fand ich nur noch MMORPG-Spiele. Das Ergebnis: gähnende Langeweile.

Wem das Spaß macht, bitte, aber die Stunden plätschern dabei vor sich hin, wie beim Volleyball - und ich mag Volleyball nicht. Am Ende hat irgendeiner gewonnen und irgendeiner verloren, besonders fesselnd fand ich das nicht, also habe ich aufgehört. Bis vor einem halben Jahr. Dann kam die Standalone-Version von DayZ raus, ursprünglich entwickelt als Modifikation eines anderen Spiels. Und DayZ könnte alles verändern.

DayZ ist eine Mischung aus Rollenspiel und Survival-Shooter. Zu Beginn hat man nicht mehr als eine Taschenlampe mit Batterien und macht sich dann auf die Suche nach Verpflegung, Medikamenten, Schutzkleidung und natürlich Waffen. Manchmal geht es Stunden, bis man einigermaßen ausgerüstet ist.

DayZ spielt in einem fiktiven Ex-Sowjet-Staat, der ein bisschen so aussieht, wie man sich den bürgerkriegsgeplanten ukrainischen Osten vorstellt. Er heißt Chernarus und erstreckt sich über 225 Quadratkilometer. Man kann Städte, Wiesen, Wälder bis hin zu Militärcamps frei erkunden und sich dabei in aller Ruhe verirren. Wer nicht aufpasst, stirbt. Aggressive Zombies lauern überall, man kann verdursten, verhungern oder an einer Infektion zugrunde gehen.

Die größte Gefahr aber ist Mensch. Zig andere Spieler verfolgen die gleichen Ziele. Manche sind freundlich und bieten dir eine Cola an, andere wollen unbedingt deinen Rucksack, deine Schrotmunition oder sogar dein Blut, um sich eine Transfusion zu legen. Dafür gehen sie notfalls bis zum Äußersten. Weil man nicht weiß, was einen erwartet, hat man permanent den Finger am Abzug. Die Folge: Darwinismus und pure Hysterie.

Denn DayZ ist zwar ein Computerspiel, trotzdem lebt man nur einmal. Wenn der Charakter des Spielers stirbt, fängt dieser wieder ganz von vorne an, nur mit der Taschenlampe, irgendwo im Nirgendwo. Die mühsam gesammelte Ausrüstung ist dann verloren. Das nimmt kuriose Züge an.

Einmal bin ich gerade damit fertig, ein kleines Dorf zu durchsuchen. Ich habe zwei Zombies mit einer Mistgabel erschlagen und Dosenspaghetti eingesammelt, nur Werkzeug, um sie zu öffnen, fehlt noch. Gleich will ich weiterziehen, nur noch schnell aus dem Brunnen trinken, da bekomme ich Besuch. „Zieh alles aus, was du hast!“, sagt ein Typ mit rotem Motorradhelm auf dem Kopf zu mir. Er hat sein Jagdgewehr auf mich gerichtet, keine Ahnung ob es geladen ist. Ich habe ihn nicht kommen sehen, ein kurzer unachtsamer Moment hat mal wieder gereicht. Von hinten läuft eine Frau zu uns, sie trägt einen Baseballschläger und schwingt ihn bedrohlich.

„Zieh dich aus und setz dich hin, oder ich bring dich um!“, ruft der Typ noch mal. Ich folge der Anweisung. Die Frau holt einen Dosenöffner aus ihrem Rucksack und isst meine Spaghetti auf, der Mann zieht meine Stiefel an. Ich hocke daneben, in Unterwäsche, und schaue zu. Dann legt er mir Handschellen an. „Viel Spaß“, meint er und verschwindet mit seiner Partnerin im Wald. Ich freue mich über dieses best case scenario — schließlich lebe ich noch, so geht das nicht immer aus.

Vielleicht haben die beiden die Szene ja aufgenommen und ins Internet gestellt. Dort findet man jedenfalls unzählige Videos abartiger Vorfälle. Außerdem gibt es allerlei Anleitungen für das Spiel, zum Beispiel den „Ratgeber für Psychopathen“. Er empfiehlt: „Spiel mit deinem Opfern. Fessel es, frag es, ob es hungrig ist, und füttere ihm dann verrottete Früchte (es wird davon krank werden).“ Ein anderer Ratgeber will den Spieler auf eine solche Konfrontation vorbereiten. „Ein Psychopath wird dich verfolgen, bis du tot bist. Also schieß, sobald du ihn siehst!“, so der Vorschlag. Zu diesem Schluss kommt man nach den ersten Zusammenstößen ganz von alleine. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Um in DayZ erfolgreich zu sein, sollte man sich mit anderen Spielern verbünden — sonst hat man so gut wie immer das Nachsehen. Gar nicht so leicht, denn die Paranoia wächst.



Sicher ist man aber auch nicht in der Gruppe. Einmal sind wir zu zehnt unterwegs, bewaffnet bis unter die Zähne. Vom Waldrand rücken wir in Richtung Stadt vor, in der Ferne bereits Schüsse. Wir sind auf Krawall gebürstet und wollen „aufräumen“. Selbstsicher bewegen wir uns von Hauswand zu Hauswand. Zwei Personen kommen die Straße runtergerannt. „Stopp, Waffen fallen lassen!“ Sie reagieren nicht. Ein paar Gewehrsalven, dann liegen beide am Boden. „Selber schuld“, meint einer. Trotzdem kommt etwas Genugtuung auf. Wir nehmen uns, was unsere Opfer bei sich haben - etwas Reis, eine Axt. Als wir den Stadtkern erreichen, kommen die Schüsse schon ganz aus der Nähe. Während wir im Hof einer stillgelegten Fabrik noch überlegen, wie wir taktisch am besten vorgehen wollen, schreit plötzlich einer auf. „Ich bin getroffen!“

Dann geht alles ganz schnell, von überall fliegen uns die Kugeln um die Ohren. Wir haben es mit vielleicht drei Schützen zu tun, aber wir sehen sie nicht. Die haben uns kalt erwischt. Planlos rennen wir von links nach rechts, wie aufgeschreckte Hühner, suchen nach Deckung. Am Ende sind fast alle von uns tot, sie fangen jetzt wieder bei null an. Ihre Frustration ist riesig.

Wegen solcher Szenen kann ich DayZ nicht spielen, wenn ich einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir habe. Es hilft mir nicht beim Abschalten. Manchmal probiere ich es trotzdem. Nach zwei bis drei Stunden bin ich völlig aufgekratzt und liege vollgepumpt mit Adrenalin im Bett. Dann hat die Faszination für das Spiel mal wieder gesiegt. Eigentlich ist das erstaunlich, denn DayZ ist kein fertiges Spiel. Angeboten wird gerade mal eine frühe Alpha-Version. Sie hat etliche Fehler und viele geplante Inhalte fehlen noch. Eines Tages wird man Chernarus mit dem Auto erkunden können oder Tiere jagen, um sie am Lagerfeuer zu grillen.

Der Chefentwickler rät selbst noch davon ab, DayZ zu kaufen. Mehr als zwei Millionen Spieler haben es trotzdem schon getan. Im Spiel erwartet sie dann eine überraschende Detailverliebtheit. Ein Beispiel: In den Häusern findet man über hundert unterschiedliche Bücher, von Tolstois „Anna Karenina“ bis hin zu Kafkas „Die Verwandlung“. Und ja: Man kann die Bücher lesen, direkt im Spiel - zum Beispiel, während man in einem Hinterhalt lauert.

Für mich ist DayZ die spannendste Entwicklung in der Computerspielwelt der letzten Jahren. Auf der einen Seite werden jährlich dutzende primitive Ego-Shooter auf den Markt geworfen, meist ohne Sinn und Verstand, auf der anderen immer mehr lineare Spiele mit kinoreifer Geschichte, dafür ohne Langzeitspaß. DayZ dagegen ist ganz anders. Es gibt eine Geschichte, aber jeder Spieler schreibt sie für sich selbst, wieder und wieder. Dazu ist es nicht weniger als ein soziales Experiment: Alle Spieler haben mit den gleichen Gefahren zu kämpfen — wie werden sie reagieren, wenn sie unter diesen Umständen aufeinandertreffen?

Wer DayZ zum ersten Mal sieht, mag das Spiel für langweiligen Schrott halten. Oft läuft man eine Ewigkeit durch die Landschaft und es geschieht überhaupt nichts. „Was ist das Ziel des Spiels?“, ist dann die Frage. Vielleicht zurecht, denn: Man kann nicht gewinnen. Aber: Man kann verlieren. Und wie im echten Leben geht es darum, das möglichst lange hinauszuzögern. Nicht jedem reicht das.

DAYZ STANDALONE ► Was ein Drama - DayZ Let's Play [023]

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GETTING KIDNAPPED & TORTURED!!!! - (DayZ)

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DayZ SA: Dark Magic Confirmed! (The Wiggles)

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