Porträt

Das sind die Immoralisten

Gina Kutkat

Modernes und anspruchsvolles Theater – dafür stehen die Immoralisten seit acht Jahren. Und für ein beständiges Team, das eng zusammenarbeitet. Aktuell am neuen Stück Professor Bernhardi, das Donnerstag Premiere feiert. Wer sind die Immoralisten? Fünf Porträts.

Manuel Kreitmeier, 38, Intendant, Regisseur, Fotograf, Schauspieltrainer und Coach.

kreitmeier

Nur ein bisschen schauspielern – das war der Wunsch von Manuel Kreitmeier. Weil er zu Beginn der Nuller Jahre von seinem Studium der Germanistik und Kunstgeschichte frustriert war, suchte er andere Theaterbegeisterte, um eine Theatergruppe zu gründen. "Niemand wollte Regie machen, also musste ich ran", sagt er. 18 Jahre und 50 Stücke sind seitdem vergangen. Manuel Kreitmeier ist Intendant und Regisseur in einem der beliebtesten freien Theater in Freiburg, dem Theater der Immoralisten. Und nicht nur das: Er wählt die Stücke aus, ist fürs Bühnenbild verantwortlich, sitzt an der Abendkasse, kümmert sich ums Licht und begrüßt fast jeden Abend das Publikum. "Ich könnte mir nicht mehr vorstellen, unter einer anderen Person zu arbeiten." Harmonie ist ihm wichtig – in der Zusammenarbeit mit Florian Wetter und seinem Ensemble – und als Atmosphäre für sein Theater. Kreitmeier steht auch für Loyalität: Seit mehr 17 Jahren arbeitet er mit Wetter zusammen, auch die meisten Schauspieler und Mitarbeiter bleiben bei den Immoralisten, wenn sie erst einmal hergefunden haben. Ist das das Erfolgsgeheimnis seines Theaters? "Vielleicht ja."

Relevant, physisch, innovativ. Für Kreitmeier muss ein Theaterstück etwas mit dem Publikum machen, es soll verändern, schockieren oder beglücken. Sowie "Stammheim", eines seiner für ihn wichtigsten Stücke, oder "Schuld und Sühne", eine Romanadaption seines Kollegen Florian Wetters. "Und in erster Linie muss Theater Spaß machen", sagt er. Vier bis fünf Stücke laufen in einer Immoralisten-Spielzeit, da bleiben etwa fünf Wochen Probezeit pro Stück. "Wenn ich die Besetzung festgelegt habe, ist das schon die halbe Miete", sagt Kreitmeier. Bevor die Proben beginnen, hat er schon eine Idee der Bühne im Kopf. "Ich bin ein visueller Mensch und überlege früh, wie etwas aussehen könnte." Mit Requisiten geht er sparsam um, jedes Teil auf der Bühne muss einen Sinn haben. Der schönste Moment? Eine der letzten Proben vor der Premiere, wenn alles passt. Seine eigenen Stücke zu sehen dagegen ist für ihn "belastend" – er sieht jeden Fehler und bewertet ihn selbstkritisch.

In Backnang aufgewachsen, machte Kreitmeier seine ersten Schauspielerfahrungen in der schulischen Theater-AG. "Ich wollte später nie etwas mit Theater machen." Doch die Stücke, die er mit seiner Studententheatergruppe inszeniert, sind mehr als erfolgreich. Die Ticketeinnahmen steckt er in die nächsten Produktionen, er schreibt Kulturartikel für Zeitschriften und Magazine, um sich über Wasser zu halten. Mit seiner Gruppe spielt er in Offlocations und auch mal im Stadttheater, bis er zusammen mit Florian Wetter 2009 einen Raum auf dem Stühlinger Gewerbehof anmietet: Blauäugig, sagt er heute, aber es hat funktioniert. Es wird das Zuhause der Immoralisten.

Florian Wetter, 37, Intendant, Musiker, Schauspieler, Komponist, Autor.

Wetter

Genauso wenig wie sein Theaterpartner Manuel Kreitmeier Regisseur werden wollte, strebte Florian Wetter eine Schauspielkarriere an. Doch weil er seinem Freund helfen wollte, sprang er in dessen Studententheater kurzfristig als Schauspieler ein: "Das Theater hat mich gebraucht – wir mussten liefern", sagt Wetter. Jetzt steht er fast jeden Abend auf der Bühne der "Immos", schreibt nebenbei Stücke, ist für die Musik und auch die Buchhaltung des Theaters verantwortlich. "Ich habe mich mit meiner Joker-Funktion abgefunden", sagt Wetter. Ein Teil von ihm fühlt sich mittlerweile auf der Bühne wohl. Vielleicht nur, weil er stets einen Bezug zur Musik hat. "Alles, was ich mache, ist Musik. Ich bin in allem Musiker. "

Und zwar seit er denken kann. Mit zehn Jahren schrieb er sein erstes Stück, die erste Bühnenmusik mit 14. "Ich habe mich nie auf der Bühne gesehen, immer dahinter." Florian Wetter studiert Sinologie und Anglistik in Freiburg, wird dann an der Hochschule für Musik angenommen und studiert Musiktheorie und Schulmusik im Hauptfach Klavier. Die klassische Musik lehrt ihn Präzision, Disziplin und Ausdauer. Eigenschaften, die ihm in seinen Rollen als Schauspieler und Theaterintendant helfen. Nachdem ihn die Hochschule "ausgespuckt hat", dockt er beim Studententheater seines Freundes an. Sie führen Macbeth in einem alten Gebäudekomplex auf , es ist kalt, die Schauspieler frieren jeden Abend. "Da wusste ich: ’Jetzt geht’s um was.’" Für ihn liegt die Chance des Theaters darin, den Leuten einen Gedanken mitzugeben, etwas Relevantes zu erschaffen, mit dem jeder und jede etwas anfangen kann. "Die Menschen kommen zu uns und konzentrieren sich 90 Minuten auf etwas anderes als sich selbst, ohne aufs Smartphone zuschauen."

Das Theater ist für ihn ein ständiger Prozess – jedes Projekt der Immoralisten unterstützt ihn bei seiner Weiterentwicklung. Wie zum Beispiel die Arbeit an "Der Prozess" von Kafka. Ein Stück, das er zuerst nicht schreiben wollte. Er ist nicht der größte Kafka-Fan. Er hat geflucht und verdrängt, bis er sich schließlich hinsetzte und eine erste Fassung schrieb. Sein Kollege Manuel Kreitmeier gibt ihm zwischendurch Feedback und zeigt Stellen auf, die nicht rund sind. "Wir sind sehr gut darin, dem anderen nichts durchzulassen", sagt Wetter. Die beiden Intendanten sind bei vielen Dingen völlig anderer Meinung, doch teilen sie die wichtigsten Credos. Eines ihrer wichtigsten: Eine Theater zu führen, in dem alle ihre Freiheiten haben und jeder ein Stück vom Kuchen abbekommt. "Auch, wenn es manchmal ein Kampf ist und immer einer bleiben wird."

Hannah Schwegler, 34, Musikerin und Markus Schlüter, 40, Schauspieler und Regisseur

Schwegler

Das Theater der Immoralisten ist auch ein Ort, an dem Menschen zusammenfinden. Cellistin Hannah Schwegler und Schauspieler Markus Schlüter lernten sich bei der Produktion von "Baal" im Jahr 2012 kennen. In ein paar Tagen erwarten sie ihr erstes Kind. "Wir haben bei den Immoralisten eine Heimat gefunden", sagt Markus Schlüter. "Würde es die Gruppe nicht geben, wären wir vielleicht gar nicht mehr in Freiburg." Ihr Einstieg in die Gruppe, die sie "Immos" nennen, war zufällig: Schlüter kam gerade von der Schauspielschule, hatte schon ein Engagement in der Tasche – und wollte trotzdem bei Kreitmeier und Wetter vorsprechen, "weil ich sie sympathisch fand". Die Rolle für Macbeth hätte er bekommen, doch er musste das andere Engagement wahrnehmen, obwohl er sein Herz an die Gruppe im Stühlinger verloren hatte. Einige Zeit später heuerte er dann doch dort an – und ist bis heute geblieben. "Ich habe dort viele Freunde gefunden."

Bei der Musikerin Hannah Schwegler war es anders herum: Sie verband zunächst eine jahrelange Freundschaft mit Theaterleiter Florian Wetter, bevor sie zu den Immoralisten fand. "Ich wusste lange gar nicht, dass Florian etwas mit Theater zu tun hat." Beide studierten an der Hochschule für Musik in Freiburg und lernten sich durch ihr Fach Schulmusik kennen. Im Jahr 2010 war Schwegler dann zum ersten Mal bei einem Theaterprojekt dabei - und gehört seitdem zum festen Kernteam. Ihre Soundtracks, die sie entweder selber schreibt oder von Florian Wetter übernimmt, sind zu einem Markenzeichen der Gruppe geworden. Ihr Cello bearbeitet sie elektronisch und verpasst den dramatischen Szenen ein passendes Klangbild. Dabei gab es nach ihrem Studium eine Zeit, in der sie das Cello in der Ecke stehen ließ und in Wien in der Öffentlichkeitsarbeit anheuerte. Heute schätzt Schwegler die Vorteile der freien Szene: Dass sie sich ihre Zeit einteilen kann und an mehreren Projekten mitwirken kann. "Die Mischung ist der Motor", so Schwegler.

Schlüter

Der Beruf schwappt bei den beiden oft ins Private über, "das lässt sich kaum vermeiden", so Schlüter, "wir arbeiten ja meistens zusammen". Neben den Immoralisten sind das zum Beispiel Großprojekte, bei denen Schlüter Regie führt und Schwegler die Musik komponiert. Wenn beide gemeinsam auf der Bühne stehen, sehen sie sich als Kollegen, als Teil der Immoralisten-Familie, nicht als Paar. Jeder kenne die Stärken und Schwächen der anderen – und die werden bei den Immoralisten auch ausgelebt. Der offene Austausch, das Sprechen über Probleme sei vielleicht der Grund, warum die Immoralisten so gut funktionieren. Gepaart mit der Kreativität der beiden Theaterleiter: "Bevor ich hierher kam, war ich als Schauspieler immer der junge Liebhaber oder der Clown", sagt Schlüter. "Manuel Kreitmeier hat mir ein ganz anderes Profil gegeben. Weil er jemand ist, der mich ganz anders sieht."

Jochen Kruß, 30, selbstständiger Schauspieler

Kruß

Mit 24 Jahren hatte Jochen Kruß eigentlich schon alles erreicht als Schauspieler. Er spielt die Hauptfigur in Büchners "Woyzeck" für die Immoralisten. Andere warten ein ganzes Leben auf diese Rolle – sie zu spielen gleicht einem Ritterschlag. Kruß, ein echtes Freiburger Bobbele, mag Rollen wie den schizophrenen Woyzeck: Ein bisschen wahnsinnig und psychopathisch. "Ich muss mich in einer Rolle richtig verausgaben können." Spielen bis zur Erschöpfung, das könnte das Motto von Kruß sein, der nach dem Abi im Jahr 2008 eine vierjährige Ausbildung an der Freiburger Schauspielschule im E-Werk absolviert hat. Er gibt lieber zu viel als zu wenig und schon oft musste Regisseur Manuel Kreitmeier seinen Schauspieler bremsen. Als Maßstab dient Kruß stets die Premiere eines Stückes: "Das Level, auf dem ich dann spiele, behalte ich die ganze Spielzeit bei." Zufrieden mit seinen Performances ist er selten: Nur in etwa zwei von 30 Aufführungen gefällt ihm, was er gespielt hat.

Selbstständiger Theaterschauspieler sein und nach Sicherheit im Leben streben – was sich wie ein Widerspruch anhört, ist für Jochen Kruß Wirklichkeit geworden. "Mir ist Sicherheit sehr wichtig", sagt er. Schon während seiner Schauspielschulzeit heuert er bei den Immoralisten an und ist bis heute ohne Unterbrechung bei ihnen geblieben. Macht mehr als zehn Jahre, die er quasi durchgespielt hat. "Vor allem, weil ich das Geld brauche." Aber auch, weil er in den Immoralisten eine zweite Familie gefunden hat. Streit, Frust und Zweifel gehören genauso dazu wie die gemeinsamen Visionen und der Zusammenhalt der Gruppe. "Was uns verbindet? Wir wollen alle was und wir stehen zu 100 Prozent hinter Manuel und Florian." Kruß legt großen Wert auf die Meinung des Regisseurs Kreitmeier: "Wenn mir und allen anderen die Performance gefällt aber Manuel nicht, bin ich auch nicht zufrieden."

Kritisch ist er nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch den anderen Ensemble-Mitgliedern. "Wenn jemand seinen Text vergisst, macht mich das wütend", sagt Kruß. "Ich kann dann sehr aufbrausend sein." Seine Texte lernt er, während er durch seine Wohnung läuft: Er legt bis zu sieben Kilometer in einer Nacht zurück. Für jemanden, der immer 120 Prozent gibt, sind Fehler eine Katastrophe. Als einmal bei einer Premiere alles schiefging, wollte er seine Schauspielkarriere hinschmeißen. "Aber irgendwie liebe ich es doch, im Mittelpunkt zu stehen und mich in die unterschiedlichen Figuren hineinzufühlen." Hauptrollen sind ihm die liebsten, die besten Erinnerungen hat er an seine Rollen in "Schuld und Sühne", "Nora oder ein Puppenheim" und zuletzt in "Der Prozess". Nachdem er auf der Bühne alles gegeben hat, zieht er sich am liebsten hinter der Bühne zurück und bleibt dort, bis alle anderen weg sind.
  • Was: Premiere Professor Bernhardi
  • Wann: Donnerstag, 24. März, 20 Uhr, weitere Vorstellungen: 05./06./7./12./13./14./19./20./21./
    26./27./28. April
    03./04./05./10./11./12./17./18./19. Mai
  • Wo: Theater der Immoralisten, Ferdinand-Weiß-Str. 9-11

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