Das Märchen der Füchse Duisburg - oder: Warum der EHC Freiburg aufsteigen wird

Daniel Laufer

Stimmt diese Geschichte, dann haben die Füchse Duisburg gegen den EHC Freiburg im Finale der Eishockey-Oberliga keine Chance. fudder-Redakteur Daniel Laufer erinnert sich an ein fiktives Treffen zwischen Füchse-Trainer Uli Egen und Teamchef Lance Nethery:



Als der dunkle Toyota mit dem Kölner Kennzeichen auf den Vorplatz des Duisburger Hauptbahnhofs fährt, wartet der stämmige Mann bereits. Ungeduldig trommelt er mit den Fingern auf den Griff seines Koffers, sein Gesicht zeigt keine Regung, noch nicht einmal, als er den Wagen sieht, hinterm Steuer immerhin ein alter Bekannter. Das Lächeln hat sich Uli Egen abgewöhnt - sein Leben ist hart geworden in den Jahren vor diesem Morgen im Januar 2015.


Als Trainer in Kassel schien der Aufstieg in die DEL2 zum Greifen nah, dann scheiterte seine Mannschaft in der Finalserie im entscheidenden Spiel - in der Verlängerung. Die Folge war Egens Entlassung. Also kehrte der in seine Allgäuer Heimat zurück, trainierte von nun an den Zweitligisten Kaufbeuren, verpasste die Play-Offs und musste in die Relegation.

Nur durch einen 1:0-Sieg am letzten Spieltag behielt Kaufbeuren seine Zweitliga-Zugehörigkeit - und Egen seinen Job. Wenn auch nur für wenige Monate: Im November hatte Kaufbeuren 14 Spiele in Folge verloren und stand auf dem letzten Tabellenplatz. Die Vereinsführung hatte genug und schickte Egen packen.


(Uli Egen)

Schluss mit schwerem Gepäck

"Ist das alles?", fragt der Fahrer des Toyotas, als er Egens Koffer ins Auto packt. "Ja", sagt Egen. "Schweres Gepäck habe ich mir abgewöhnt." Als die beiden die Otto-Keller-Straße hinunterfahren, starrt Egen abwechselnd hinaus in den Regen und auf "Sharky", das lustige Maskottchen der Kölner Haie. Es baumelt am Rückspiegel. "Willst du das nicht mal abhängen?", fragt er den Fahrer. Der hagere Mann mit dem schütteren Haar, der Lance Nethery heißt, antwortet nicht.

Drei Monate zuvor stand Nethery noch an der Bande der Kölner Lanxess-Arena. Sie ist die größte Multifunktionsarena in ganz Deutschland, wenn man zum ersten Mal einen Schritt in ihr Inneres setzt, fühlt es sich an, als habe man die NHL erreicht. All das war Netherys Reich, seit er 2013 den Job des Managers bei den Haien angenommen hatte - sein Vorgänger war zu Werder Bremen in die Fußball-Bundesliga gewechselt und auch Nethery standen alle Türen offen. Doch nach acht Spielen in der noch jungen DEL-Saison waren die Haie nur auf dem vorletzten Tabellenplatz. Trainer Uwe Krupp musste gehen - und mit ihm Lance Nethery.

"Ich will so was nicht nochmal erleben", sagt der neue Teamchef der Füchse Duisburg. Er sieht das Shell-Schild und hält an. Nethery steigt aus, der Tankdeckel klemmt mal wieder, er muss diesen Haie-Toyota endlich loswerden - in Duisburg fährt man Mitsubishi. Egen geht in das Tankhäuschen und kauft eine Flasche Wasser. Weiter geht die Fahrt.

Keine Gnade für den Meistertrainer

Einige Minuten schweigen sich die Männer an, dann rappelt sich Egen auf. "Ich will wieder in die zweite Liga - wir müssen aufsteigen!" Nethery seufzt. "Das wollen wir alle. Aber hast du gehört, was mit unserem Vorgänger passiert ist?" Egen hat davon gehört. Matthias Roos war sportlicher Leiter und Cheftrainer der Füchse, hatte zwei Wochen zuvor noch die Meisterschaft der Oberliga-West geholt, dann aber das erste Spiel in der Endrunde verloren - mit 2:5. Der Verein feuerte ihn.

"Mir wird das nicht passieren", sagt Egen trotzig. Wieder seufzt Nethery. "Klar, die Endrunde packen wir, die Play-Offs bis zum Finale auch - alles easy. Aber dann kommt Freiburg!" Da wird Egen wütend. "Ich kenne die Mannschaft, da ist der eine oder andere Schauspieler dabei!", schimpft er - und wirft theatralisch seine Trinkflasche durchs offene Fenster.

Nethery schüttelt den Kopf. "Freiburg kann Duisburg nicht schlagen, wenn’s um etwas geht. Das hat die Geschichte gezeigt." Seine Hände zittern am Lenkrad, als er das Verbotene ausspricht. Nur noch wenige Straßen ist die Scania-Arena jetzt entfernt - doch Nethery muss an den Rand fahren, überwältigt von der Erinnerung.


(Lance Nethery)

"Es ist ernst, Uli"

"Wovon sprichst du?", fragt Egen. Nethery öffnet das Handschuhfach, kramt einen vergilbten Spielberichtsbogen heraus. "Schon 1983 habe ich mit dem Duisburger SC um den Aufstieg gespielt. Doch wir wurden nur Zweiter - statt uns stieg der ERC Freiburg auf!"

Erst als die beiden auf den Parkplatz vor dem Eisstadion fahren, findet Egen die Sprache wieder. "Trägst du diesen Zettel wirklich seit 32 Jahren mit dir rum?" Nethery nimmt seine Brille ab, putzt sie mit der Krawatte. Er flüstert. "Es ist ernst, Uli."

Da kommt zu dem Nicht-Lächeln auf dem Gesicht des Uli Egen eine neue Emotion hinzu. Sie heißt Angst. Nethery, bemüht um gute Laune, klatscht in die Hände. "Auf geht’s, erstes Training mit der Mannschaft!" Egen nimmt seinen Koffer aus dem Auto. Wieder trommelt er auf dem Griff herum. Die beiden Reisenden betreten die Halle.

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[Foto 1: renard effrayé © Ayamap / Fotolia.com, Foto 2: Screenshot, Foto 3: dpa Picture Alliance]