Erzählkunst

"Das Fossil" ist ein satirisches Hörspiel, das im Jahr 2600 spielt

Joachim Schneider

Als Semesterarbeit an der Hochschule Offenburg haben Tobias Jeschke und Mario Pilz mit viel Aufwand ein 40-minütiges Hörspiel produziert. Anhören kann man "Das Fossil" auf Soundcloud.

2600: Lehrer Raschke steht kurz vor der Pensionierung, bisher konnte er sich in der voll digitalisierten schönen neuen Welt durchmogeln: Er gilt als schrulliges Relikt aus einer alten Zeit. Doch als er einem Schüler sein X-Phone vulgo Handy wegnimmt und es ausschaltet kommt es zum Eklat: "Der arme Junge war 15 Minuten von der Außenwelt abgeschnitten", schimpft die erboste Direktorin, sogar ein Bestattungsunternehmen soll sich schon angedient haben. Für solch voreilige Schlüsse kann der arme Lehrer natürlich nichts, aber so sieht es aus, wenn die digitale Vernetzung quasi zum Lebenselixier geworden ist. Die ganz Fortschrittlichen lassen sich gleich einen Chip einpflanzen.


"Das Fossil" – damit ist dieser alternde Lehrer gemeint – heißt ein satirisches Hörspiel, das eine ultimative Vernetzung genüsslich ausmalt und in Szene setzt. Konsum und Freizeit, Versorgung und Werbung: Nichts geschieht mehr ohne Beobachtung oder Begleitung: Selbst die Toilette – Spracherkennung macht es möglich – spricht und richtet sich je nach Geschäft darauf ein, was zu tun ist: Servicefreundlich und ressourcenschonend. Alles ist durchorganisiert und zum Event hochstilisiert. Bäume wachsen im Erlebnispark, bezahlt wird in Bitcoins oder Euro-Dollar.

Ein Hörspiel in Radio-Qualität

Tobias Jeschke ein Informatiker, Ex-Germanist und Audiofreak besuchte gemeinsam mit dem jungen Filmemacher Mario Pilz das Seminar "Text und Drehbuch" an der Hochschule Offenburg. Entstanden ist "Das Fossil" als Semesterarbeit. Das Ergebnis ist ein rund 40-minütiges, aufwändig in Köln, Offenburg, Berlin und Freiburg produziertes Hörspiel, das nun im Internet zugänglich gemacht wurde. Es kann sich mit aktuellen Rundfunk-Produktionen durchaus messen.

In klassischer Hörspiel-Manier wurde dem Lehrer Raschke ein Leitmotiv verpasst. Das kurze Metalriff endend mit Cello-Tönen klingt erst ruppig und dann melancholisch – wie ein Fremdkörper in der digitalen Kuschel- und Spektakel-Welt. Wenn auch Story und Rahmen nicht allzu originell sind, die Umsetzung wirkt und hält eindrückliche Episoden bereit: Raschke erlebt einen schicksalhaften Tag, als er aus lauter Verzweiflung bekannte Orte zum Trost aufsucht und plötzlich mit der modernen Welt konfrontiert wird.

Selbst die Kirche huldigt nun einem anderen Gott: Der "Apple-Psalm" bringt die Verbindung von Zynismus und Verehrung sakral auf den Punkt. Schließlich erklärt ein über alles stehende Wesen – natürlich ein Super-Computer –, wie es so weit kommen konnte. Wenn es doch nur so einfach wäre.