Geschäftsleben

Das Café "Ingrids Backspezialitäten" in Günterstal schließt

Bettina Gröber

In Günterstal endet am letzten Novembersamstag eine jahrzehntelange Tradition: Ingrid Schuler schließt ihr Café "Ingrids Backspezialitäten" im Ortskern. Ob es einen Nachfolger geben wird, ist noch unklar.

GÜNTERSTAL. Mit dem heutigen Samstag geht in Günterstal ein weiteres Stück Infrastruktur verloren, das über Jahrzehnte hinweg auch das Ortsleben mitgeprägt hat: Ingrid Schuler hat ihr Geschäft heute letztmalig geöffnet. Aus gesundheitlichen Gründen, so die 68-Jährige, gebe sie "Ingrids Backspezialitäten" auf.

1955 kam Ingrid Schuler mit ihrer Familie nach Günterstal. Die Eltern hatten das Gebäude in der Schauinslandstraße 29, direkt am Klosterplatz, gekauft, in dem sich schon damals eine Bäckerei und ein Café befanden. Ingrid Schulers Eltern verlagerten beides allerdings aus dem ersten Obergeschoss ins Parterre, darüber lagen von da ab die Wohnräume.


Ingrid Schuler ist im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Betrieb aufgewachsen: "Seit 1959 habe ich im Laden gestanden", erzählt sie. Denn schon in der Schulzeit arbeitete sie mit: "Von sieben bis zwanzig vor acht Uhr war ich im Geschäft, danach bin ich zur Schule gegangen. Wenn die aus war, bin ich wieder in den Laden und habe dann bis abends mitgeholfen – das war mein Hobby." Bei den Eltern hat Ingrid Schuler auch den Beruf der Bäckereiverkäuferin gelernt.

Bis 1972 betrieben die Eltern das Geschäft. Dann ging es beim Vater gesundheitlich nicht mehr, und es folgte bis 1977 eine Art Interim, während dem Hubert Hornstein das Geschäft pachtete. Er hat seinen eigenen Betrieb, der ein Stück weiter die Schauinslandstraße hinunter gelegen und ebenfalls Café und Bäckerei war, im vergangenen Jahr geschlossen (die BZ berichtete). 1977 drängte es Ingrid Schuler und ihre Mutter aber doch wieder in die Selbstständigkeit: "Komm’, wir probieren, ob wir es miteinander schaffen", habe ihre Mama seinerzeit gesagt, erinnert sich Ingrid Schuler.

Und geschafft hat es das Duo in der Tat. "Ingrids Backspezialitäten" wurden von den Günterstälerinnen und Günterstälern gerne gekauft und genossen. Ob Kuchen, Torten oder Kleingebäck: Die Konditoreiprodukte stammten stets aus der eigenen Backstube. Im Sommer, so Ingrid Schuler, habe sie pro Tag vier bis fünf Sahnetorten und nochmal die gleiche Menge unterschiedliche Obsttorten gemacht. Ein Arbeitstag begann bis zuletzt in der Früh um halb fünf, Schluss war gegen acht oder neun Uhr am Abend. Die Mittagspause nutzte Ingrid Schuler zum Einkaufen für die nächste Runde Backen.

Das Ehepaar Schuler zieht nach Bad Krozingen

Doch damit ist nun endgültig Schluss. Mit ihrem Mann Edgar (72) wird Ingrid Schuler Mitte Dezember nach Bad Krozingen ziehen. "Wir haben da ein schönes Haus gefunden", sagt sie. Spazierengehen, Freunde treffen, gärtnern würden dann zu ihren Beschäftigungen gehören, kündigt sie an. Natürlich schmerze sie der Abschied vom Geschäft und von Günterstal – und zu Besuch werde sie auch weiter kommen. Auch die Kundinnen und Kunden sind nicht glücklich über Ingrid Schulers Weggang: Sogar Tränen soll es schon gegeben haben, und viele Abschiedsgeschenke durfte die 68-Jährige in den vergangenen Tagen entgegennehmen.

Ingrid Schulers Mutter, die bis 2015 noch im Betrieb mitgeholfen hat, bleibt im Gebäude wohnen. Auch von ihren vier Geschwistern werde jemand einziehen, berichtet Ingrid Schuler. Die Familie suche nach einem neuen Pächter für die Räumlichkeiten im Erdgeschoss – am liebsten wieder einen Bäcker. Unter den bisherigen Interessenten sei aber niemand gewesen, der in Frage gekommen sei, so Schuler. Für eine Wiedereröffnung bräuchte es einiges an Investitionen. Das Bemühen um einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin dauert an.

Auch die Ortsgemeinschaft hofft, dass es bald wieder Backwaren in nächster Nähe geben wird: "Die Infrastruktur lässt weiter nach", bedauert Gerd Nostadt, Vorsitzender des Ortsvereins. Wenn nun "Ingrids Backspezialitäten" wegfallen, gebe es nur noch das Nählädele, einen Friseur, die Sparkasse, eine Tankstelle und drei Restaurants. In Ingrid Schulers Geschäft wird aber erst mal reiner Tisch gemacht: Mobiliar, Maschinen, Geschirr und mehr werden von 1. bis 3. Dezember bei einem Räumungsverkauf veräußert.