Darum verlieben wir uns im Frühling

Meike Riebau

Da scheint mal die Sonne und schon ticken wir wieder durch. Frühlingsgefühle kann man das auch nennen, will man es schön ausdrücken. Warum ist das so? Warum verlieben wir uns gerade im Frühling? Professor Joachim Bauer, Neurobiologe und Oberarzt der Freiburger Uniklinik, weiß darauf die Antwort. “Social Brain: Warum der Mensch neurobiologisch auf Beziehungen ausgerichtet ist”, heißt der Vortrag, den er morgen hält. Unsere neue Autorin Meike Riebau hat mit ihm ein Interview geführt.



Die ersten Sonnenstrahlen, das erste Mal ohne Jacke aus dem Haus gehen, das erste Mal Eis essen: Befreit von drei Zentnern Klamottenschichten fangen wir wieder an, uns auch für die wesentlichen Dinge zu interessieren. Zum Beispiel für die Liebe. Nicht umsonst heißt es Frühlingsgefühle. Tja, und wer sich schon immer gefragt hat, warum mit dem ersten Grün neue Gefühle sprießen, warum Couchpotatoes schlechte Liebhaber sind und warum er mit Einzelkindern einfach nicht kann, wird hier die (mehr oder weniger) ultimativen Antworten finden. Wir haben Professor Joachim Bauer, Neurobiologe und Oberarzt in der Abteilung Psychosomatische Medizin der Uniklinik Freiburg zu allem befragt, was uns immer schon auf der Seele gebrannt hat.




Warum verlieben sich so viele Menschen gerade im Frühjahr?

Professor Joachim Bauer: Im Frühling entdecken wir einfach wieder die Welt und damit auch die Menschen in ihr. Im Winter ziehen wir uns zurück, umgeben uns mit Menschen, die wir ohnehin schon kennen, bleiben zuhause und entwickeln eine gewisse Schutzhaltung. Das Licht spielt auch eine wichtige Rolle. Man hält sich wieder draußen auf, wir sind wieder offener für eine Beziehung und haben mehr Energie. Es ist wie eine Art Deblockiereffekt nach dem Winter, alle Sperren werden aufgehoben.

Wie verlieben sich Menschen?

Bauer: Wir verlieben uns über sinnliche Eindrücke, Blicke, wir gehen ja doch sehr stark nach der Optik als Menschen. Es geht aber auch über die Stimme. Das sind die beiden Hauptkanäle, über die wir Nachrichten und Signale austauschen. Wenn da eine Resonanz entsteht, zwei den Blick auf einander werfen, signalisieren sie sich: Das würde passen. Dann entsteht Liebe.



Ist “sich verlieben” ein Prozess, den wir steuern können? Oder passiert da einfach etwas mit uns?

Bauer: Beides. In erster Linie passiert es einfach, aber wir haben auch die Möglichkeit, Verbote aufzustellen, interne, innere Verbote. Bestimmte Netzwerke im Gehirn übernehmen die Aufgabe, das zu zensieren, was wir gerne tun möchten. Es gibt Menschen, die sich aus den verschiedensten Gründen etwas verbieten, und dazu kann auch die Liebe gehören.

Liebe, dieses große, bedeutungsschwere Wort. Was ist das denn eigentlich?

Bauer: Aus der Sicht des Gehirns ist Liebe die Freisetzung von Glücksbotenstoffen. Die werden freigesetzt, wenn wir einen anderen Menschen treffen, der uns liebt, und den wir lieben können.



Das klingt ja ziemlich einfach und, ehrlich gesagt, nicht besonders romantisch. Danach gäbe es ja zig Menschen, die wir lieben könnten, wieso nehmen wir nicht jeden Dahergelaufenen?

Bauer: Die Wahl, die wir treffen, hängt oft mit früheren Liebeserfahrungen zusammen. Wenn ein Mädchen einen schicken Papa gehabt hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass dieses Mädchen sich später in einen Typen verliebt, der ihrem Vater ein bisschen ähnlich ist. Es kann aber auch ein früherer Partner sein, der prägend war.

“Gegensätze ziehen sich an” - stimmt die Redewendung?

Bauer: Auf jeden Fall. Häufig ist es so, dass der Partner irgendetwas von dem hat, was man selbst zu wenig hat. Eine Quasselstrippe sehnt sich vielleicht danach, dass ab und zu eine gewisse Ruhe einkehrt. Sie wird dann nach einem entsprechenden Partner suchen. Der Witz an der Sache ist, dass der Grund, warum sie auf den ruhigen, nachdenklichen Typen geflogen ist, später der Grund sein wird, warum sie ihn nicht mehr ertragen kann und sich nach ein bis drei Jahren trennen wird.



Das ist ja furchtbar. Wie können wir uns denn aus dieser Endlosschleife befreien?

Bauer: Man kann nur rauskommen aus solchen Schleifen, wenn sich beide Partner entwickeln. Die Quasselstrippe muss lernen, sich ab und zu zurückzuhalten, und schauen, was der Typ sagt, der vielleicht ein bisschen Zeit braucht, um den Mund aufzubekommen. Der Typ muss lernen, den Mund auch wirklich aufzumachen und sich nicht immer zurückzulehnen, nach dem Motto “Sie redet ja für mich, da brauch’ ich ja nichts zu sagen“.

Was ist mit dem Klischee: Männer schauen nur nach dem Aussehen, und Frauen nach Macht und Geld?

Bauer: Das kann schon sein, dass Frauen auch nach Macht und Stellung schauen, weil Mädchen sich gerne gut beschützt fühlen, eine Art Urinstinkt. Schließlich sind es im Zweifelsfall ja die Mädchen, die die Kinder bekommen, und da braucht man dann Schutz und Macht des Beschützers. Jungs gucken zwar viel nach dem Aussehen bei Mädels, aber ich denke auch, dass Jungs viel mehr nach dem Wesen eines Mädchens gucken, als man glaubt. Ganz so einfach sind wir Menschen dann doch nicht gestrickt.



Manchmal können Menschen sich am Anfang gar nicht ausstehen, aber auf einmal merken sie, sie haben sich ineinander verliebt ? was passiert da?

Bauer: Das gibt es zwar, ist aber nicht sehr häufig. Da wird die Resonanz später nachgeholt. Manchmal wirken auch Sachen erstmal abstoßend auf uns, die wir eigentlich ganz besonders mögen. Erst nach einer Weile können wir uns darauf einlassen und es uns eingestehen. Wir genieren uns, es zuzugeben. Wie das Beispiel mit der Quasselstrippe und dem ruhigen Typen: Es kann sein, dass sie ihn zwar eigentlich liebt, aber das Gefühl hat, vor anderen Freunden könnte sie sich mit so jemandem nicht blicken lassen. Aus dieser Perspektive heraus kann dann eine Art Abneigung entstehen. Irgendwann entdeckt sie dann, dass sie ihn eigentlich doch mag. Es gibt aber verschiedene Mechanismen, warum wir vor uns nicht zugeben können, dass wir eine Sache toll finden.

Der Titel eines Ihrer Vorträge lautet: Der Mensch ist neurobiologisch auf Beziehungen ausgerichtet. Heißt das, dass wir nur mit einer Beziehung ein glückliches und erfülltes Leben führen können?

Bauer: Das ist in der Tat so, der Mensch kann ohne Beziehungen nicht leben. Das liegt an den Motivationsbotenstoffe, die das Gehirn produziert, die uns Motivation und auch Glücksgefühl verschaffen, nur dann ausgeschüttet werden, wenn wir wissen, dass jemand da ist, der uns liebt, der uns anerkennt. Deswegen ist Liebe sozusagen eine neurobiologische Nahrung für das Gehirn.



Können unsere Freunde uns diese “Nahrung” auch geben?

Bauer: Auf jeden Fall. Das muss keine Liebesbeziehung im erotischen oder intimen Sinne sein. Jede Form von Zuneigung oder Zuwendung ist ein Stück dieser Nahrung. Man kann auch mit guten Freundinnen oder Freunden absolut gut leben, es muss nicht immer die intime Zweierbeziehung sein.

Wenn wir eigentlich auf der Suche nach einer Beziehung sind, warum gehen so viele Menschen denn fremd?

Bauer: Das Gehirn ist nicht sehr moralisch. Die Moral machen wir uns ein bisschen selber. Meistens wiederholen wir in unseren Beziehungen das, was wir als Modell schon um uns erlebt haben. Manche Menschen sind es gewohnt, dass Beziehungen eine lange Dauer haben, weil sie es aus ihrer Familie so kennen. Andere hingegen haben erlebt, dass Beziehungen eher kurzfristige Angelegenheiten sind.

Es gibt zwar einen Botenstoff im Gehirn, der speziell in der Lage ist, für länger dauernde Beziehungen zu sorgen. Der sorgt dafür, dass wir nicht nach dem ersten Treffen, nach der ersten Nacht direkt aus auseinander gehen. Er hält uns also ein Weilchen beieinander, aber das muss nicht lebenslang sein. Dieser Vertrauensbotenstoff sagt uns im Grunde “Hier ist es gut, hier kannst du erstmal bleiben”. Warum die Bindung, die wir vor längerer Zeit eingegangen sind, plötzlich nicht mehr so eine Wucht hat, ist noch nicht ganz klar, das ist noch relativ unerforscht. Man könnte sich höchstens vorstellen, dass durch die Gewöhnung der Effekt nachlässt. Und wenn dann auf einmal ein neuer Mensch ins Leben tritt, ist der Reiz vielleicht größer, etwas Neues zu probieren. Allerdings wissen wir auch, dass viele Menschen, die lange Jahre vertrauensvoll zusammen waren, sich doch sehr schwer tun, auseinander zu gehen. Auch wenn man dann jemand anderen kennen gelernt hat und sagt “Das wär’ jetzt reizvoller” tut die Trennung vom alten Partner doch sehr weh. Und das zeigt, dass unser Gehirn eben doch sehr stark auf Bindungen geht.



Warum?

Bauer: Weil Beziehungen nichts beliebig Auswechselbares sind. Aber Bindungen dürfen auch kein “Gefängnis” sein. Meistens gehen Beziehungen ja dann auseinander, wenn sich über die Jahre Nachteile entwickelt haben, wenn sich zum Beispiel Machtverhältnisse aufgebaut haben. Wenn man in der Beziehung nicht mehr das Glück findet, das am Anfang mal da war. Weil der eine Partner bequem ist, und der andere muss alle Arbeit machen. Oder aber der eine Partner sagt immer, was gemacht wird oder wo es langgeht und der andere muss folgen. Solche Schieflagen hat eigentlich jeder schon einmal erlebt und wenn man drinsteckt, merkt man, man fühlt sich nicht mehr so wohl, und das ist dann ein Grund zu sagen: „Die Beziehung fühlt sich nicht mehr an wie eine gute Beziehung.“ Dann lassen auch die Botenstoffe nach. Das Gehirn gibt die Beziehung frei zum Wechsel.

Was ist mit Menschen, die unglücklich in einer Beziehung sind, die sich auch darüber klar sind und dennoch an dieser festhalten?

Bauer: Das ist eine fatale Konstellation. Das hat aber mit Angst zu tun. Manche Menschen haben einfach Angst vor der Freiheit. Menschen, die nie erlebt haben, dass sie die Möglichkeit haben, selbst eine Entscheidung für sich zu fällen. Menschen, die ihr Leben lang gewohnt waren, dass zu tun, was andere machen. Manche Menschen fühlen sich nur sicher, wenn sie das machen, was andere ihnen vorgeben. In einem solchen Fall kann Psychotherapie helfen.



Wir verlieben uns also aufgrund von Sinneseindrücken, weil wir die Stimme des anderen mögen, oder sein Aussehen. Wie erklären Sie sich den großen Erfolg von Internet- Singlebörsen wie match.com oder neu.de?

Bauer: Ich zweifle ein bisschen an dem Erfolg dieser Methoden. Denn wie gesagt, es sind nicht objektive Kriterien, durch die wir uns verlieben. Obwohl ich sogar einen Patienten habe, der seine spätere Frau in einem Chatroom kennen gelernt hat. Ich finde diese Methode aber ziemlich bequem und bürokratisch. Die herkömmliche Art des Kennenlernens ist doch auch romantischer, oder?

Aber es ist ja auch einfacher, jemanden so kennen zu lernen. Vor allem, wenn man schüchtern ist.

Bauer: Ja, einfacher, aber vor allem bequemer. Bequemlichkeit ist aber nicht gut für die Liebe. Man muss seinen Hintern schon hochbekommen. Couchpotatoes sind meiner Meinung nach keine guten Liebhaber. Zur Liebe gehört, sich bewegen zu wollen, lebhaft und aktiv sein. Aber auch da gilt die Devise: Jedes Deckelchen findet irgendwann sein Töpfchen, also auch die Couchpotatoes.



Wie ist dann mit Fernbeziehungen, leben die in einem ewigen Verliebtheitsstadium?

Bauer: Nein, Fernbeziehungen sind ein echtes Problem. Da wird einfach sehr, sehr häufig die Erfahrung gemacht, dass man sich jetzt gerne sehen würde, aber nicht sehen kann. In Fernbeziehungen kommen viele Momente vor, wo man eine große Sehnsucht nach einander hat, aber weiß, das geht jetzt auf absehbare Zeit nicht, ich muss jetzt noch mal bis zum nächsten Wochenende warten. Diese Situation führt meistens dazu, dass man dann irgendwann einmal jemand anderen kennen lernt, weil man sagt, ich brauche einen Menschen um mich herum. Fernbeziehungen haben es oft sehr schwer, denn für Gehirn und Psyche ist es ein Stresszustand. Natürlich können manche es sich gar nicht aussuchen. Man kann es probieren, und sehen, ob es klappt.

Was ist mit Menschen, die monate- oder jahrelang einen Partner suchen, aber einfach nicht fündig werden?

Bauer: Das sind Blockaden, die die Betroffenen selber haben. Sie schieben es zwar auf die äußere Welt, aber eigentlich liegt es an ihnen selber. Manche Menschen kommen zu mir und sagen: “In meinem Alter gibt es niemanden mehr”, tatsächlich liegt es aber daran, dass sie nicht genügend hinausgehen. Sie werden selbst nicht aktiv. Zum Teil sind sie auch einfach nicht geschickt im Umgang mit anderen Menschen, sie wissen nicht, wie man zum Flirt anbandelt mit jemand anderem. Trauen sich nicht, den anderen anzugucken, anzulächeln. Das hilft ja, wenn ich jemanden mag, muss ich ihm das auch zeigen. Solche Dinge kann man aber auch ein bisschen lernen.



Was für eine Rolle spielt Humor in der Liebe?

Bauer: Eine große. Manchmal verlieben sich Leute ja einfach, weil sie mit jemandem gut lachen können. Aus der Forschung wissen wir, dass Lachen Glücksbotenstoffe freisetzt und nichts verbindet so wunderbar wie gemeinsames Lachen. Humor kommt immer dann auf, wenn sehr viel Resonanz da ist, wenn zwei auf einer Wellenlänge liegen.

Hat es etwas zu sagen, ob jemand Geschwister hat und als wievielter er geboren wurde?

Bauer: Die Position in der Geschwisterreihenfolge hat großen Einfluss auf unsere Art, mit anderen Menschen umzugehen. Zwei Erstgeborene kommen meist nicht so gut miteinander klar. Erstgeborene neigen dazu, Verantwortung zu übernehmen und für andere zu sorgen. Die Nachgeborenen sind eher leicht, wollen keine Verantwortung und freuen sich einfach am Leben. Zwei Erstgeborene konkurrieren häufig um die gleiche Rolle und das endet meistens in fürchterlichem Krach. Bei zwei Drittgeborenen dagegen kann es auch leicht schief gehen: Beide erwarten, dass der andere für sie sorgt, und es passiert aber nichts. Ein Erstgeborener und ein Nachgeborener dagegen passen ganz gut zusammen. Es ist aber egal, welcher von beiden dominanter ist, ob Mann oder Frau. Dominanz wird erst dann problematisch, wenn sie den anderen einschränkt.

Was ist mit den Einzelkindern?

Bauer: Das ist eine Klasse für sich. Die haben oft Probleme, weil sie nicht gelernt haben, sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Wobei man da unterscheiden muss zwischen Einzelkindern, die in Kindergärten und Schulen gelernt haben, sich in Gruppen einzufügen, und anderen. Die, die es nicht lernen, haben tatsächlich später oft Probleme in Beziehungen, indem sie sehr klammern und nur die Zweisamkeit suchen.

Warum führt das zu Problemen?

Bauer: Die Beziehung, die Liebe wird so zu einem Gefängnis. Aber Liebe darf nicht einschränken, zur Liebe gehört immer auch die Freiheit.



Herr Professor Bauer, vielen Dank für das Gespräch.

Der Vortrag mit dem Titel "Social Brain: Warum der Menschen neurobiologisch auf Beziehungen ausgerichtet ist" findet statt am Dienstag, 11. April, 18.15 Uhr, Hörsaal Ecke Hauptstraße/Karlstraße, Freiburg. Also, Leute, dann mal auf ins Getümmel: Die nächste Liebe wartet.