Online-Umfrage

Darum brechen Studierende ihr Studium an der Universität Freiburg ab

Thomas Goebel

Fast jeder dritte Studierende bricht sein Studium ab – sowohl bundesweit als auch in Freiburg. Bachelor und Master haben daran wenig geändert. Die Freiburger Uni wollte nun die genauen Gründe wissen – auch um ihre Beratung anzupassen.

Semesterferien: Die Freiburger Studierenden liegen an der Dreisam oder am Mittelmeer, schwitzen über Hausarbeiten, jobben und machen Praktika, bevor es Mitte Oktober wieder zurück an die Uni geht. Aber längst nicht für alle: Die Abbruchquote, wie es nüchtern statistisch heißt, liegt an deutschen Universitäten im Bachelorstudium bei rund 30 Prozent. Die Bolognareform von 1999, die neue Bachelor- und Masterstudiengänge samt einer – mal beklagten, mal begrüßten – stärkeren Verschulung des Studiums hervorbrachte, hat an der hohen Zahl von Abbrechern offenbar kaum etwas verändert.


Die Uni weiß oft nicht, warum abgebrochen wird

"Wie viele abbrechen, ist bekannt", sagt Sören Pape, Teamleiter Qualitätsmanagement Studium und Lehre an der Uni Freiburg. "Wir wissen oft aber nicht, warum." Deshalb hat sein Team sich im Wintersemester 2017/18 mit einem Online-Fragebogen an alle Studierenden gewandt, die ihren Studiengang ohne Abschluss verließen – sei es, um die Hochschule oder das Fach zu wechseln, sei es um das Studium abzubrechen.

"Die Gründe waren hauptsächlich die nicht erfüllten Erwartungen ans Studium und zu wenig Orientierung", Natalie Boros, Psychologin
Die Ergebnisse: Besonders häufig werfen Bachelorstudierende in den ersten beiden Semestern ihr Studium komplett hin. "Die Gründe waren hauptsächlich die nicht erfüllten Erwartungen ans Studium und zu wenig Orientierung", sagt Psychologin Natalie Boros, Autorin der Studie. "Hier stellte sich der Studienbeginn oft als sehr wichtige Phase heraus."

Ebenfalls häufig sei als Grund genannt worden, dass der Bezug zu Praxis und Beruf fehle. Zu hoher Leistungsdruck oder nicht bestandene Prüfungen spielten nach Angaben der Abbrecher dagegen nur eine geringe Rolle für ihre Entscheidungen.

Die Frustrierten machen nicht mit

Boros betont, dass die Gründe, das Studium aufzugeben, vielfältig sind. Auch familiäre Probleme oder persönliche Gründe wie eine Krankheit können eine Rolle spielen. "Und an die spannendste Gruppe von Abbrechern kommen wir nicht ran, weil sie so frustriert sind, dass sie bei unserer Befragung gar nicht mitmachen." Um die Ergebnisse auf die Fächer umzulegen, reichen die Antworten bisher ebenfalls noch nicht aus. Mit Mitteln des "Qualitätspakts Lehre 2" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sollen die Abbrecherbefragungen auch in den den nächsten beiden Wintersemestern stattfinden, um genauere Ergebnisse zu bekommen.

"Mancher hätte vielleicht nicht aufgegeben, wenn er besser informiert und begleitet worden wäre", Sören Pape
"Die Unterschiede zwischen den rund 220 Studiengängen sind groß", sagt Sören Pape. In manchen Fächern gebe es hohe Hürden gleich zu Beginn des Studiums, etwa in Form von Mathe- oder Statistikprüfungen. Andere, nicht zulassungsbeschränkte Fächer seien attraktiv für "Parkstudierende", die nach wenigen Semestern in andere Studiengänge wechselten oder die Uni wieder verließen. Dennoch sei die Studie ein Ansporn für die Uni, Studierende noch besser und transparenter über ihr Studium zu beraten – vor und nach dessen Beginn. "Uns interessieren vor allem die Gründe, bei denen wir etwas tun können", sagt Pape, "mancher hätte vielleicht nicht aufgegeben, wenn er besser informiert und begleitet worden wäre." Zumal die Befragung wie auch andere Studien nahe legt, dass Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien häufiger ihr Studium abbrechen – vielleicht, weil ihnen familiäre Orientierung in Unifragen fehlt.

Die Ergebnisse der Befragung flössen deshalb in schon bestehende Projekte der Zentralen Studienberatung ein, sagt Pape. "Fokus 1. Studienjahr" heißt etwa ein Programm mit Workshops, Gruppenangeboten und Coachings zum Studieneinstieg. Auch wichtige Informationsangebote, die von den Abbrechern in der Befragung als eher mittelprächtig bewertet wurden, würden weiterentwickelt – allen voran die Homepage der Uni, aber auch zum Beispiel die Online-Studienwahl-Assistenten. Und auch die Studiengänge seien verpflichtet, sich regelmäßig mit aktuellen Daten auseinanderzusetzen.

Ein zu eng betreutes Studium widerspricht der universitären Grundidee

Pape sagt aber auch: "Ob man alle Abbrecher auffangen kann und soll, ist eine offene Frage." Ein allzu engmaschig betreutes Studium widerspräche der universitären Grundidee des freien und selbstständigen Denkens. Außerdem scheinen manche Studierende das erste Studienjahr auch bewusst als eine Art offene Orientierungsphase zu nutzen – zumal, seit die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre verkürzt wurde (G8).

Zwar empfanden laut der Freiburger Studie die meisten Befragten in den ersten beiden Semestern die Entscheidung zum Studienabbruch als belastend, sagt Natalie Boros. Trotzdem seien sie überwiegend zufrieden mit ihrer Zeit an der Uni Freiburg. Und auf die Frage, was die Universität hätte tun können, um ihren Abschied zu verhindern, antwortete immerhin fast die Hälfte der Befragten: nichts.