Dagobert im Slow Club: Spaß, ernsthafter

Daniel Weber

Dagobert, der "Schnulzensänger aus den Bergen", war am Mittwochabend im Slow Club zu Gast. Kann man unterhaltsame Schlagermusik mit Kante machen? Wie's war:



Der rote Vorhang öffnet sich und da steht dieser große schlaksige Typ stocksteif in einer abgehangenen Lederkluft zwischen Mad Max und einer Kreuzung aus Rocker und Mofa-Rebell vor dem Mikrofonständer. Die Arme hängen nach unten, der apathische Blick fliegt irgendwo ins Nichts. Das dunkle blaue Licht und die Nebelschwaden tun ihr Übriges zum sich auftürmenden apokalyptischen Soundungetüm, das dazu aus den Boxen hämmert.


Dagobert, der Schnulzensänger aus den Bergen, beginnt sein Konzert fast Rammsteinesque. „Ballast, Ballast, Ballast“ raunt er immer wieder ins Mikrofon und stiert in die Leere. Das Publikum im okay gefüllten Slow Club, etwas mehr als 50 Menschen dürften an diesem Abend dabei gewesen sein, beobachtet das Geschehen auf der kleinen Bühne, deren Decke fast an der adretten nach hinten pomadierten Frisur von Dagobert kratzt. Als das ungewöhnliche Eröffnungsstück zu Ende ist, geht das Licht langsam an und zögerlicher Applaus setzt noch langsamer ein. Dagoberts Mimik bleibt starr.

Plötzlich setzt ein Beat ein, der sich irgendwo zwischen Schlager, Kirmes, Pop sowie einer Prise Indie einpendelt und Dagobert lächelt selig. Der Modus wechselt: Angekommen in der Welt des Schweizer Schnulzensängers aus den Bergen, über den das Feuilleton große Artikel bringt und dem die Pop-Presse vergnügt vor kulturellem Kitsch huldigt. Die Spex etwa lässt in der Rubrik „Dear Dagobert“ derzeit seine Songs von Bands wie Sizaar oder Vierkanttretlager remixen. „Hallo Stuttgart, nein, Freiburg“, begrüßt Dagobert das Publikum.

Seine Lieder, sie handeln von ernsthafter, aufrichtiger Liebe. Verpackt in teils hochkitschige, teils pathosgeschwängerte, aber irgendwie immer wunderschöne Verse, so wie er sie interpretiert. "Ich nehm' dich bei der Hand und flüster' dir ins Ohr / Bleib doch ein Leben lang / Ich hab mit dir viel vor", singt er. Oder: „Und wenn nicht alles hält, dann bleiben wir halt arm und geben uns im Winter gegenseitig warm. Es gibt nur eins, was zählt, und das ist nicht nur Glück, sondern die Frage: Welche Liebe kommt zurück?“

Wer das jetzt liest, und weder den dazugehörigen Song„Morgens um Halb Vier“ gehört oder die Dagobert-Dokumentation über die fünf in Einsamkeit verbrachten Jahre des Außenseiters auf einer Berghütte gesehen hat, der wird denken: Der hat doch einen Schuss. Und wahrscheinlich hat er sogar Recht. Und wahrscheinlich dachte das auch der ein oder andere Besucher des Konzertes im Slow Club. Ob die Legendenzeichnung des Exoten nun Wirklichkeit oder Fabel ist, ist letztlich doch egal.

„Ernst und Spaß schließen einander nicht aus“, sagt Dagobert nach dem Konzert, als er am Ausgang steht und ein paar CDs signiert. Den alten i-Pod nano, mit dem er einen Großteil des Konzerts bestreitet, habe er geschenkt bekommen, sagt der freundliche und gleichzeitig distanziert wirkende Kauz.

Auf der Bühne singt er voller Inbrunst, schließt die Augen, sinkt auf die Knie. Er klopft mit dem Kabelmikro zum Takt, immer wieder lässt er es auf den Boden fallen, am Ende pfeffert er das Ding mit seinem eingedengelten Kopf richtiggehend hin. Einmal hat er es auch im Mund stecken, als das Licht wieder angeht. Zwischenzeitlich wechselt er einen schwarzen Frack, singt A capella über eine Dose Bier, huldigt Chris Isaak, den Flippers und Klaus Meine. Beim Song „Raumpilot“ wird es sphärenhaft stimmungsvoll, bei „Ich bin zu jung“ lalalalalat das Publikum laut mit. Nach zwei Zugaben verneigt sich Dagobert, „das war es dann aber wirklich“, verneigt sich Dagobert in seinem Frack und drischt das Mikrofon auf den Boden. Es dröhnt, das Publikum klatscht. Der Indie-Schlager lebt.

Spaß, ernsthafter.

Mehr dazu: