Dagmar von Cramm, Kochbuchautorin

Hannah Allgaier

Dagmar von Cramm ist eine der erfolgreichsten Ernährungswissenschaftlerinnen in Deutschland. Zweimal wurde die Freiburgerin mit dem Journalistenpreis der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ausgezeichnet. Hannah hat sich mit der Kochbuchautorin getroffen und eine Frau kennengelernt, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Und die sagt: "Jeder Mensch kann kochen."



Mittagszeit. In einer hellen, funktionell eingerichteten Küche in der Wiehre sitzen vier Frauen am Tisch und essen zu Mittag. Es gibt Bauchspeck, der in Apfelsaft angebraten wurde, dazu Reis mit Kokos. Die vier Frauen sind keine WG, keine Familie, und das Mittagessen nicht nur Mahlzeit, sondern auch Arbeit: Denn am Tisch sitzen die Freiburger Kochbuchautorin Dagmar von Cramm und ihre Mitarbeiterinnen.


2008 wurde Dagmar von Cramm vom politischen Magazin "Cicero" unter die 100 wichtigsten deutschen Frauen gewählt. Ihre Koch- und Ernährungsbücher verkauften sich in den letzten 25 Jahren weit über 3 Millionen Mal in Deutschland. Mittlerweile hat Dagmar von Cramm so viele Bücher veröffentlicht, dass sie sie nicht mehr allein tragen könnte; außerdem schreibt sie Artikel und Rezepte für Magazine wie „Essen und Trinken“, „Eltern“ oder „Healthy Living“. Doch vor dem Kochbuchschreiben und dem Rezepteveröffentlichen steht das Selberkochen.

„Jeden Mittag kocht mein ganzes Team zusammen in unsere Küche. Wir probieren jeden Tag etwas Neues aus“, sagt Dagmar von Cramm. 'Unsere Küche', das ist die Familienküche der von Cramms. Wo mittags kochend gearbeitet wird, saß bis vor kurzem Abends die Familie am Tisch; doch seit der letzte ihrer drei Söhne im vergangenen Jahr ausgezogen ist, bekommt nur noch ihr Mann abends die Ergebnisse der mittäglichen Arbeit vorgesetzt. Als Versuchskaninchen quasi.



Das Probekochen für Rezepte in Zeitungen und Zeitschriften ist lange nicht mehr üblich. „Heute ist es sehr selten geworden, dass Fachzeitschriften ihre Gerichte noch selber kochen. Meistens werden die Rezepte abgeschrieben“, sagt Dagmar von Cramm. Und das ist ein Vorteil für sie. „Wir wissen genau, wie unsere Gerichte schmecken, da wir sie alle selber gekocht haben.“

Das Selberkochen ist ihr besonders wichtig, ihre Arbeit als Kochbuchautorin auch eine Art Arbeit gegen die Faulheit des Nichtkochens. Durch Fast-Food-Ketten und Take-away-Mentalität verlernen immer mehr Leute zu kochen. Oder lernen es gar nicht erst. „Mir kann keiner erzählen, dass er nicht kochen kann. Jeder Mensch kann kochen“, sagt Dagmar von Cramm. Ein Zustand, den sie unerträglich findet: „Viel zu viele Menschen werden heute satt auch ohne einen Kochlöffel angerührt zu haben.“

Die Scheu vor dem Kochlöffel kann man mit den Kochbüchern von Dagmar von Cramm leicht überwinden. Zum einen, weil es bei ihr (fast) nie um Sterneküche geht, sondern um das Essen im Alltag. Um das, was bei Familien auf den Tisch kommt, was leicht zuzubereiten ist, gut schmeckt und außerdem auch noch gesund ist. „Viele lernen erst dann das Kochen, wenn sie es müssen. Nämlich wenn sie Familie bekommen“, sagt Dagmar von Cramm. Ihre Bestseller sind – wohl genau aus diesem Grund – schon seit Jahren die immer wieder überarbeiteten Bücher „Kochen in der Schwangerschaft“ und „Kochen für Babys“. Und zum anderen, weil sie bemüht ist, die Rezepte wirklich verständlich zu verfassen. Denn schon kleine, vermeintlich banale Unstimmigkeiten im Rezeptaufbau können den nachkochenden Leser verwirren und das Ergebnis ruinieren. „Zum Beispiel muss die Reihenfolge der Zutaten mit der Reihenfolge der Arbeitsschritte übereinstimmen“, erklärt Dagmar von Cramm. „Auch die Zeit-, Mengen- und Temperaturangaben müssen so genau wie möglich sein.“

Manchmal sind Mengenangaben ganz einfach. „Ein echtes ungarisches Gulasch besteht zum Beispiel aus einer Hälfte Fleisch und einer Hälfte Zwiebeln“, sagt Dagmar von Cramm über ihr Lieblingsessen als Kind. „Wenn meine Mutter nicht in der Küche war, wollte ich immer mal schnell naschen und habe mir am Gulasch die Zunge verbrannt.“ Mit zwölf Jahren nahm sie an ihrem ersten Kochkurs teil; mit 15 kochte sie für die ganze Familie. „Als meine Mutter an Brustkrebs erkrankte und im Krankenhaus lag, hatte ich die Verantwortung für die Mahlzeiten“, erinnert sich Dagmar von Cramm. Mittags nach der Schule kochte sie Suppen und Eintöpfe, die ihr Vater sich abends aufwärmte.

Nach dem Abitur wollte Dagmar von Cramm die Welt erkunden und wurde Stewardess bei der Lufthansa; ein Beruf, der ihr in einer Zeit, als es in Deutschland nur wenig internationale Küche und kaum Gewürze zu kaufen gab, einen Einblick in die Geschmäcker anderer Länder verschaffte. Es folgte das Studium der Ernährungswissenschaft an der TU München, ein Volontariat bei Burda.

„Hier merkte ich: Das ist es! Genau das will ich machen. Schreiben und Rezepte entwerfen zugleich. Die Verknüpfung von Theorie und Praxis war perfekt,“ sagt von Cramm: „Ich rate allen Menschen, diesen Punkt zu erreichen und sich nicht mit weniger zufrieden zu geben.“ In der Versuchsküche bei Burda konnte sich Dagmar von Cramm ausleben und ihren Ideen freien Lauf lassen. Anfang der 80er Jahre macht sie sich schließlich selbständig und veröffentlicht kurz darauf für Oetker zum ersten Mal „Kochen für Babys“.



Wie viele Kochbücher sie seitdem geschrieben hat, kann Dagmar von Cramm nicht mehr genau sagen; über diversen Neuauflagen und Überarbeitungen hat sie den Überblick verloren. Ein Online-Buchhändler listet – auf deutsch – mehr als 130 Bücher, an denen Dagmar von Cramm mitgearbeitet hat; dazu noch einmal zwei Dutzend, die ins Englische übersetzt wurden.

„Oft habe ich mich gefragt, warum ich so gerne koche. Ich denke es kommt daher, weil man dafür sehr gelobt und geliebt wird. Ich bin ein Mensch, der schon immer geliebt und gelobt werden wollte. Das Kochen ist eine Methode, mit der man sich das bis ins Alter erhalten kann,“ sagt sie. Wenn denn alles klappt und gut schmeckt. In der Versuchsküche, ihrer eigenen Küche, klappt aber auch nicht alles. „Natürlich gehen auch mal Sachen schief, dann wissen wir, dass wir es noch mal ausprobieren müssen.“

Ob ihr Mann das Probeessen von heute mögen wird? Es wartet auf jeden Fall im Kühlschrank auf ihn. Hoffentlich lobt er.



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[Bilder: Hannah Allgaier; GU]