Cruel Baur: Der Pollock-Bar-Selector war als pilgernder Pirat auf dem Jakobsweg

Daniel Weber

Cruel Fabian Baur kandidiert bei der kommenden Landtagswahl im Wahlkreis Freiburg I für die Piratenpartei und regelt nachts als Selector, wer in der Jackson Pollock Bar feiert - und ist zuletzt auf dem Jakobswegs von Freiburg bis nach Santiago die Compostella zu Fuß gelaufen; 2300 Kilometer weit. Daniel hat ihn in seiner WG in der Innenstadt besucht.



Es ist Samstagabend. An der Tür der Jackson Pollock Bar unter dem Theater Freiburg sitzt der Mann, der bestimmt, wer an diesem Abend hier tanzen darf. Sein Styling ist für Freiburg ungewöhnlich: schwarze Kleidung mit reichlich Schnallen und Spitze, ausführliches androgynes Make-Up, lackierte Fingernägel und eine beeindruckend in die Höhe gerichtete Frisur; auf seinem linken Unterarm ist ein großes Tattoo.


Der Mann heißt Fabian Baur, aber alle kennen ihn als Cruel. Dass er sich für die Piratenpartei engagiert, dürfte einigen der Partygäste in der Jackson Pollock Bar bekannt sein, schließlich stand der Selector an so manchem Samstag am Infostand der Partei auf der KaJo. Was aber wohl kaum einer wissen dürfte: Cruel ist gläubiger Katholik und erst vor wenigen Wochen von einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg zurückgekehrt. Vier Monate und sechs Tage war er  ununterbrochen unterwegs, 2300 Kilometer, alleine und zu Fuß, bepackt nur mit Rucksack und Wanderstock.



Der Jakobsweg ist ein Pilgerweg zum vermuteten Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Viele Wege führen aus Städten in ganz Europa erst nach Nordspanien, wo der Hauptweg des Jakobswegs beginnt. 2006 veröffentlichte der Entertainer Hape Kerkeling das Buch "Ich bin dann mal weg" über seine Erfahrungen auf dieser Pilgerwanderung. Mehr als vier Millionen verkaufte Exemplare machten das Buch zum erfolgreichstes deutschsprachiges Sachbuch des Jahrzehnts. Die Zahl der deutschen Pilger auf dem Jakobsweg stieg danach deutlich an; seitdem erscheint mehr und mehr Literatur über den Jakobsweg.

Auch Cruel wurde durch ein Buch zum Pilgern angeregt. „Eine Arbeitskollegin hat mir das Buch ‚Zwei Esel auf dem Jakobsweg’ empfohlen. Irgendwas in meinem Kopf hat mir dann konkret gesagt, dass ich diesen Weg gehen muss,“ erzählt  Cruel.  Dabei hatte er das Buch nicht einmal gelesen.

„Nachdem ich in der ersten Nacht nur sehr schlecht schlafen konnte, habe ich eine Woche lang mit mir gekämpft und mich dann entschieden, es zu tun.“ Er kündigte seinen Job. Vier Wochen später war der Rucksack gepackt. Am 16. Juni brach Cruel brach von seiner WG in der Freiburger Innenstadt auf nach Santiago de Compostela.

Bekannte, die den Elztäler ausschließlich aus dem Freiburger Nachtleben oder der kleinen Nerdszene der Stadt kannten, reagierten überrascht. Cruel ist in der Wave und Gothic-Szene groß geworden, war lange als DJ unterwegs. Definieren lassen möchte er sich darüber jedoch genau so wenig wie über seinen Glauben oder seine politischen Aktivitäten. „Ich will einfach so sein, wie ich bin“, betont er immer wieder. Und dazu gehören eben ein extrovertiertes Wesen und Leidenschaft für Politik genau so wie das auffällige Styling, Piercings und Tattoo. „Be Holy Or Burn“ ist auf seinem Arm zu lesen. 'Man bekommt, was man gibt' soll die Aussage dahinter sein.

Cruel (Bild unten links) ist ein echtes Kind der Generation Internet. Neben ihm auf dem Tisch in der Küche seiner Fünfer-WG, die an diesem Abend gut bevölkert ist, liegt sein iPhone, mit dem er regelmäßig unter dem Namen Dreisampirattwittert. Seit der Europawahl 2009 ist er in der Piratenpartei aktiv, organisiert Stammtische, ist stellvertretender Vorsitzender des Freiburger Bezirksverbandes und wird im nächsten Jahr bei der Landtagswahl kandidieren.



„Ich mag die Diskussionskultur und die Offenheit der Prozesse bei den Piraten. Es ist wichtig, eine aufgeklärte und freie Bevölkerung zu haben. Wissen schützt vor Extremismus“, ist in seinem Profil auf der Internetseite der jungen Partei zu lesen. Das Themengebiet Internet spielt eine wichtige Rolle in seiner politischen Arbeit. Auf dem Jakobsweg verzichtete Cruel allerdings auf Technik, schrieb dafür ab und an Postkarten, die von seinen Parteifreunden als Tweets veröffentlicht wurden.

Und wie war es nun, das Pilgern? Cruel erlebt den Weg als in drei Weg- und Erlebensetappen geteilt. Zunächst die schwierige absolute Einsamkeit mit den eigenen Gedanken auf den ersten rund 800 Kilometern durch Frankreich, danach der große Spaß durch die sozialen Kontakte und Pilgerfreundschaften in Spanien, bis hin zum Ende nach 2300 Kilometern in Santiago de Compostella, als sich Vorfreude und Sehnsucht nach der Heimat einstellen.

"Ich bin den Jakobsweg nicht als Suchender gegangen", sagt der gelernte Hauswirtschaftsleiter. Und trotzem habe er etwas gefunden: zum einen sich selbst, zum anderen auch das Wesen Gottes. „In den Menschen und den Gesprächen mit den vielen verschiedenen Menschen auf dem Weg. Ich selbst habe mich auf dem Weg nicht verändert, aber meine Sicht auf die Dinge sehr wohl“, sagt er.

„Während der Zeit auf dem Jakobsweg festgestellt, dass ich mit mir und meinem Leben hier in Freiburg zufrieden bin und es mir gut geht“, erzählt Cruel. Während um ihn herum wie in jeder WG  Geplapper über Alltäglichkeiten den Raum erfüllt, klingen seine Worte klar und überlegt. Durch seine helle Stimme schneidet das Gesagte durch den Raum. Dazwischen platzt aus ihm heraus auch immer wieder ein lapidarer Beitrag zu den Gesprächen der anderen. „Ich bin einfach wie ich bin“, ist ein Satz, der in seinen Erzählungen dann immer wieder fällt.

Seit rund drei Wochen ist er wieder in Freiburg. Die ersten vier Tage hat er vor lauter Erschöpfung beinahe komplett verschlafen. "Bei der Rückkehr hat er ausgesehen wie Reinhold Messner", sagt ein Mitbewohner lachend. "Nur die Haare waren nicht lange genug!" Inzwischen ist Cruels prächtiger Pilgerbart jedoch weitestgehend ab.



An den Wochenenden arbeitet er jetzt wieder an der Tür der Jackson Pollock Bar und ist dafür verantwortlich ist, das richtige Publikum für die richtige Party auszusuchen. Tagsüber bestimmt die Arbeit für die Piratenpartei seine Zeit. Außerdem sucht er einen festen Job in der Gastronomie.  „Ich würde mich sehr freuen, wenn ich in den Landtag einziehen und und mich so täglich für Bürgerrechte einsetzen könnte. Aber darauf verlassen kann ich mich natürlich nicht“, sagt er.

Bis heute hat Cruel das Buch nicht gelesen, das den Ausschlag gegeben hat, das Abenteuer Jakobsweg auf sich zu nehmen. „Ich wusste einfach, dass ich gehen muss.“

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  [Fotos: Oliver Rath, Privat, Piratenpartei Freiburg, Privat]