Croupier und Spieler: Zu Gast am Pokertisch

David Weigend & Meike Riebau

Michael Soukup, 25, studiert Jura und verdient seinen Unterhalt als Croupier in den Casinos des Dreiländerecks. Sein Berufsziel: Floorman. Sebastian, 30, pokert im Internet und verdient sein Geld in Nachtschichten. Sein Berufsziel: ungewiss. Zwei Lebensentwürfe aus der Welt der Glücksspielprofis.



Der Offline-Croupier

Das erste Mal, als Michael Soukup mit Karten hantierte, war er 18 Jahre alt. Er qualifizierte sich für die Sendung „Donnschtig-Jass“ im Schweizer Fernsehen. Dort jasste Michael „Differenzler“ und gewann ein paar Hundert Franken.

Inzwischen hat er die Seite gewechselt. Der 25-Jährige spielt nicht mehr, er lässt spielen. Keinen Differenzler, sondern die Pokervariante Texas Hold’ Em. Er arbeitet als Croupier in den Casinos des Dreiländerecks und finanziert sich auf diese Art das Jurastudium.

Sein Handwerk erlernte Michael im März 2007 in Waldkirch, bei einem Seminar des Griechen Anestis Karasavvidis. „Eine Größe in diesem Geschäft“, meint Michael. „Der war schon Floorman in Las Vegas.“ Der Floorman ist quasi der Chef des Croupiers. Er hat die Aufsicht im Casino und ist letzte Entscheidungsinstanz. Auch Michael möchte einmal Floorman werden. Andernfalls würde er als Croupier nie besonders viel Geld verdienen.

Das Fixgehalt für einen Anfänger-Croupier in einem deutschen Casino ist tief, es liegt eigentlich immer unter 1000 Euro monatlich. Allerdings bekommt man gutes Trinkgeld. In jedem Spieltisch im Casino gibt es dafür spezielle Schlitze mit den Namensschildern der Croupiers. Ein guter Floorman kann in Baden-Baden bis zu 3000 Euro verdienen. Generell ist die Bezahlung in Schweizer Casinos besser.



Michaels Job ist hart: Zehn Spieler sprechen gleichzeitig mit ihm. Er mischt und verteilt die Karten, überwacht, ob die Einsätze stimmen, muss kopfrechnen und die Hände der Anwesenden im Auge behalten. Die Einsätze dürfen nicht zu tief sein und beim limitierten Pott auch nicht zu hoch. Am Ende sagt er Showdown und die Involvierten zeigen ihre Karten. Michael annonciert die Gewinnerhand, vernichtet die anderen und schiebt dem Siegreichen den Gewinn zu.

„Sicherlich gehört auch ein gewisses Multi-Tasking-Talent dazu, aber im Wesentlichen wächst diese Fähigkeit mit der Erfahrung“, sagt Michael. „Anfangs träumte ich sogar von Händen, Chips, Karten und Einsätzen, aber inzwischen ist das Routine geworden. Ich kann sogar nebenher an andere Dinge denken oder mit den Spielern plaudern.“ Allerdings nur zu Beginn der Schicht. In Casinos mit 24-Stunden-Betrieb kann eine solche nämlich bis zu zehn Stunden dauern – mit kurzen Pausen. „Am Ende fühlt man sich ausgelaugt.“



Das ständige Kopfrechen- und Multitasking-Training hilft dem jungen Croupier dafür auch in anderen Bereichen seines Lebens: „Als 20-Jähriger habe ich für eine Zürcher Bank gearbeitet, als Börsenmakler. Da hatte ich auch sechs Bildschirme vor der Nase und musste schnell reagieren, Multi-Tasking pur.“

Der Weg zum Floorman ist lang und Michael begann ihn als Croupier bei so genannten mobilen Pokerveranstaltungen. Als Kellner des Kartenspiels zog er durch kleinere Ortschaften, leitete Turniere in Dorfsportvereinen des Kinzigtals. „Aber im Grunde unterscheidet sich ein Pokertisch in einer Turnhalle von dem in einem Casino wenig“, sagt Michael.

Ob auf dem Dorf oder im Edelcasino, in seinem Job begegnet Michael den unterschiedlichsten Menschen: „20-Jährige, Erwachsene, Rentner, an einem Pokertisch sind erstmal alle gleich. Da spielt es keine Rolle, aus welchem sozialen Hintergrund einer kommt oder welche Bildung er hat.“ Michael teilt die Welt eher in Gewinner und Verlierer. Er erzählt von einem 30-jährigen, behinderten Pokerspieler aus Lörrach, der im Rollstuhl sitzt. „Der hat alle Finessen beherrscht, geblufft, Druck gemacht und souverän viel Geld gewonnen.“



Handkehrum erlebt er die Verlierer im Casino. „Neulich, ein japanischer Geschäftsmann: Anfang 40, Anzug, Krawatte. Er war ruhig, sprach Englisch und trank Martini Bianco. Er spielte schlecht, verlor, trank, spielte schlecht, verlor wieder. Der Mann verspielte an diesem Abend 15 000 Euro.“

In der Regel bleibt Michael etwa 45 Minuten an einem Tisch, Croupiers arbeiten in Rotation. Oftmals sieht Michael in diesen 45 Minuten alle Regungen, die ein Spiel im Menschen hervorrufen kann: Wut, Neid, Euphorie, Verzweiflung. „Auch den Kreislaufzusammenbruch eines Spielers habe ich schon erlebt.“



Der Online-Spieler

Sebastian, 30, ist auch Jurastudent, zumindest auf dem Papier. Denn den Großteil seiner Zeit verbringt der Freiburger in einem Online-Casino. „Momentan spiele ich an sechs Tischen gleichzeitig“, sagt er. Nebenbei läuft ein Trackingprogramm, das die Bewegungen der anderen Spiele aufzeichnet. 2004 hat er zum ersten Mal im Internet gepokert, seit eineinhalb Jahren verdient er damit seinen Lebensunterhalt.

Momentan spielt Sebastian noch die Limit-Version, das heißt: Die Einsätze sind begrenzt. Bald aber will er an die Tische ohne Limit – hier sind die Gewinne höher und die Verlustchancen größer. Sobald Oliver 16.000 Euro auf der Seite hat, will er die Spielstufe wechseln.

Sebastian galt in der Schule als hochbegabt. Mathematisches Talent hat er sicherlich und das braucht er als Pokerprofi. Beim Poker gewinnen immer die unwahrscheinlichsten, also die seltensten der Kartenkombinationen. Anhand des Setzverhaltens des Gegenübers lassen sich Vermutungen anstellen, was der Gegner noch auf der Hand hat. Die Abschätzung und Kenntnis dieser Wahrscheinlichkeiten und Risiken ist es, die den Profi vom Laien unterscheiden.



Allerdings ist Sebastian eben nicht der coole Bluffer, der mit Sonnenbrille und Anzug im Casino sitzt. Sondern ein Onlinezocker mit geröteten Augen, der vier Mal in der Woche bis vier Uhr in der Früh am Bildschirm hockt und gegen irgendwelche Amerikaner spielt, „weil das die schlechteren Spieler sind.“ Die Zeitverschiebung nimmt er in Kauf, auch wenn dadurch seine sozialen Kontakte leiden. Denn tagsüber schläft Sebastian oft. Neben dem Bett in seinem WG-Zimmer stapeln sich die Pizzakartons.

Wahrscheinlich wird es einige Ärzte geben, die ihn als suchtgefährdet einstufen würden. Sebastian würde am liebsten sein ganzes Leben lang mit der Spielerei Geld verdienen. „Wenn ich wüsste, dass es noch vierzig Jahre so weitergeht, würde ich das sofort machen. Aber ich kenne genug Leute, die schon alles verloren haben.“ Einen Alternativplan hat Sebastian allerdings auch noch nicht in der Tasche.



Infobox

Glücksspiel, selten legal

In Deutschland dürfen Glücksspiele grundsätzlich nur mit einer Genehmigung der Landesbehörde veranstaltet werden. Wenn jemand ein nicht genehmigtes Glücksspiel veranstaltet, macht er sich strafbar. Auch die bloße Teilnahme an einem unerlaubten Glücksspiel ist strafbar.

Allerdings ist unter den Juristen sehr umstritten, wann überhaupt ein Glücksspiel vorliegt. Es könnte auch ein bloßes Geschicklichkeitsspiel sein, bei dem der Erfolg des Spielers von dessen Aufmerksamkeit, Fingerfertigkeit oder dergleichen abhängt, und nicht vom bloßen Zufall. Außerdem ist Voraussetzung für ein strafbares Glücksspiel, dass der Einsatz und der mögliche Gewinn nicht unerheblich sind. Die Gerichte sehen die Grenze zur Erheblichkeit schon bei weniger als fünf Euro pro Spiel.

So befinden sich Clubs und Diskotheken, die so genannte Pokerpartys anbieten, in einer rechtlichen Grauzone. Dort wird  meist nicht um Geld gespielt, sondern um Getränkegutscheine. Ähnlich ist es bei mobilen Pokerveranstaltern, die Sachpreise wie Reisen oder Elektrogeräte ausloben. Wenn der Wert der Sachpreise oder Gutscheine aber nicht unerheblich ist, sind auch diese Veranstaltungen vom Verbot des Glücksspiels erfasst.

Auch das Pokern um Geld im Internet ist in Deutschland nicht erlaubt. Es gibt eine Reihe von Websites, auf denen man ohne Einsatz pokern kann. Ihre URL endet in der Regel mit .net. Dieselben Anbieter haben jedoch auch .com-Varianten, in denen um Geld gespielt wird.

Die klassischen Casinos der Bundesländer bekommen die Online-Konkurrenz empfindlich zu spüren, was die Vermutung nahelegt, dass im Internet trotz des Verbotes kräftig um Geld gezockt wird. Bisher sind allerdings keine Verfahren gegen Internetspieler bekannt. Grundsätzlich ist es auch online so, dass ein deutscher Spieler, der in einem Land spielt, in dem Onlinepoker erlaubt ist, nicht belangt werden kann.

Fotos: Oliver Rath
Kontakt: soukup.michael@googlemail.com