Cro: Die Leute wollen Pandabären

Anna Lena Mösken

Im privaten Leben ist Carlo ein 19-Jähriger mit Realschulabschluss, auf der Bühne nennt er sich Cro und trägt eine Pandabärenmaske. Mit seinen netten Texten ist der Stuttgarter zum Star einer neuen HipHop-Generation geworden.

Eine Geschichte über das Berühmtwerden ist im Jahr 2012 die Geschichte eines 19-jährigen Jungen, der im Keller seiner Eltern in Stuttgart wohnt. Er heißt Carlo, er hat einen Realschulabschluss und eine Ausbildung zum Mediengestalter gemacht. Carlo kann Gitarre spielen und Klavier, das hat er vom Großvater, er kann reimen, schnell sprechen und passabel singen. Carlo ist auch hübsch, aber das spielt keine Rolle, denn sein Gesicht verbirgt er hinter einer Pandabärenmaske, wenn er den Menschen seine Musik vorspielt. Dann nennt er sich nicht mehr Carlo, sondern einfach nur Cro.


Cro hat 378.913 Fans auf Facebook. Das ist der Stand von Mittwoch, 18 Uhr. Es werden jede Stunde mehr. Im November vergangenen Jahres stellte er das Musikvideo „Easy“ auf YouTube. Bis heute wurde es 7,6 Millionen Mal angeklickt. Das Internet hat Carlo zu einem Star gemacht, ehe die großen Plattenfirmen auch nur ahnten, dass es ihn gibt. Und wenn man sich nun fragt, warum ausgerechnet Cro, dann kann man die Antwort in seiner Musik suchen. Denn Cro ist die Zukunft des Deutschrap, zumindest sagt das Jan Delay, der so etwas wie die Gegenwart des Deutschrap ist.

Carlo hat noch keine einzige Platte verkauft

Carlo sagt: „Total krass.“ Und: „Oh Gott, oh Gott, oh Gott!“ Er hat ein bisschen Angst bekommen, als er das zum ersten Mal gehört hat. Carlo hat noch keine einzige Platte verkauft. Er hatte auch ein bisschen Angst, als er in einer frostigen Februarnacht vor vierhundert seiner Fans auf eine Bühne in einem kleinen Club am Berliner Alexanderplatz treten sollte. Die Bühne war eigentlich nur ein Podest, auf dem sonst der DJ steht. Cro musste mitten durch die Menge. „Das mag ich überhaupt nicht, ich fühl mich dann so gefangen, ich brauche immer einen kleinen Schlitz, durch den ich flüchten kann“, sagt Carlo, „wie ein kleines Tier.“

Es ist halb drei Uhr nachts, die Pandamaske hat er abgesetzt, er sitzt auf einem Stuhl in der Ecke eines Hinterzimmers des Clubs. Jemand hat Schüsseln mit Erdnussflips und Weingummis in das Regal neben ihm gestellt. Carlo nestelt eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jeanstasche und steckt sich eine an.

Zwanzig Minuten
hat der Auftritt gedauert. Cro hat seine Songs gerappt. Sie heißen: „Dreh auf“, „Geht gut“ oder „Wir sind da (100000 Pandas)“, ein Song, den er kostenlos zum Herunterladen ins Internet stellte, als er seinen hunderttausendsten Facebook-Fan bekam. Cro ist gehüpft. Die Menge ist gehüpft. Er hat mit seinem Pandakopf genickt. Die Menge hat einen Plüschpanda auf den Händen durch den Club getragen. Cro rappte: „Ich bin ein Rockstar“, dazu lief ein Gitarrenriff der Indieband Bloc Party. Und die Menge sang: „Ich bin ein Rockstar“ und hüpfte noch wilder. Cro ist ein Rapper, der dem vielfach totgesagten Genre HipHop einen neuen Tonfall verpasst hat, einen freundlich fröhlichen, frech, bisweilen unverschämt, auch deswegen mögen ihn Mädchen wie Jungs.



Carlo sitzt in seiner Ecke, leicht gekrümmt, so wie Jungen sitzen, die groß und schlaksig sind, seine Haare sind zerzaust. Jeder will gerade seine Hand schütteln, ihm auf die Schulter klopfen. Carlo lächelt. Wird er ein paar Tage in Berlin bleiben? „Nein, morgen geht’s nach Hause.“ Er klingt erleichtert. „Ich bin ein liebes Weichei. Ich kann nicht lügen“, sagt Carlo. „Ich hatte eine schöne Kindheit, ich habe niemals verloren.“ Cro ist süß und eher cool als böse. Und das scheint nach vielen Jahren, in denen irgendwann sogar der Boulevard von den Fehden vermeintlicher deutscher Gangsterrapper wie Bushido und Sido berichtete, die größere Provokation zu sein, als über Knast, Koks und Koitus zu rappen.

Der Berliner HipHop-Produzent Marcus Staiger nennt das den Schweinezyklus.  „Kennst du aus dem Gemeinschaftskunde-Unterricht: Die Leute wollen Schweine, die Bauern produzieren Schweine, irgendwann gibt’s zu viele, dann geht die Nachfrage zurück, dann hören die Bauern auf, Schweine zu produzieren, und so geht das immer weiter.“ Im Moment wollen die Leute keine Schweine. Sie wollen Pandabären.

Im Jahr 1997 war die Zukunft der Schweinerap, aufgenommen mit einem Vierspurtonbandgerät, kopiert auf Tausende von Kassetten. „Irgendwo muss ich noch eine haben“, sagt Staiger und schlappt in Adiletten ins Nebenzimmer. Man hört ihn kramen. Auch seine Geschichte hat in einem Keller begonnen, heute wohnt er in einer Dachgeschosswohnung am Paul-Lincke-Ufer in Berlin-Kreuzberg, zwei Balkone.  Staiger kommt zurück. „Diese Tapes haben damals nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie für einen Cro heute YouTube“, sagt er. 260 Mark nahm er damals von seinem Ersparten, verkaufte die ersten hundert Kassetten auf HipHop-Konzerten. Von den Einnahmen machte er zweihundert neue. Dann vierhundert. „Die Dinger waren heiß begehrt“, sagt Staiger, „Tausende haben wir davon machen lassen.“

Tausende, nicht Millionen.
Aber es funktionierte nach den gleichen Regeln. Wenn Cro heute eine Maske trägt und ein Geheimnis aus seinem Familiennamen macht, ist diese Art von Anonymität Teil eines bewährten Konzepts. Von den Berlinern, die auf Staigers Kassetten rappten, gab es auch keine Bilder. „Die Leute haben sich die wildesten Sachen zusammenfantasiert, die dachten, wir wären zwei Meter große Messerstecher.“ Doch sie waren  nur eine Gruppe Jungs in übergroßen T-Shirts und weiten Hosen, die sich in Berliner Jugendhäusern kennengelernt hatte. Ein Jurastudent war dabei, ein Chemiestudent, ein Tischler. Sie trafen sich sonntags in einem afrikanischen Kellercafé in Kreuzberg. Staiger, der  nicht  gut rappen konnte, moderierte, die anderen improvisierten Texte zu Rhythmen vom Plattenteller.

Deutscher Rap war Mitte der 90er Jahre Musik für Mittelstandskinder. In Stuttgart sagten die Fantastischen Vier „Die da“, in Hamburg sagten Fettes Brot „Jein“, in Frankfurt am Main sagte Moses P. „Keine ist wie du“. Und in Berlin sagte plötzlich ein Savas Yurderi, den noch niemand kannte, „Lutsch mein’ Schwanz“. Die Berliner verpackten die wüstesten Beschimpfungen in komplizierte Binnenreime, denn sie spielten im Keller eine Grunddisziplin des HipHop nach, den Battle, den Kampf, Mann gegen Mann, ohne Fäuste, dafür mit Schimpfworten. Ihre Texte waren gewaltverherrlichend, frauenfeindlich, rassistisch; für die Rapper war es eine extreme Form der Unterhaltung. Sie nahmen ihre Texte nicht ernst. Die Abende im Keller funktionierten wie die Treffen eines Sportvereins.

Die Geschichte von Cro ist die eines Generationenwechsels

Savas Yurderi hat ein paar Kilo zugelegt, seit er im Royal Bunker, wie der Keller hieß,  auf der Bühne stand. Er hatte seitdem viele Namen. Er war der Pimp Legionär, King Kool Savas. König des Rap. Heute ist er 37 Jahre alt. „Rap darf heute Pop sein“, sagt Savas. „Früher war das ein Tabu, da hieß es dann: Der macht’s nur für’s Geld.“ Aber heute ist eben alles anders als in den späten Achtzigern, als Rap der Soundtrack seines Lebens wurde, wie er sagt, ihn begleitete, wenn er nachts Graffiti auf Züge sprühte. Heute kann Cro erzählen, dass er gerne mit dem Hund seiner Mutter spazieren geht, ohne dass jemand die Authentizität seiner Musik in Frage stellt. Die Geschichte von Cro ist  die eines Generationenwechsels.

„Ein Künstler ist ein explosives Gemisch“, sagt Sebastian Schweizer. Was einst Marcus Staiger für Savas war, ist er heute für Cro. Schweizer hat das Label Chimperator mitgegründet, das Cro unter Vertrag genommen hat. Er plant nun die Zukunft der Zukunft des deutschen Rap. Schweizer trägt eine Baseballjacke und dazu Pudelmütze. Er sitzt in einem Café in Kreuzberg. Auf dem Tisch blinkt sein Smartphone. Gerade hat Schweizer RTL abgesagt und auch Thomas Gottschalk, der Cro für seine Sendung interviewen wollte. Später vielleicht.

Sebastian Schweizer versucht, aus dem Hype eine nachhaltige Künstlerkarriere zu entwickeln. Er fragt Cro: Wer willst du sein? Und lässt dann ein Video drehen, in dem hübsche Mädels in Hotpants auf Retrofahrrädern durch die Sonne radeln. Chimperator ist ein Independent-Label mit vier Festangestellten.  Längst denkt man bei so einem kleinen Label ganz anders als in den schwerfälligen Gebilden der Plattenindustrie. Gratisdownloads? Ist doch super. Keine Produktionskosten, maximale Reichweite.

„Es geht jetzt darum, ob Cro abliefern kann“, sagt Marcus Staiger.  Es komme heute darauf an, dass man eine Erlebniswelt kreiert, mit Geschichten und den passenden Klamotten. Die Musik ist dann der Soundtrack, den es umsonst dazugibt. Cros Geschichten gehen so: Er schreibt einen Song, wenn er eine Eins in der Mathearbeit bekommen hat, weil er so glücklich ist. Dann holt er sich aus der Plattensammlung des Vaters ein „cooles Sample“, und fertig ist der nächste Track.

Es gibt dazu einen Kapuzenpulli mit Pandaaufdruck, gestaltet von Cro selbst, der nebenbei auch noch Kleidung designt. Der Pulli zum Gratistrack kostet fünfzig Euro. Ein Anteil davon geht an ihn.
Im Hinterzimmer des Clubs drückt Carlo seine Zigarette aus. Er wird gleich mitten durch die Menge gehen, raus, zum Ausgang. Niemand wird ihn als Cro erkennen ohne seine Maske. „Die ist cool“, sagt Carlo, „damit kann ich für mich bleiben“. Im Sommer soll das erste Album von ihm erscheinen. Irgendwann, soviel ist sicher, wird die Maske fallen müssen.

Zur Person

Hinter Cros Maske verbirgt sich der 19-jährige Carlo aus Stuttgart.  Seit er 13 Jahre alt ist, schreibt er seine eigenen Songs, er ist ausgebildeter  Mediendesigner für Digital und Print. Als er seine Fachhochschulreife nachholen wollte, kam das Berühmt-Werden dazwischen. Und nun hat das Musikmachen erst einmal Priorität.

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[Fotos: Promo]