Couleurdamen: Warum Mädels mit Verbindungsstudenten abhängen

Julia Nikschick

Nackt ums Münster, Alkohol ohne Limit, Mädchen als Accessoires: Klischees über Verbindungsstudenten gibt es viele. Nur: Welche Frau findet das attraktiv? Eine Antwortsuche in der Welt der Couleurdamen, Longchamps-Prinzessinnen und Upper-Class-Anwärterinnen.



Rhythmisch kreist Florentinas* Hüfte zu den vibrierenden Beats. Auf knallroten High Heels tanzt sie durch die Nacht. Florentina besucht an diesem Abend – wie viele andere junge Frauen – eine Verbindungsparty auf dem Lorettoberg, dem exklusiveren Teil der Wiehre. „Ich bin ein gern gesehener Gast auf einigen Verbindungshäusern – die Hausmama, die für jeden ein offenes Ohr hat“, erzählt sie nicht ohne Stolz. Doch heute Abend wird gefeiert. Die Jägermeisterflasche tanzt bereits neben der 24-Jährigen, fest im Griff eines Burschen mit dem traditionellen Band um die Brust.


Florentina studiert in Freiburg VWL und kam über einen Kommilitonen zu den Studentenverbindungen. Vor allem die Neugier trieb sie dazu, das Klischee des arroganten Jurastudenten mit Timberland-Schuhen, der sich jedes Wochenende ein neues Mädchen aufreißt, auf den Prüfstand zu stellen. Die ersten Abende auf dem Haus folgen – mit Überraschungseffekt. Vortragsabende über Integration, Brunch mit den alten Herren und Bälle im Colombi-Hotel stehen ebenso auf der Tagesordnung wie der traditionelle Kneipenbesuch zu Beginn und Abschluss des Semesters, der Fahnenklau und die Party auf dem Haus. „Am Anfang war ich schon die Außenseiterin bei den Mädels. Sie kannten sich alle untereinander, und unsere Unterhaltungen waren ziemlich oberflächlich.“ Mittlerweile hat jedoch auch Florentina Freundinnen gefunden, die sich auch außerhalb der Villa treffen.



Ein Status, den Lena* noch nicht hat –  und auch gar nicht will. Die 23-Jährige bewegt sich nur am Wochenende in Studentenkreisen. Auf der Suche nach ihrem Platz an der Seite des richtigen Burschen ist sie auch an diesem Wochenende auf einer Verbindungsparty. „Früher bin ich auf diese Partys gegangen, um mir einen Kerl aufzureißen, aber heute weiß ich es besser.“ Jemanden aus einer Verbindung dingfest zu machen, sei nämlich gar nicht so einfach. Wilde, zügellose Feiern, welche unter Umständen auch sonntagmorgens nackt auf dem Münsterplatz enden, seien, ihrer Erzählung nach, keine Seltenheit. Ebenso ständig wechselnde Frauen.

Ein kleines Lächeln huscht über Lenas Gesicht, während sie versonnen an ihrer Zigarette zieht. „Man ist doch immer auf der Suche nach dem Einen. Dem, der nicht so ist wie alle anderen. Meistens wird man aber doch enttäuscht. Es ist eben wie eine Droge für mich. Ich habe schon öfters überlegt, nicht mehr hinzugehen, aber es zieht mich einfach immer wieder hin.“ Und oft zieht es Lena nicht nur auf die Party, sondern auch in die Arme eines Burschen.

Doch wieso werden Frauen von dieser Gruppe Mann scheinbar angezogen wie die Biene von der Rosine? „Das Frauen- und Männerbild in diesen Kreisen ist sehr traditionell“, erklärt Alexandra Kurth. Sie forscht am Institut für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen zum Thema Männerbünde und Burschenschaften. „Die Männer präsentieren sich selbst als stark, tapfer und mutig. Frauen sind die polare Geschlechtervorstellung – zart und zurückhaltend. Das hat sich seit dem Anfang des 19. Jahrhundert nicht sehr verändert, und in einigen Verbindungen scheinen die Neuerungen der Emanzipation verpufft zu sein.“ Selbst bei den vermeintlichen Ehrungen der Frauen, wie zum Beispiel der Damenrede am Stiftungsfest, klinge eine Abwertung mit. Auch in den eigenen Reihen werde mit Stereotypen gespielt.

„Ich möchte nicht als Couleurmatratze gelten.“



Wie ein großes Netzwerk jedoch beschreibt Florentina, das Mädchen in den roten High Heels, das Leben mit der Verbindung. Jeder kennt jeden. Gegenseitiger Besuch auf den Partys, Wiedersehen in der Uni. Und vor allen anderen Dingen viel Klatsch: „Es ist wie bei Gossip Girl, der TV-Serie: Nach jeder Party erzählt man sich die neuesten Geschichten. Dabei seinen Ruf zu wahren ist schwer, aber sehr wichtig für mich. Ich möchte nicht als Couleurmatratze gelten.“ Ein Mädchen mit dem Ruf, dass sie für jeden zu haben ist, sei auf keinem Haus mehr gern gesehen. „Nie würde ich etwas mit einem anfangen, der noch auf dem Haus wohnt.“

Dann steigt ihr die Röte ins Gesicht. „Nur einmal habe ich einen Typen geküsst, aber nur, um mir selbst zu beweisen, dass ich nicht immer vernünftig bin.“ Ist sie aber, wohl auch ein triftiger Grund, dass sie sich Couleurdame nennen darf. „Wäre ich ein Mann, würde man mich aufnehmen. So bin ich eben ein gern gesehener Gast zu jedem Anlass.“ Florentina hat ihren Platz gefunden. Als Hausmama und Everybody’s Darling –  mal mit einer Schulter zum Anlehnen, mal auch mit der Hüfte zum Tanzen.

Auf der Party ist mittlerweile nur noch wenig Platz zum Tanzen. In knappen Cocktailkleidern, die kaum über die Hüfte reichen, wirbeln die Mädchen im Knotentanz, dem Discofox ähnlichen Verbindungstanz, mit den Männern ihrer Träume über die Tanzfläche. Die Longchamp-Tasche sitzt wie angeschraubt am mitgelieferten angewinkelten Arm. Meist stehen die Prinzessinnen beisammen und halten ihre Sektgläser fest umklammert.



„Ist der Ruf erst ruiniert … “ –  Lena lächelt matt, als ihr diese alte Phrase über die Lippen kommt. So gern sie Teil dieser Freiburger „Upper Class“ wäre, so sehr lehnt sie sie ab. Freundinnen hat sie hier bisher keine gefunden: „Die Mädels mustern dich von Kopf bis Fuß. Es kommt nur darauf an, welche Marken du trägst. Das ist nicht mein Ding – viel zu oberflächlich.“

Dennoch: Ob Studentenverbindung oder Burschenschaft, die Aufnahme in diese Kreise bedeutet für viele Mädchen Exklusivität. Ein Bursche als Freund könnte doch neue Türen öffnen, oder? „Von der gezielt-programmatischen Förderung der Partnerin habe ich noch nicht gehört in diesem Zusammenhang“, räumt Alexandra Kurth mit dem Traum vom beruflichen Aufstieg auf. „Der soziale Aufstieg hingegen ist für einige Frauen sicherlich ein Anreiz, denn nicht jedes Mädchen, das man dort antrifft, kommt in den Genuss von Aufstiegsmöglichkeiten durch die eigene Familie.“

Die Stimmung der Party ist mittlerweile auf dem Höhepunkt, die ersten Paare beziehen lauschige Ecken. Ein Bursche küsst seine Eroberung unter einem lateinischen Emblem „Uns und denen, die für die Heimat gestorben sind“ – hier wird gebaggert für das Vaterland.

Studentenverbindungen

  • Die offiziellen weiblichen Gäste von Studentenverbindungen werden als Couleurdamen bezeichnet. Verbindungen gibt es an vielen Universitäten. Die meisten sind reine Männerbünde, ihre Gründungen reichen bis ins späte 18. Jahrhundert. Einige fordern das Tragen von Verbindungsfarben, andere tragen Fechtturniere aus. Allen gemein ist, sowohl Zusammenschluss für Kommilitonen als auch Netzwerk für Ehemalige zu sein. Durch eine eigene Sprache (Fux, Kommers, Couleur) und Rituale wird diese Einheit gefestigt.
 

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[*Name von der Redaktion geändert/ Illustrationen: Karo Schrey]