Corpus Delicti im Theater Freiburg

Helena Barop

Kaffeeverbot, Sportpflicht und Toilettensensoren zur Urinüberwachung bestimmen das Leben in der Mitte dieses Jahrhunderts: Das Theater Freiburg zeigt "Corpus Delicti" von Juli Zeh. Der Regisseurin Sandra Strunz gelingt eine politisch bissige Inszenierung - krankes Gesundheitstheater.



2057: Auf Gesundheitsbällen tagt ein strenges Gericht. Der Missbrauch toxischer Substanzen wie Koffein und Nikotin und das Versäumnis der Krankheitsfrüherkennungsuntersuchungen für Kleinkinder werden routiniert verurteilt. "Die Methode" kann keine Gesundheitssünder dulden.


Das strenge Regime der "Methode" hat in der Science-Fiction-Welt Juli Zehs das schlimmste Übel der Menschheit überwunden: Die Krankheit. Strenge Regeln bestimmen den Umgang jedes einzelnen mit seinem Körper, überwacht von Bazillen bekämpfenden Nachbarn und Sensoren in der Toilette. Selbst die Gerichtsverhandlung wird unterbrochen für die vorgeschriebenen gymnastischen Übungen.



Das ist die Welt, in der die Protagonistin Mia Holl um ihren Bruder trauern will. Er hat sich im Gefängnis erhängt, um nicht eingefroren zu werden für einen Mord, den er nicht begangen hat. Ohne es geplant zu haben, gerät Mia in einen hoffnungslosen Schattenboxkampf gegen die Gesundheitsdiktatur und wird fast zur Märtyrerin für ein menschenwürdiges Leben.



Vor einer bizarren Berglandschaft spielen Isabella Bartdorff, Andre Benndorff, Ben Daniel Jöhnk, Rebecca Klingenberg, Uta Krause und Maik Solbach eine verstörende Hexenjagd – mit Spannung, Komik und glaubwürdiger Verzweiflung. Regie führt Sandra Strunz. „Corpus Delicti“ hat politischen Biss, wie ihn die Freiburger Bühne nicht alle Tage erlebt.



Das Rauchverbot, der biometrische Reisepass, die Diskussionen über Pflichtuntersuchungen von Kleinkindern als Vorbeugung gegen das verwarloste Schicksal von Kevin und Co., das allgegenwärtige "Rauchen kann tödlich sein" der EG-Gesundheitsminister, die Stammzellendebatte, die hysterische Terrorangst heute wie vor 30 Jahren – all das schwebt über der Bühne und fragt: Wie nah sind wir schon dran an "der Methode"? Wie wollen wir leben?

So jedenfalls nicht.

Mehr dazu:

Web: Corpus Delicti

Was: "Corpus Delicti" von Juli Zeh
Wann: Noch in der gesamten Spielzeit. Diesen Monat: 1. Oktober, 11. Oktober, 23. Oktober, 24. Oktober 2008, je 20–22 Uhr
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus