Consul Bodo: Was ist Krautrock?

David Weigend

Am Donnerstag gastieren im Jazzhaus Guru Guru und Birth Control, zwei Bands, die dem Genre des Krautrocks zugerechnet werden. Aber was soll das überhaupt sein, ein Krautrock? Ein Annäherungsversuch mit Co-Veranstalter Consul Bodo.



 Consul Bodo, 48 und aus Aachen, hat vielleicht die gemütlichste Musikwohnung der Stadt. Unter einem Dach der Zasiusstraße hortet das Mittelfeld-Übergewicht von Kurzschluss Osram Heynckes, zur Zeit leider mit lädiertem Kleinfinger, 1500 LPs und 1500 CDs, die von ausgesuchtem Musikgeschmack zeugen.


Heute hat Bodo vor allem die Plattenhüllen wie Lesezeichen aus den LP-Schubern hervorgezogen, die im weitesten Sinne unter die Kategorie "Krautrock" fallen. Eine dieser Platten legt Bodo gleich mal auf. Sie heißt "Birthcontrol Live", stammt vom Juni 1974 und wurde teilweise im Freiburger Eisstadion mitgeschnitten.



Ein wenig kurios ist auch der Umstand, dass einer derjenigen, die den Gig von Birth Control am Donnerstag im Jazzhaus organisieren, Zeus B. Held, auf der Plattenhülle abgebildet ist, wie er, in einem historischen Benzcabriolet stehend, mit einer Maschinenpistole auf einen Kinderwagen feuert. Krautrockgangster, wenn man so will.

Wir klappen das Cover auf und lesen die vergleichsweise drollig anmutende Werbesprache der 1970er Jahre: "Mit 20 Mikrofonen rückte man in die grüne Front, den halben Phil Spector-Verbrauch fürs Bangla Desh-Konzert. Der Einfall ins sauerländische Attendorn, dem eine Schwarzwald-Attacke (Eisstadion Freiburg), aber auch eine Kohlenpott-Offensive (Dorsten) folgte, war von langer Hand geplant."

Zeus B. Held, der heute als Produzent arbeitet, war damals Keyboarder von Birth Control und einer von diesen ausgemergelten Hippietypen, die das Eisstadion ins Nirvana jammten. Bodo hat inzwischen die Nadel auf "Gamma Ray" gesetzt, quasi das deutsche Pendant zu Iron Butterfly's "In-a-gadda-da-vida": "Ein Moog knattert los, die Orgel setzt ein und in unfassbar schlechtem Englisch prangert der Sänger den Umstand an, dass die Welt dabei war, vor die Hunde zu gehen." Besser als Swampster Carmelo Policicchio kann man diese Bongo-Orgie eigentlich nicht beschreiben.



 Wobei wir gleich bei einem Wesenszug des ursprünglichen Krautrocks wären: dem Nacheifern englischer und angloamerikanischer Vorbilder. "Der Begriff Krautrock wurde von John Peel Ende der 1960er Jahre geprägt", sagt Bodo. Die Krauts, die Deutschen, denen der Swing abhanden gekommen war, die so locker waren wie ein Strafmarsch in Stetten am kalten Markt; Krautrock stand fürs Holprige, fürs leicht Dilettantische und Plagiathafte; Krautrock, das waren die frühen Jane und die ersten Scorpions - aber eben auch Kraftwerk, die Generalantwort für jedweden Elektromusiker, der nach seinem Einfluss gefragt wird. Auf jeden Fall ist Krautrock ein Kunstbegriff, der einem sehr heterogenen Musikfeld recht spät im Nachhinein übergestülpt wurde.

Als kleinsten gemeinsamen Nenner von Krautrock könnte man vielleicht die Lust am Experiment erwähnen.



Bodo legt nun den "Elektrolurch" auf, den Hit der Band Guru Guru. Auch hier findet sich wieder ein nettes Zitat von der Plattenhülle, diesmal von "Winfried Trenkler, renommierter Popjournalist": "Mit dem ,Elektrolurch' stellt sich die lockerste Figur der deutschen Rockszene vor. Weit und breit ohne Konkurrenz. Wenn man der deutschen Rockmusik einen Vorwurf machen kann, dann den, dass sie sich zu ernst nimmt. Auf einen trifft das gewiss nicht zu, auf Mani Neumeier, den ,weißen Neger' am Schlagzeug der Guru Guru."

Mani Neumeier, der Elektrolurch, der auch den "LSD-Marsch" komponierte, wird am Donnerstag im Jazzhaus das einzige Mitglied der Guru Guru-Urbesetzung sein. Vielleicht einer, der im popkulturellen Entwicklungsland Deutschland etwas bewegt hat, das auch Julian Cope, John Peel und Kollegen zum Hinhören und zur Wertschätzung veranlasste.

Ehrlichgesagt, eine Antwort auf die Frage, was Krautrock denn nun sei, hat man nach 90 Minuten Querhören durch Bodos Plattensammlung nicht gefunden. Zu unterschiedlich sind diverse Vertreter wie La Düsseldorf (etwa: Jean Michel Jarre komponiert Klänge für die Kaffeefahrt auf dem Rhein), Hölderlin (Post-Spätromantiker mit Bratscheneinschlag) und eben Birth Control (Paul Breitner Helme auf dem Gniedeltrip). Aber genau das macht dieses Konglomerat ziemlich interessant.

Mehr dazu:

Web: Birth Control & Guru Guru
Weitere Krautrockinfos: The Crack in the Cosmic Egg
Was: 80 Jahre Krautrock mit obengenannten Bands
Wann: Donnerstag, 22. Mai, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus Freiburg