Comic-Check: Steam Noir – Das Kupferherz

Christopher Bünte

Wider Elektronik und Digitalität: In Das Kupferherz stehen Dampfkraft und skurrile Mechanik hoch im Kurs. Mit dem Serienstart von Steam Noir treten Felix Mertikat und Benjamin Schreuder in die Fußstapfen von Jules Verne. Und machen sich bereit zum Sprung in die französische Comic-Landschaft.



Das zweite Werk hat es immer schwerer als das erste. Denn für das Publikum besteht von nun an die Möglichkeit zu vergleichen. Sascha Hommer zum Beispiel hat das nach seinem vielgelobten Insekt mit Vier Augen zu spüren bekommen, seinem zweiten Buch. Ebenso Arne Bellstorf mit Baby’s in Black. Und auch Craig Thompson ist mit Habibi nicht davor gefeit.


Die Suche nach dem Besser oder Schlechter hat begonnen, sobald die zweite eigenständige Arbeit veröffentlicht ist, seit kurzem auch für Felix Mertikat und Benjamin Schreuder. Die beiden brillierten im vergangenen Jahr mit der merkwürdigen Graphic Novel Jacob, der infolgedessen Allerlei nachgesagt wurde. Sie sei „originell und wunderbar“ (Bernhard Hennen, Autor), „eine Mischung aus klassischer Comicerzählung und anspruchsvollem Kinderbuch“ (Jury Sondermann 2010), „ein kreatives Gesamtkunstwerk“ (Splashcomics), „für Fans von Neil Gaiman, Tim Burton und Terry Gilliam“ (Verlags-Information), „ein papiergewordenes Roadmovie im Querformat“ (Arte). Diese Lobhudelei sei hier einmal so stehengelassen.

Mertikats und Schreuders zweites Werk ist der Anfang einer Serie und erschien im Oktober 2011 zur Frankfurter Buchmesse. Steam Noir – Das Kupferherz, so lautet der Titel. Die Hauptfigur ist der Ermittler Heinrich Lerchenwald, der in einer Fantasy-Welt Zuhause ist, wo verlorene Seelen und Dampfmaschinen von zentraler Bedeutung sind. Jules Vernes Erben sind am Werke, so möchte man meinen.



Im Zuge von Heinrichs Ermittlungen begibt sich der Leser auf eine Reise durch die von Mertikat und Schreuder erdachte Welt. Obwohl es auf den ersten Blick wie ein Kriminalfall aussehen soll, ist das Reisemotiv auch in Das Kupferherz so stark, dass man sich unweigerlich an Jacob erinnert fühlt. Auch hier eine etwas blasse Hauptfigur, die durch eine merkwürdige Fantasy-Welt reist, Hinweise und Spuren verfolgt, bloß um weitere Hinweise und Spuren zu finden. Mit ganz viel Dialog und so gut wie gar keinem Erzählertext.

Zwei Dinge machen die beiden Künstler auf den ersten Blick in Das Kupferherz besser. Sie versuchen nicht mehr, uns eine formale Revolution des Comics zu verkaufen, indem sie ein Storyboard kolorieren, die Panels wild streuen und eine willkürliche Leserichtung anbieten. Außerdem entfernen sie sich von der Idee, großgeistige Poesie zu Papier zu bringen und uns die Welt zu erklären, sondern sie machen vor allem eines: Unterhaltung. Kurzum: Das Kupferherz ist traditioneller als Jacob und funktioniert deswegen besser.

Die Stoßrichtung ist klar, sobald man das Format und die Aufmachung sieht: Das ist in Deutschland produzierte Comic-Unterhaltung, die ihren lizensierten Weg nach Frankreich finden soll. Der Markt dort ist größer als hier, so kann sich die Produktion gut rechnen. Denn zauberhafte Welten rundum Dampfmaschinen haben dort eine gewisse Konjunktur, zu sehen auch hierzulande am Beispiel von Codex Angélique oder Die Korsaren der Alkibiades. Verstecken muss sich Das Kupferherz vor der Konkurrenz auf keinen Fall.



Man bedenke zum Schluss, dass Jacob als Abschlussarbeit für die Filmakademie Ludwigsburg entstanden ist. Mertikats und Schreuders zweites Werk wurde mit mehr Blick auf den Comic-Markt entwickelt. Der Erfolg scheint absehbar zu sein, nicht zuletzt dank der fabelhaften Aufmachung und des guten Marketings von der Verlagsseite. Und inhaltlich?

Es ist kurzweilig, auf der Schulter von Heinrich Lerchenwald durch die ominöse Welt von Steam Noir zu reisen. Der Spannung nicht besonders zuträglich ist allerdings die schwach ausgearbeitete persönliche Motivation der Hauptfigur. Obwohl es schön ist, dass solch ein Comic in Deutschland entstanden ist – die Lobhudelei wird wahrscheinlich auch dieses Mal etwas zu laut ausfallen.

Steam Noir – Das Kupferherz 1
Cross Cult
Text: Benjamin Schreuder
Zeichnungen: Felix Mertikat
Hardcover, vierfarbig
64 Seiten
16,80 Euro

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