Comic-Check: Loki

Christopher Bünte

Im Marvel Universum ist Loki der Verräter: der fiese Bruder von Thor. In einem kurzen Run wird ihm jetzt mehr Platz eingeräumt. Als Hauptfigur gewinnt Loki an Kontur und Schärfe, sein Bruder hat das Nachsehen.


Thor in aller Munde. Der Donnergott prangt an den Litfaßsäulen, den digitalen wie den analogen. Zum Kinofilm gibt‘s Comics und T-Shirts, das Rundum-Sorglos-Paket ist geschnürt, wenn man denn ein Fan von fliegenden Strumpfhosenträgern ist.


Anders als im Film hat Odin in den Comic-Geschichten drei Söhne: Thor, Balder und Loki. Balder wird einmal die Nachfolge seines Vaters auf dem Thron von Asgard antreten. Thor wird den mächtigen Hammer heben und sich der Erde zuwenden. Und Loki? Loki ist der Verräter, das faule Ei. Er macht gute Pläne zunichte und spricht stets mit gespaltener Zunge. Diese Konstellation wird eifrig auf- und abgespult, manchmal angereichert mit einigen mehr oder weniger schillernden Nebenfiguren.

Im Prinzip sind die Abenteuer von Thor juvenile Fantasy-Abenteuer. Handlungsort ist nur selten die Erde, sondern Asgard. Die Welt, durch die sich Thor und seine Gefährten bewegen, ist oft nichts weiter als eine kitschige, keltische Collage, gesehen und gefühlt durch eine US-amerikanische Brille. Dazu gibt es jede Menge Prügel-Action. Weder mit dem rauen Grundton von Northlanders noch mit dem glänzenden Superhelden-Charme von Astro City kann das mithalten. Um es kurz zu sagen: Das Wenigste von Thor ist lesbar, das meiste gewöhnliche Meterware.

Der 55. Band der Reihe "100% Marvel" überrascht daher. Obwohl das benannte Strickmuster durchschimmert und auch hier wieder amerikanisch-keltische Scheinwelten betreten werden, macht Autor Roberto Aguirre-Sacasa einige Dinge anders.

Im Mittelpunkt steht Loki, die im Triumvirat der Brüder mit Abstand interessanteste Figur. Als Kind zweier Welten sucht er seinen Platz, ist zerrissen, unsicher und heimtückisch. Er wendet all seine Kraft auf, um Odins Anerkennung zu bekommen und Thors Hammer Mjölnir zu erlangen. Als ihm das nicht gelingt, trachtet er nach der Vernichtung von Asgard.

Mit schöner Sprache und einem stimmungsvollen, durchgängigen Zeichenstil wird rückblickend von seinem Niedergang erzählt. Das faule Ei als echter Charakter, dessen Taten einer Erklärung bedürfen. Endlich einmal keine Abenteuergeschichte, in der man sowieso von Anfang an weiß, wer der Verräter ist. Von Superhelden hat das nicht mehr viel, eher etwas von einem düsteren, keltischen Märchen.

Warum Thor so eifrig beworben wird, erscheint nach der Lektüre ein Rätsel. Die wesentlich spannendere Figur ist der schlanke Bruder neben ihm, der mit dem grünen Umhang und dem fiesen Lächeln. Gut erzählt ist seine Zerrissenheit so faszinierend, dass man den Blick kaum abwenden kann.

100% Marvel 55: Thor - Loki
Panini Comics
Autor: Roberto Aguirre-Sacasa
Zeichner: Sebastián Fiumara
Paperback mit Klappenbroschur, farbig
100 Seiten
14,95 Euro