Comic-Check: Der dicke König

Christopher Bünte

Ralf König gilt gemeinhin als Chronist schwuler Alltäglichkeiten. Dass er inhaltlich sehr viel breiter aufgestellt ist, lässt sich nun in Der dicke König nachlesen. Der monumentale Band enthält eine Sammlung von Kurzgeschichten. Knollennasen inklusive.



Eine Binsenweisheit aus dem literarischen Alltag: Wer Kleinformen beherrscht, hat auch mit Großformen keine Probleme. Ralf König, da denkt man als allererstes an "Der bewegte Mann", eine seiner frühen Großformen, Mitte der neunziger Jahre schlimm verfilmt von Sönke Wortmann. „Hach ja, diese Schwulen!“, konnte Mutti damals laut ausrufen und im Polstersessel vor Freude auf- und abhüpfen. Die Vorlage zum Kinofilm kennt kaum einer, der ihn damals geguckt hat.


Ralf König gilt spätestens seit diesem Film als Chronist des schwulen Alltags. Letzten Endes ist das jedoch nicht mehr als ein medienwirksames Label, um schnell einen Eindruck in die Köpfe von Neulesern zu bekommen. In Wahrheit ist Ralf König inhaltlich sehr viel breiter aufgestellt, schon immer, nicht erst seit seiner Bibelsatire "Prototyp" in der FAZ.

Von beidem kann sich der geneigte Leser jetzt ein Bild machen: Von der Vielseitigkeit Ralf Königs und von seiner meisterlichen Beherrschung der Kleinform. In "Der dicke König" finden sich zahlreiche Episoden unterschiedlicher Couleur. Von einer Hommage an Wilhelm Busch über ein Ehepaar im Dschungel von Papua Neuguinea geht es weiter zu antiken Episoden, Einzelbildern und der Schutzengel GmbH. Viele dieser Kleinformen sind schon einmal irgendwo, irgendwann erschienen, zusammen jedoch noch nie. Und nur der eingefleischte König-Fan wird monieren, dass sich zu wenig neues Material im Band versammelt hat.

Über Königs großartige Erzählweise, über seine feinen Dialoge und seine Verbindung von Leichtigkeit und Schwere wurde schon anderswo genug gesagt. Die Qualität seiner Arbeiten steht außer Frage, auch in diesem Band, der Spaß macht, extrem kurzweilig, unterhaltsam und geistreich ist. Abseits vom Inhalt können jedoch ein paar formelle Kritikpunkte angemeldet werden.

Mit "Der dicke König" treten die Geschichten von Ralf König in einem neuen Gewand auf die Bühne. Bei manchen Lesern dürften noch die hellen, handlichen Bände aus dem Rowohlt Verlag in Erinnerung sein. ("Der bewegte Mann" ist zum Beispiel in dieser Form erschienen.) Die konnte man überall mit hinnehmen, an den Strand oder in den Bus. Sie waren praktisch. Und sie waren nicht teuer.

Beides hat sich mit "Der dicke König" geändert. Das ist an sich überhaupt keine Kritik, stünde diese neue Form nicht in einem krassen Gegensatz zu dem Inhalt des Bandes. Ein 320 Seiten starkes Werk, so schwer wie ein Backstein? Und dann sind darin Kleinformen, die man gerne mal locker so zwischendurch lesen würde? Wer nimmt denn so einen Wälzer mit in den Bus? Und: Wenn schon so ein Monument, warum dann nicht auch ein ausführliches Interview mit dem Künstler? Oder ein Blick auf sein Gesamtwerk? Um die Sache abzurunden?

Abgesehen von solch formellen Unklarheiten ist "Der dicke König" ein tolles Buch, das einen der größten deutschen Comic-Künstler unserer Zeit ins rechte Licht setzt. Seine Knollennasen sind schon jetzt Literatur-Geschichte. Dabei steckt das ganze Wunder in den Feinheiten und im Detail. Aller Monumentalisierung zum Trotz.

Der dicke König
Ehapa Comic Collection
Text und Zeichnungen: Ralf König
Hardcover, farbig
320 Seiten
39,99 Euro

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