Come on, FC!

David Weigend

Ihre Heimat ist der Block S3 in Köln-Müngersdorf. Die "Wilde Horde", bekannt für ihre stimmkräftigen Gesänge, hat gestern den 1. FC Köln beim Auswärtsremis in Freiburg angefeuert. fudder war dabei und hat ein Kölsch mitgetrunken.

  „Kniet nieder, ihr Bauern, Köln ist zu Gast!“ Ein Ruf aus fast tausend kölschen Kehlen im Gästeblock. Die meisten von ihnen sind gut geölt. Schon vor Anpfiff liegen rund ums Stadion die leeren Bierflaschen der Marke Reissdorf.


Manuel hat drei Liter Apfelwein intus, genossen auf der sechsstündigen Zugfahrt mit dem Wochenendticket. Manuel kommt gar nicht aus Köln, sondern aus Butzbach in der Wetterau.

Der Grund für seine langjährige Liebe zum FC heißt Bodo Illgner. Manuel ist ein „Extrem Böck Hessen“ und dem Urteil seines Kollegen Daniel zufolge sowohl „voll“ als auch „voll die Kutte“. Daniel wiederum trägt eine rote Trainingsjacke mit der Aufschrift „Wilde Horde 96“ und sagt: „Schreib, dass Arrogantia Colonia die besten sind.“

Als Außenstehender kommt man leicht durcheinander mit den ganzen FC-Fanclubs. Naiv auch anzunehmen, dass FC Fan gleich FC Fan sei. Der eine trägt ein Tourshirt der nicht mehr existenten Böhsen Onkelz, der andere schüttelt einen kräftig durch, wenn man ihn nach seiner etwaigen Sympathie für die Onkelz fragt.

Die SC-Fans auf Nord rufen: „Einer muss jetzt, einer muss jetzt rein!“ Die FC-Fans antworten: „In den Arsch, in den Arsch!“

42. Minute. Der Freiburger Spieler Daniel Schwaab will einen Einwurf ausführen, zehn Meter vor der Kölner Kurve, die übrigens wirklich eine Kurve darstellt. Wie jeder SC-Akteur, der sich dem Domstadtblock nähert, wird Schwaab mit Geräuschen bedacht, die Kinder äußern, wenn sie ein wildes Tier im Zookäfig reizen wollen. Als Schwaab diese Rufe mit einem süffisanten Lächeln kontert, macht er sich für den Rest des Spiels zum Lieblingsfeind der Kölner.

Wann immer sich Schwaab dem Gästeblock nähert, tituliert man ihn als weibliches Geschlechtsorgan.

Immerhin parlieren die Auswärtsfans auch untereinander nicht gerade nach Kniggeregeln: „Ey, du Arschloch. Warum haste mir keinen Senf auf die Wurst jemaat?“ „Hier jibt et keinen Senf, Doofei!“

Das Spiel ist irgendwie auch ohne Würze, aber das kümmert die vielen, aufgrund des Karnevalbeginns zum Teil verkleideten Kölnfans herzlich wenig. Sie singen. Genau die Lieder, die man am Vortag aus dem Fernsehgerät hören konnte, bei der Karnevalsübertragung des Westdeutschen Rundfunks, als die Bläck Fööss auf der Bühne standen: „Wat och passeet / Dat eine es doch klor / Et schönste, wat m'r han / Schon all die lange Johr / Es unser Veedel / Denn he hält m'r zosamme / Ejal, wat och passeet / En unserem Veedel.“ Das ist, wie man selbst als SC-Fan zugeben muss, ein wenig herzerwärmender als das „Heja, SCF“, das von Nord herüberschallt.

Man hört es erstaunlich leise. Pete aus Köln-Mülheim, Vorsänger und quasi der Patric Baader des Gästeblocks, ruft trotzig zurück: „Heimspiel in Freiburg! Wir ham ein Heimspiel in Freiburg…“, zur Melodie von „Guantanamera“.

Ab der 70. Minute sinkt der Stimmungspegel.

Auch die Kommunikation zwischen dem Trommler mit den Paketbandfingern und Pete funktioniert nicht mehr so gut. Höchstens die Bemühungen des Kölner Kapitäns Carsten „Culle“ Cullmann quittieren die sich in einer Art Torkeltanz befindlichen Rotweißen mit: „Que sera, sera. Die Kölner sind wieder da. Besoffen wie jedes Jahr.“ Einige Polizisten betrachten die Jungs, die wirklich so sprechen wie Tom Gerhardt in „Voll normaaal“, mit eisigem Blick und Zigarette im Mundwinkel. Es kommt zu keinem Zwischenfall.



Abpfiff. Der Fanmob bewegt sich dahin, wo der „zwölfte Mann“ steht, einer der Fanbusse. Viele Kölner wollen erstmal schlafen.

Einer mit Tarnjacke sagt, er sei seit 24 Stunden auf den Beinen, habe den Karnevalsbeginn in den Knochen. Ein Auswärtssieg wäre das „Sahnehäubschen“ gewesen. So bleibt nur das letzte Kölsch im Bus. Auf die Frage, ob er morgen früh arbeiten müsse, fängt die Tarnjacke an zu singen: „Ich bin gut drauf / und schlaf gern lang /Frühstück fängt bei mir erst mittags an /Die Sonne streichelt mich das ganze Jahr…“ Dann verschwindet die Jacke im „Zwölften Mann“.