Claus Köhn: Die Stimme des SC Freiburg

David Weigend

Wir haben den 2:1-Heimsieg des SC Freiburg gegen den FCN aus der Sprecherkabine mitverfolgt und bei dieser Gelegenheit Claus Köhn kennengelernt. Der 60-Jährige ist seit 1988 Stadionsprecher beim Sportclub - ohne ein Spiel Unterbrechung.



„Badnerlied, und ab!“, ruft Marc Rebstock. „Badnerlied läuft“, sagt Claus Köhn, drückt auf die Play-Taste des CD-Spielers und nutzt die kurze Sprechpause für einen Schluck aus der Kaffeetasse. Dann die Mannschaftsaufstellung. Köhn fährt die Positionen auf seinem Klemmbrett-Bogen mit dem linken Daumen ab, während er die Vornamen der Sportclubspieler verliest. Um 15.26 Uhr laufen die Mannschaften ein, Köhn hat noch Zeit für ein Lied.


Mit Spitzbuben-Lächeln legt er „Whatever you want“ von Status Quo ein („Ich steh’ halt doch mehr auf die alten, rockigen Sachen“) und trippelt mit den schwarzen Turnschuhen im Takt gegen seinen fünffach berollten Bürostuhl. Rock’n’Roll. Willkommen in der Sprecherkabine des SC Freiburg. 12 Quadratmeter grüner Teppich, ein warmes Kabelkämmerle, vollgestopft mit Technik, leeren Fantaflaschen und sechs bestens gelaunten Mitarbeitern.



Um nachzuzeichnen, wem die Stimme des SC Freiburg gehört, muss man etwas weiter ausholen und zurückgehen ins Jahr 1988, als es auf der Strandbadseite des Dreisamstadions nur eine einsame Würstchenbude gab und Jogi Löw unter Jörg Berger trainierte. Damals war Claus Köhn Discjockey im Heuboden, nachdem er sich in der südbadischen Tanzschuppenszene die Sporen verdient hatte.

Als wichtigste Stationen sind zu verzeichnen: Black House in Breisach, die Royal Bar in Norsingen, die Dachluke in Reute, das Big Charly (heute Inside) in Emmendingen. „Ich war auch mal im Tropic in Freiburg, da durfte ich die Tremeloes ansagen“, erinnert sich der 60-Jährige. Jedenfalls war es 1988, als der damalige Stadionsprecher Peter Steffe zu Köhn in den Heuboden kam und ihn fragte, ob er nicht seinen Job übernehmen wolle, da er zum Südwestfunk wechsele. Köhn sagte zu.



Sein erstes Spiel als Ansager, die Partie SC Freiburg gegen Rot-Weiß Essen, fand freilich unter anderen Bedingungen statt als heute. Eine Sprecherkabine gab es nicht. Köhn musste seinen Verstärker samt Kassettengerät plus Zylinderlautsprecher auf die Haupttribüne schleppen und all das installieren auf seinem Platz zwischen BZ-Redakteur und FR1-Reporter. „Ich saß hinter einem dicken Pfosten, an dem ich immer rechts und links vorbeilinsen musste“, sagt Köhn.

Nach Abpfiff kam Achim Stocker vorbei und drückte Köhn einen Zwanzigmarkschein in die Hand. „Gut gemacht, Claus. Und halt’ dich weiterhin schön zurück. Net aufpeitschen. Die Stimmung machen schon die Fans.“ An diese Vorgabe hält sich Köhn bis heute.

Genauso führte Köhn schon damals Rituale ein, die immer noch gepflegt werden im Dreisamstadion. Das Badnerlied etwa. „Ich habe das Ende der 80er Jahre aus dem Radio aufgenommen. Es wurde immer um 12 Uhr von der VAG-Blaskapelle gespielt“, sagt Köhn. Die BASF-Audiokassette spielte er dann im Stadion über die Zylinderlautsprecher ab, die Fans sangen mit. Ein Ankommer. Mittlerweile ist Köhn auf CDs umgestiegen.



Allmählich wurde Köhns Arbeitsplatz komfortabler. Die kleine Holzkabine, später die Anzeigetafel. „Die bekamen wir aus Ulm, als die Spatzen abgestiegen waren.“ Mit der Tafel kamen Michael Kilgus und sein Kollege Wolf. Sie reisen jetzt noch für jedes Heimspiel aus Ulm an, um die Tafel zu bedienen und die Technik zu steuern. Heute, gegen Nürnberg, haben sie mit einem Pop-Up-Fenster zu kämpfen, das immer wieder als unerwünschtes Quadrat auftaucht.



Dass das Sprecherkabuff kein Elfenbeinturm ist, merkt man spätestens in der 4. Spielminute, als der Nürnberger Maroh den Sportclub mit einem wunderbaren Eigentor in Führung köpft. Die sechs Techniker sowie diverse Familienmitglieder und Freunde brechen in Jubel aus, Köhn ballt die Mikro-freie Faust, der dünne Bob Dylan-Oberlippenbart wird ganz breit, so befreit kommt das Lachen aus dem Mund des Breisachers.

Es ist Kollege Marc Rebstock, der als Erster wieder in den Arbeitsmodus schaltet, nach dem Torschützen fragt und den Torjingle einfordert. "Net jetzt schon aufstehn", brummt Köhn, als sich kurz darauf alle Badner im Stadion zur Erhebung berufen fühlen. Heißt für Köhn: Auch aufstehen, weil er sonst das Spielfeld nicht sehen kann.



Es ist ein Wechselspiel zwischen Emotion und Dienst, das hier oben im Schaufenster der Haupttribüne stattfindet. Köhn rauft sich fluchend den ergrauten Igel, als Cissé vergibt, muss aber im nächsten Moment wieder mit nüchterner Stimme ein verlorengegangenes Mädchen ausrufen. Dann Butschers riskante Durchlassaktion. „Heißer Trick!“ kommentiert Köhns Kollege Edwin (Foto oben), der es schafft, trotz entgegen gesetzter Blickrichtung immer ein Auge im Videotext und ein Auge auf dem Spielfeld zu haben. Den Linienrichter nennt er dagegen einen "Blindfuchs".

Seit 1988 hat Köhn bei keinem Spiel gefehlt, er arbeitete sogar mit Bandscheibenvorfall. „Beim letzten Heimspiel gegen Bayern ging ich eine Viertelstunde früher, weil ich bei einem 50. Geburtstag auflegen musste“, sagt Köhn. „Aber Marc hat mich vertreten und durfte Reisingers Anschlusstreffer durchsagen.“



Köhn arbeitet als Personalsachbearbeiter an der PH und legt nebenberuflich als DJ bei diversen Feiern auf. Seinem Popinteresse sind auch akustische SC-Standards geschuldet, etwa das unverwüstliche und gut mitklatschbare „Rofos Theme“, das er noch während der Heubodenzeit „auf irgend’nem Sampler“ entdeckt hatte. Aber auch Exoten sind dabei, wie Blind GuardiansTheater of Pain“: „Das nehme ich für die Spieltag-Anmoderation, da hatte ich so was Fanfarenmäßiges gesucht.“ Bei der Einlaufmusik sei man nun bei den Chilli Peppers hängengeblieben, „ ,Cant Stop', das ist einfach prägnant.“



In der Halbzeitpause nimmt Köhn wieder das Mikrofon zur Hand („Headset brauch’ ich keines“), und macht Werbedurchsagen. Als er die dritte Telefonnummer durchsagt, unter der man Tickets für irgendein „Event“ bestellen kann, fragt man sich, wer sich in der Halbzeitpause im Fußballstadion eigentlich Telefonnummern merken kann. Wenn Köhn gerade nicht sprechen muss, plauscht er mit Stadionbesuchern, die sich nach Torschützen der anderen Begegnungen erkundigen oder winkt Kindern zu, die an seinem offenen Sprecherfenster vorbeikommen. Kioskhafte Gemütlichkeit.



Nach dem 2-0 durch Cissé, das im gesamten Stadion eine gewaltige Phonstärke erzeugt, wird Köhn wieder von Rebstock angetippt: „Waldseestraße ist frei, sag’ das durch, wenns wieder ruhig ist.“ „Sind die Kröten also wieder weg“, murmelt Köhn und vermerkt seinen Einsatz im minutiös getakteten Ablaufplan. Den Anschlusstreffer der Nürnberger vermeldet er in naturgemäß reservierterer Stimmlage.



Am Schluss präsentiert wie immer eine Sicherheitsfirma das Endergebnis, das 2:1 für den Sportclub lautet. Jubel. „Glücklicherweise präsentiert noch niemand Eckbälle oder Freistöße“, sagt Köhn. Highlights, Endergebnisse der anderen Bundesligaspiele. Köhn wünscht den Gästen einen guten Heimweg. Feierabend. Alles glatt gelaufen. Kein Lachanfall, wie Köhn ihn Ende der 90er bekam, nachdem die Fans bei jedem Spielernamen ein Vili-Suffix artikulierten; keine Tränen in den Augen wie in der Saison 1993/94, als der Sportclub gegen Dynamo Dresden 0:1 verlor und so gut wie abgestiegen war.

Den Abstieg konnten Cardoso und Co damals durch eine sensationelle Serie abwenden. "Das Gute hat gesiegt", titelte die taz am 7. Mai 1994 nach dem Wunder von Duisburg. Der SCF hat am Samstag die Hoffnung genährt, dass es in drei Wochen an der Dreisam ein ähnliches Happy End geben könnte.

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