Chillen in der Jesus Lounge

David Weigend

Noch bis zum Samstag läuft im Paulussaal eine Veranstaltung namens Jesus House, in der eine Vereinigung von evangelischen Freikirchen Jugendliche missionieren will. Wir haben uns gestern ein wenig in der Jesus Lounge umgesehen, ganz ohne Umarmungen.



An einem solch unwirtlichen Nachmittag wie dem gestrigen, als sich die Lastwagen auf der Dreisamstraße stauten und die feuchte Novemberkälte durch die Übergangsjacke kroch, klingt die Einladung, ein wenig in der JesusHouse Lounge abzuhängen, ziemlich verlockend: „Chillen, Snacks und super Aktionen warten auf dich“, heißt es in der Einladung. Auch die etwas allgemein gehaltenen Tagesmottos von JesusHouse lösen beim Reporter Neugier aus: Dienstag, 23.11.: Ist da jemand?, Mittwoch, 24.11.: Was machst du denn hier?, Donnerstag, 25.11.: Die Schuldenfalle, Freitag, 26.11.: Warum?, Samstag, 27.11.: Was bringt´s?


Bleiben wir also der Ordnung halber erstmal beim „Ist da jemand?“ Im Foyer des Paulussaals steht Carsten Fokken (Foto unten links) und zwar in seiner Eigenschaft als JesusHouse-Projektleiter Freiburg. Er bittet mich in die JesusLounge, ins ruhige Eckchen zu den Ledersofas und den Haribo Color-Rado-Tellern. Der 37-jährige Fokken stellt sich als Berufsjugendlicher vor und erklärt, den Blick in die Ferne gerichtet: „JesusHouse ist eine christliche Veranstaltung, die bundesweit stattfindet. Es ist uns ein Anliegen, von Gott und von Jesus zu erzählen. Unsere Zielgruppe sind Jugendliche. Deshalb wollen wir unsere Botschaft in einer zeitgemäßen Form rüberbringen. Damit die Jugendlichen das auch verstehen.“

Kurzer Einschub: was die Veranstalter von JesusHouse unter „zeitgemäß“ verstehen, klingt fürderhin ein wenig, nun ja, berufsjugendlich. Man spart nicht an Anglizismen, stellt eine Nintendo-Wii mit dem Spiel „Boxen“ ins Foyer des Paulussaals und lässt junge Gemeindemitglieder Begrüßungsdrinks ausschenken, die zum Beispiel Speedy Gonzales heißen, bestehend aus O-Saft und Curacao. Aber dazu später mehr.



JesusHouse ist ein Projekt der Evangelischen Allianz. Das ist keine Versicherung, sondern eine Vereinigung von meist evangelischen Freikirchen und redlich bemüht darum, junge Menschen in allen nur erdenklichen Foren (Flickr, YouTube, Facebook, Twitter und weiß der Kuckuck) anzuwerben. Der Grad der Anbiederung ist abhängig von der Tagesform des jeweiligen Missionars.

Sieben Freiburger Gemeinden finanzieren JesusHouse, darunter die Christliche Missionsgemeinde, die Christengemeinde und Dreisam3. Fokken sagt: „Es ist egal, welcher Konfession du angehörst. Klar gibt es einige theologische Fragen, über die man streiten kann, aber letztlich geht es um den einen Gott.“ Allerdings ist Fokken vorsichtig mit dem Begriff „Gottesdienst“, der hier in einer Stunde mit 200 bis 300 erwarteten Teilnehmern stattfinden soll. Natürlich sei der JesusHouse-Gottesdienst lauter, bunter und lebendiger als ein Gottesdienst, wie man ihn aus der evangelischen Kirche kennt.

Das könnte, so Fokken, manchen irritieren. Dennoch gebe es Elemente, die sich ähneln: Lobpreis und Predigt etwa. Die Predigt hält übrigens ein gewisser Ralf Steinhart aus Lörrach, der auf seiner Website damit wirbt, dass er „zeitgemäße Evangelisation für Teenager“ anbietet. Er scheut auch nicht davor zurück, sein Werk dort zu verrichten, „wo Jugendliche gewöhnlich abhängen: in Diskos, Kneipen, Jugendtreffs…“ Der Reporter nimmt sich ein paar Erdnüsse und schaltet das Tonbandgerät aus.



Am Bücherstand treffen wir Stefanie, 23. Sie trägt ein gelbes Kopftuch und um den Hals das Kreuz von Taizé. Stefanie blättert in „99 Dinge, die man im Leben gemacht haben sollte“ und kichert vor sich hin. „Ein Köpfer aus zehn Meter Höhe, ein Wochenende im Kloster, irgendwie passen diese Tipps nicht ganz zusammen“, findet sie. Ich überlege, ob ich Stefanie auf einen „Speedy Gonzales“ einladen soll, aber wir kommen auch so ins Gespräch. Stefanie besucht regelmäßig Gottesdienste, bei Dreisamdrei und bei den Jesus Freaks. Von JesusHouse erwartet sie erstmal nicht viel. Sie hofft, mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen, um zu erfahren, was für sie Glauben bedeutet.

So, jetzt sind wir endlich, um mal im Fokken-Jargon zu bleiben, bei der Message, nämlich beim Glauben. Während im Hintergrund der Tischkicker klackert und Jack Johnson durch die Boxen nölt, sagt Stefanie: „Ohne Glauben geht nichts. Glaube ist die Antriebsfeder meines Lebens.“ Es habe da in letzter Zeit unheimlich viele Sachen gegeben, die Stefanie sehr belastet haben. Der Glaube habe ihr extrem geholfen. „Gebet hat eine Macht, die manche nicht für möglich halten.“



Dann erzählt sie eine Geschichte. Bei einer Freundin von ihr sei mit 18 Jahren Brustkrebs diagnostiziert worden. Eine unausweichliche Operation mit Chemotherapie wurde ihr vorausgesagt. Sie reiste nach Taizé, zweimal, und betete für ihre Gesundheit. Als sie wieder in die Klinik kam, sah sich der Arzt das aktuelle Röntgenbild an und fragte: „Warum sollen wir diese Patientin noch mal behandeln?“ Der Tumor war verschwunden.

Diese Geschichte möge man jetzt deuten, wie man will. Deshalb kommt ja auch der Glaube ins Spiel. Die Macht des Gebets. Kann man diese Macht auch spüren, wenn man gar nicht gläubig ist? Stefanie meint: „Schwierige Frage. Aber ich glaube, man muss sich dafür schon öffnen.“



Wir holen uns an der Bar einen Hibroba (Mischgetränk mit Himbeer-, Brombeer- und Bananensaft), schlendern durchs JesusHouse und lassen zwischen Gott-Grußwand (Grüß-Gott-Wand hätte auch gepasst) und Wikingerschach das leicht planlose Juze-Ambiente auf uns wirken. Unter den Augen des 69-jährigen Ordners Hans-Georg Lehmann füllt sich die JesusLounge eher schleppend.



Ein Ordner bei einer Versammlung von harmlosen Nachwuchschristen, wozu das denn? Lehmann, ein Veteran solcher Veranstaltungen, brummelt: „Es kommen ja viele Jugendliche hierher, die hören zum ersten Mal was von Jesus. Es ist nicht unbedingt gesagt, dass das Leute mit einer friedlichen Gesinnung sind. Mein Job ist es, Jugendliche zu beruhigen, falls sie aggressiv werden. Oder mal zu sagen: So geht’s net, gell.“



Mit den fünf Freiburger Ten Sing-Jungs („Ey, chill dich zu uns!“) dürfte Lehmann weniger Probleme haben. Sie geben heute die Vorband vor dem ersten Gottesdienst mit dem Arbeitstitel „Ist da jemand?“ Bevor sie ihre Instrumente anschließen, hängen sie noch ein bisschen in der Jesuslounge ab – von links (Foto): Stefan (15, Gitarrist), André (18, Bassist, Wortführer), Benni (13, Gitarrist), Marc (17, Moderator) und Steffen (15, Tänzer).

„Wir sind eine Clique und hören am liebsten Techno“, sagt André. Moderator Marc fügt hinzu: „Es kommen ganz viele Leute aus verschiedenen Schichten bei uns zusammen. Ob katholisch oder evangelisch ist egal. Wir treffen uns, reden über Gott, es gibt Inputs, es gibt Singen, Gemeinschaft und Spaß.“ Tja, hört sich gut an.

Stefans Statement, vorgetragen mit „Die Happy“-Mütze, lautet: „Also ich bin jetzt zum Beispiel gar nicht gläubig. Ich bin jetzt eher Realist, würde ich sagen. Aber ich mache trotzdem in Ten Sing mit, es macht mir auch Riesenspaß. Bei den Inputs, wo es hauptsächlich um Gott geht, höre ich zu, ist schon interessant. Ich höre da objektiv hin, nicht als Christ.“

Ja, warum nicht.

Benni fasst zusammen: „Ich erhoffe mir von unserem heutigen Auftritt, dass wir möglichst viele neue Tensinger bekommen. Denn je mehr Leute, umso mehr Party und Spaß.“



Als der Reporter dann auch noch das Magazin "pur spezial: bibellesen für teens" in die Hand gedrückt bekommt, droht ein kleiner Input-Overkill. Es ist ihm deshalb nicht mehr möglich, den Ten Sing-Gig feat. die große Ist da jemand-Message von Youth-Evangelist Ralf Steinhart anzuschauen. Die Antwort ist ja auch absehbar: Ja, da ist jemand. Nämlich Gott. Da bleibt man doch lieber faul in der Lounge sitzen.

Mehr dazu: