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Caritas gibt Alleinerziehenden Tipps – und erntet heftige Kritik

Sigrun Rehm (Der Sonntag)

"Ein guter Kalender ist alles", "Gönn dir mal ein Stück Schokolade": Ein Video der Caritas hat im Internet zu regen Diskussionen geführt. Darin werden triviale Tipps für Alleinerziehende gegeben.

Alleinerziehend zu sein, ist nicht leicht: "Hut ab, ihr seid Mama und Papa in einem und darauf sollte man vor allem erstmal stolz sein", sagt Juliane Conradt vergnügt. Um dann locker-flockig fünf Tipps zu präsentieren, die von "Nutzt einen Ordner mit Registratur" bis zu "Gönn dir mal ein heißes Bad oder ein Stück Schokolade" reichen. Mit dem in sozialen Netzwerken vielfach gesehenen und geteilten Video der jungen Psychologin aus Garmisch-Partenkirchen hat Caritas Deutschland, deren Bundeszentrale in Freiburg ist, diese Woche heftige Kritik von Alleinerziehenden auf sich gezogen.




"Mir bleibt die Spucke weg", kommentierte eine Betroffene im Netz. "Ich würde sagen, dass sich die Caritas mit diesem Video total im Ton vergriffen hat. Hinterlässt einen widerlichen Nachgeschmack." Eine andere Frau verglich Juliane mit Marie Antoinette und ihrem legendären Rat, die Armen sollten doch Kuchen essen, wenn es an Brot fehle. "Dass die Caritas 1,6 Millionen Menschen einfach in einen Topf wirft und so flapsig herabwürdigt, ist eine Frechheit", sagt Annalena Schulz (Name geändert) aus Umkirch, die ihre achtjährige Tochter allein erzieht. Wie viele andere empörte Mütter hat sie dem Caritas-Online-Team ihre Kritik umgehend mitgeteilt und Tipps gegeben.

Caritas reagiert

"Liebe Alleinerziehende", antwortete Caritas Deutschland auf der eigenen Facebook-Seite, "es tut uns leid, dass sich viele von Euch von unserem Video (...) nicht ernst genommen fühlen. Das war nicht unsere Absicht." Liane Muth, die im Freiburger Verbandssitz das Familien-Referat verantwortet, verweist auf die Pressestelle in Berlin. In der Video-Reihe gehe es "nicht darum, die oftmals schwierige Lebenssituation von Alleinerziehenden, die Anerkennung und Wertschätzung verdienen, zu thematisieren, sondern um ein Türöffner-Angebot", erklärt die dortige Sprecherin Claudia Beck. Die Tipps sollten vor allem jungen und wenig informierten Eltern Mut machen, sich beraten zu lassen. Und von genau dieser Zielgruppe habe es diese Woche übrigens viel Lob gegeben.

"Ich habe bei dem Video sofort an die Kampagne ,Scheidungskind’ gedacht – auch damals hat die Caritas uns beleidigt und die Kritik nicht voll anerkannt", sagt Annalena Schulz mit Blick auf eine Plakataktion von 2013, die mit einem Bub, der verlassen am Bahnhof steht, warb. "Wir brauchen tatsächlich noch viel mehr Dialog über die Situation von Alleinerziehenden", schloss der Verband seinen Facebook-Post: "Lasst uns die Diskussion, die hier entstanden ist, dafür einfach als Anstoß nehmen."
Dieser Beitrag ist zuerst am 28. Mai 2017 in unserer Wochenzeitung "Der Sonntag" erschienen.