Cäthe im Waldsee: Zum Dahinschmelzen mit Ecken und Kanten

Alexander Ochs

Wieso sind kaum Männer hier? Die hübsche und energiegeladene Cäthe zieht am Sonntagabend vor allem Frauen ins Waldsee. Und eine gute Show ab.



„Viele kleine Tode muss man sterben, um ein ganzer Mensch zu werden“, flüstert Cäthe Sieland die erste Zeile, die einen solch kleinen Tod vielleicht gestorben ist, als sie an der Schwelle zur Karriere ihren Nachnamen an die Türklinke gehängt hat, wer weiß. Vielleicht war sie aber auch immer schon die Cäthe, für die sie alle halten. Das Publikum der gerade noch 30-jährigen Sängerin und Songschreiberin jedenfalls ist klar weiblich: Das Publikum besteht aus Frauen, die Frauen mitbringen. Männer sind Mangelware. Dabei hat Cäthe das Zeug dazu, (auch) die Männer um den Finger zu wickeln.

Die ergebenen Fans jubeln schon begeistert Wuhuu!, als die zierliche Sängerin nur die Bühne erklimmt. Wie ein weit gedehntes U hat sich ihre gut eingespielte Band um sie, den quirligen Dreh- und Angelpunkt, angeordnet: links vorne der hervorragende Gitarrist Jens Nickel, dahinter der Keyboarder, neben ihm Drummer „Kallas“ mit wilder Punkmähne und rechts von Cäthe der Basser. So hat die impulsive und explosive Frontfrau den Freiraum den sie braucht: zum Tänzeln, Stelzen, Wirbeln und Hüpfen. Ganz so, wie’s später singt: „Ich glaub ich bin ein Ding, / wenn´s in Bewegung ist, / macht´s einen Sinn.“ Das glaube ich auch. Mit Ansagen tut sie sich dagegen schwer.

Doch das juckt hier keinen. In Schnürstiefeln, hautenger Röhre und hellblauer Bluse wirbelt Cäthe übers Parkett, vor sich einen rot-schwarz geringelten Mikrofonständer, an dem ein rotes Tuch baumelt. Als einen der ersten Songs spendiert sie „Tiger Lily“, anschließend „Hoch oben nah dem Sturm“, den Opener vom aktuellen Album, ihrem Zweitwerk. Das trägt den Namen „Verschollenes Tier“ – und genau so wirkt auch Cäthe, wie ein waidwundes Tier beim letzten kraftstrotzenden Aufbäumen: aufstehen oder draufgehen? Selten hat man Energie so elegant erlebt.



Dezenter Grooverock, Balladen auf dem Barhocker, mitreißender Poprock, auch mal mit Akustikgitarre und leichtem Country-Einschlag, dann wieder krawallige Elektro-Einsprengsel – Cäthe serviert all das erfrischend charmant und immer rotzfrech. Auch wenn sie sich die goldene Prinzessinnen-Girlie-Gitarre umhängt, bleibt sie die kreischende Rockröhre.

Die lyrisch angehauchten Songtexte umkreisen autobiografisch den Alltag und deklinieren Liebesleid rauf und runter. Und das äußerst gekonnt; viel Wiedererkennung oder Selbsterkennung muss drinstecken, wenn man sich das textsichere Publikum anschaut, das der Performerin an den Lippen hängt. Zum Ende ihres Sets hat sie spätestens mit „Spirituell“ und „Unter meiner Haut“ alle weichgekocht. Nach vier Zugaben, 25 Liedern und 100 Minuten ist die Powerwoman-Show dann vorbei: zum Dahinschmelzen mit Ecken und Kanten.

P.S.: Dass Cäthe eine tierisch gute Rockröhre abgibt, haben auch andere hohe Tiere im Rockzirkus erkannt: Die Scorpions haben die junge Dame eingeladen, gemeinsam einen Song für ihr MTV Unplugged-Album in Athen aufzunehmen. Ob sich das Ergebnis sehen und hören lassen kann, sehen wir am 29. November, wenn die Akustikplatte der Hannoveraner Altrocker erscheint.

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