Bundesprüfstelle setzt Magersuchts-Blog auf den Index

Christoph Müller-Stoffels

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hat erstmals ein Blog indiziert. Nicht verwunderlich, dass die Blogosphäre sich damit beschäftigt. Interessant ist aber, dass nicht so sehr die Inhalte des gesperrten Mediums - bei dem Blog handelt es sich um ein sogenanntes "Pro-Ana"-Blog, in dem Anorexie verherrlicht wurde - im Mittelpunkt der Diskussion stehen, als vielmehr der Umstand der Zensur.



Sachverhalt: Erstmals wurde ein Blog indiziert

Es ist ein absolutes Novum. Erstmals hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) ein Blog auf den Index gesetzt. Wie die BPjM in ihrer Entscheidung vom 04.12.2008 mitteilt, hat sie beschlossen, "das Internet-Angebot http://ana-hanna-blogspot.com" in "Teil C der Liste der jugendgefährdenden Medien einzutragen." Das beanstandete Blog ist der "Pro-Ana"-Szene zuzurechnen, in denen Anorexia nervosa (Magersucht) als Ideal verherrlicht wird.

Die Begründung für die Indizierung folgt auf dem Fuße: "Die Indizierung hatte deshalb zu erfolgen, weil Kinder und Jugendliche durch das beanstandete Internet-Angebot zu einem Verhalten aufgefordert werden, mit dem sie sich selbst schwerste und lebensbedrohliche gesundheitliche Schäden zufügen." Das Angebot sei mindestens als jugendgefährdend einzustufen.

Auf sechzehn Seiten werden Sachverhalt, Begründung und Beispiele aus dem Blog genannt, die zum Verständnis für die Indizierung beitragen sollen. Die Schrift schließt mit der Feststellung, "da das Medium Internet inzwischen weit verbreitet und für Kinder und Jugendliche leicht zugänglich ist, kann auch nicht von einem nur geringen Verbreitungsgrad ausgegangen werden", weshalb die Indizierung der richtige Schritt sei.

Aufschrei in der Blogosphäre

Nachdem die Entscheidung, die inzwischen bereits eineinhalb Monate zurückliegt, am Freitag vom Beck-Blog veröffentlicht wurde, wird teils sehr heftig und sehr schrill über die "Zensur" diskutiert. So schreibt der Grüne Berliner Stadtpolitiker Stefan Meiners in seinem Weblog unkreativ.net unter der Überschrift "Dinge, die einem den Morgen versauen": "Äh… wie bitte? die BPjM indiziert jetzt Blogs? (...) Also, um das klar zu stellen: Das geht mal gar nicht." Auch in den Lawblog-Kommentaren sind die Stimmen, die sich gegen diese "staatliche Zensur" wenden, deutlich in der Mehrheit. "Wir leben in einem Staat dessen Führung immer stärker von der Dummheit, Unselbständigkeit und Trägheit der Masse (=Volk) profitiert. Wer alles mitmacht darf sich nicht beklagen," meint dort ein Johanns.

Die Inhalte des Blogs

Dabei scheint es, als habe sich niemand mit den teils erschreckenden Inhalten von ana-hanna-blogspot.com auseinandergesetzt. Zwar ist das Blog selbst nach der Indizierung nicht mehr zu erreichen, doch die BPjM hat in ihrer Begründung ausführliche Zitate von der Site aufgeführt. Die Krankheit wird dort als "Ana" personifiziert und glorifiziert, was mit der Bezeichnung "Göttin Ana" religiöse Züge annimmt, "Glaubensbekenntnis", "Ana’s Psalm" und "10 Gebote" inklusive.

Das Glaubensbekenntnis umfasst 13 Absätze, in denen sich die "Gläubigen" der Richtigkeit ihres Weges versichern. So ist dort etwa zu lesen: "Ich glaube, dass ich die schlechteste, wertloseste und nutzloseste Person bin, die je auf unserem Planeten gelebt hat, und dass ich es absolut nicht wert bin, die Zeit und Achtung von irgend jemandem zu beanspruchen." Und weiter: "Dünn sein bedeutet Schönheit, und deshalb muss ich dünn sein und dünn bleiben, wenn ich geliebt werden will. Nahrung ist mein schlimmster Feind. Ich darf sie anschauen, daran riechen, aber sie nicht berühren."

In den "10 Geboten" - wie auch das Glaubensbekenntnis in vielen Sprachen tausendfach auf Pro-Ana-Seiten zu finden - ist zu lesen: "1. Wenn ich nicht dünn bin, bin ich unattraktiv", "2. Dünn sein ist wichtiger als gesund sein", "5. Ich darf nicht essen ohne danach Gegenmaßnahmen zu ergreifen" oder "10. Dünn sein und Nahrungsverweigerung sind Zeichen wahrer Willensstärke und Erfolgs!" Es ist schwierig, um diese Inhalte zu wissen und trotzdem noch die Indizierung vehement in Frage zu stellen. Darauf verweist auch Johnny Haeusler bei Spreeblick, der als einer der ganz wenigen den Vorgang explizit gut heißt und betont, dass Indizierung nicht Zensur bedeutet.

Wann wird die BPjM tätig?

Was bedeutet die Indizierung überhaupt? Was ist Zensur? Und warum ist es gerade im Internet so schwierig, die beiden voneinander zu trennen? In Deutschland existieren rund 800 Stellen, die die besondere Antragsberechtigung besitzen, um die BPjM tätig werden zu lassen. Diese reichen von den "Obersten Jugendbehörden der Länder, den Landesjugendämtern, den Jugendämtern, der zentralen Aufsichtsstelle der Länder für den Jugendmedienschutz (Kommission für Jugendmedienschutz, KJM)" bis zum "Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend."

Handelt es sich lediglich um die Anregung der Indizierung, kann die BPjM selbst abwägen, ob sie tätig wird. Wird aber ein Antrag gestellt, ist sie verpflichtet, der Sache nachzugehen. Antragsteller war im vorliegenden Fall die "Komission für Jugendschutz" der "Bayrischen Landeszentrale für neue Medien". Der von der Indizierung Betroffene darf zu den Vorwürfen Stellung nehmen, was in diesem Fall von der minderjährigen Betreiberin des Blogs nicht in Anspruch genommen wurde.

Als jugendgefährdend erachtete Inhalte werden von der BPjM auf den Index gesetzt und dürfen an Jugendliche nicht mehr abgegeben werden. Das passierte beispielsweise mit dem Album "Die Maske" von Deutschrapper Sido wegen des Drogen verherrlichenden Liedes "Endlich Wochenende". Aber hier zeigt auch schon, welche Schwierigkeiten der Bundesprüfstelle das Internet bereitet. Denn auf YouTube ist das Lied natürlich immer noch zu hören und durch wenige Kunstgriffe als mp3-Datei auf den Rechner zu bekommen. Wird allerdings ein Blog indiziert, so bedeutet das erst einmal, dass er nicht mehr verfügbar ist, egal, welchen Alters man ist.

Wie schwer es ist, das Alter der User zu überprüfen, hat schon Second Life gezeigt, wo das über die Kreditkarte versucht, dann aber komplett freigegeben wurde. Nur hat SL den Vorteil, dass Jugendliche absolut nicht die Zielgruppe sind und sie sich deshalb dort, wie viele Erwachsene auch, schlicht langweilen und freiwillig das Feld wieder räumen.

Ein User im Lawblog beschreibt das Problem: "Eine Altersverifikation wie vom Gesetzgeber gefordert ist teuer und aufwändig. Damit müsste sich jeder Leser per Postident-Verfahren erstmal registrieren. Und das macht wohl keiner. Damit kann das Blog effektiv nicht mehr vernünftig betrieben werden. Die Indizierung kommt damit in der Praxis einer Totalzensur gleich."



Hilft die Indizierung?

Aber hilft die Indizierung überhaupt? Das ist die wirklich schwere Frage, die in der ganzen Hektik untergeht. Denn was vielen Kommentatoren aus dem Blick geraten zu sein scheint, handelt es sich im vorliegenden Fall um ein Medium, das Magersucht glorifiziert und Menschen dazu anhält, sich tot zu hungern. Es ist sicherlich nicht falsch, die Zielgruppe pauschal als psychisch krank und in hohem Maße hilfsbedürftig zu betrachten. Ästhetik der Schlankheit hin oder her, aber Bilder wie etwa die der Fotoserie "Zweiunddreißig Kilogramm" (hier Beispiele in einem Jetzt-Beitrag) können einem Tränen in die Augen treiben.

Fakt ist, dass das Medium Internet der Pro-Ana-Bewegung massiv bei ihrer Verbreitung geholfen hat. Es vermittelt den Betroffenen das Gefühl, nicht alleine zu sein und in die richtige Richtung zu gehen. Dabei hängen sie einem Kult mit quasi-religiösen Zügen an. Das Netz gibt ihnen, wie die Soziologin C. J. Pascoe im FRONTLINE-Interview deutlich macht, die Möglichkeit, mit einander in Kontakt zu kommen. Ohne Netz wäre das nicht möglich, denn kein Verlag würde ein Pro-Ana-Fanzine herausgeben (zumindest keines, das über die Modezeitschriften hinausgeht). Pascoe berichtet darüber hinaus, dass MySpace sich regelmäßig darum bemüht, gegen Pro-Ana-Sites bei sich vorzugehen und sie herunter zu nehmen. Freiwillige Selbstkontrolle nennt man das wohl. Oder auch Zensur?

Mit der Indizierung allein ist den Betroffenen sicherlich nicht geholfen, denn für sie ist psychologische Hilfe unabdingbar. Außerdem ist das System der Internet-Indizierung, wie auch die vielen wütenden Reaktionen zeigen, weit davon entfernt, ausgereift oder auch nur im Ansatz brauchbar zu sein, stehen sich doch hier die Absätze 1 und 2 des fünften Grundgesetz-Paragrafen gegenüber, die einerseits Meinungs- und Pressefreiheit, andererseits aber Jugendschutz fordern. Der Spreeblick-Beitrag macht es deutlich: "Indizierung ist keine Zensur", stellt aber auch fest: "Die BPjM wird keine Lösungen für die technischen und juristischen Fragen finden können, die das Netz stellt und die wahrscheinlich nur international beantwortet werden können, das ist klar, aber dies ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung."

Die gesamtgesellschaftliche Verantwortung

Haeusler mahnt die "digitale Gesellschaft" (der Begriff ist in seiner Pauschalität sicher zu schwammig, soll aber hier genügen) eindringlich, sich nicht ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen und wegen ihres höheren technologischen Wissens "die Arroganz einer Elite" zur Schau zu stellen. Denn sonst komme es bald zu Bevormundung und Zensur, "die wir uns bisher nicht einmal vorstellen können."

Aber gerade hieran scheint die "digitale Gesellschaft" zu kranken, denn der Aufschrei wegen der Zensur kommt oft erst, wenn sie, wie hier mit einem Blog, ihr eigenes Feld betroffen sieht. Natürlich bedeutet die Indizierung eines physischen Mediums (Buch, CD DVD und so weiter.) etwas anderes, als die Indizierung eines digitalen Mediums. Nur haben sich weite Teile der "digitalen Gesellschaft" zu lange die Hände gerieben ob der Macht- und Hilflosigkeit, mit der die Politik der Virtualität gegenüber steht. Oder aber sie gaben spitze Schreie ob der Regulierungs- und Zensurversuche insbesondere der letzten beiden Innenminister von sich, anstatt ein System zu entwerfen, wie man die größtmögliche Freiheit wahren kann, gleichzeitig aber die in unserem Grundgesetz verankerten Werte (und dazu zählt der Jugendschutz) verteidigt.

Zensur kann nie die richtige Lösung sein und ist immer ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Aber wer, dem ernsthaft am Wohl der Kinder und Jugendlichen gelegen ist, kann wollen, dass sie sich kultgleich zu Tode hungern? Anstatt wieder nur, wie die Pinguine auf der Kaffeetasse, die Plakate mit der Aufschrift "Dagegen" hochzuhalten und auf Schäuble und den Überwachungsstaat zu schimpfen (der durchaus ein massives Problem darstellt, keine Frage!), wäre es weit hilfreicher, eine Lösung für dieses Dilemma zu finden. Benjamin Franklin hat uns ins Guestbook geschrieben, dass die, die bereit sind, Freiheit gegen Sicherheit einzutauschen, beides verlieren werden. Denn Freiheit bedeudet auch: Verantwortung.

Mehr dazu:

Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM)


Die BPjM (ehemals Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften BPjS) ist eine in Bonn ansässige Bundesoberbehörde, die dem Bundesfamilienministerium nachgeordnet ist. Sie wurde 1954 auf Initiative der CDU/CSU gegründet (damals noch als BPjS). Die ersten beiden Werke, die indiziert wurden, waren "Tarzan"-Comics. Vorsitzende ist seit 1991 Elke Monssen-Engberding.
[Illustration: Photocase/Frank Martin; Screenshot eines anderen Pro-Ana-Blogs]