Botanica im E-Werk: Abend der Weltskurrilität

Alexander Ochs

Gestern Abend auf der Kammerbühne des E-Werks: Botanica aus New York, die ihnen Nikko Weidemann vorgewärmt hatte. Alex war für fudder dabei. Und beigeistert.



Hm, gerade habe ich mir die Mail einer jungen Eidgenössin nochmal durchgelesen, die sie mir letzte Woche nach dem Botanica-Konzert in der Satisfactory geschickt hatte. Sie war nicht nur zufrieden, sondern be- und entgeistert zugleich.


Nur bin ich just in dieselbe Falle getappt wie sie, denn auch ich habe eine CD von Nikko Weidemann, dem Supportmann, erworben (aber noch nicht reingehört). Solo kommt er Singer/Songwriter-mäßig rüber. Die Schweiz sagt: Nee, das is' nix. Live toll, aber auf CD? Naja...

Musikalisch hat der 48-Jährige viel auf dem Kasten, er kann toll erzählen und hat vor 32 Jahren hier in Freiburg sein erstes Konzert gegeben. Kreise, die sich schließen. Ein Abend der Weltskurrilität – Nikko mit (Augen)Klappe, Kippe, Kappe. Man gestatte mir eine, wie ich finde, angemessene Dosis Pathos: Der Typ ist irgendwie wahrhaftig. Und hat was von Niels Frevert und Gisbert zu Knyphausen, wenn er auf Deutsch singt.

Und Botanica? Die sind sicherlich ganz von den Socken, denn das Konzert findet im kuscheligen Kammertheater statt, dass heißt: bestuhlt, etwa 50 Plätze, 35 Leute sind da.

Die erleben allerdings etwas Großartiges, auch wenn einige von ihnen das vielleicht nicht so sehen. Botanica legen schön ruhig los, steigern aber sich stetig, auch wenn sie dabei eine ganze Weile lang massive Soundprobleme haben, so dass die Puristen unter den Zuschauern schon entnervt sind.

Als dann aber mal alles läuft, knallt die E-Gitarre so richtig rein, der Drummer galoppiert, knüppelt derb und streichelt mal jazzig sanft die Becken, der Mann für die Basslines greift abwechselnd zum Strommodell und zum Kontrabass, bis der asiatische Nürnbergerin an der Violine irgendwann mal ein Grinsen übers Gesicht huscht.

Und der Sänger, zugleich Orgelmann, ist eh 'ne durchgeknallte Type. Irgendwie vogelartig. Er zählt zu den Vogelartigen. Sein Name: Paul Wallfisch (na gut, doch kein Vogel). Seine Handpirouetten, seine Art sich zu bewegen, sich und seine Finger in die Höhe zu schrauben (falsches Signal für jeden Mischer), sein linkes Bein abzuspreizen – all das wirkt höchst eigenartig, Richtung exaltierte Tarantel. Macht aber mächtig Spaß.

Es ist kein Indierock (zumindest kein „typischer“), den die sechs da auf der Bühne zelebrieren, in die Länge dehnen und wieder zersägen, mal sind die Songs getragen, mal entspannt, oft mit schön geladenem Spannungsbogen. Wie meint Wiki? „A dynamic and eclectic mix of gypsy and punk-cabaret infused chamber rock“. Alright.

Immer wieder hämmert der Mann im Rüschenhemd mit der Rechten auf seinem klapprigen Mini-Spielzeug-Piano herum, es gibt Momente, da gerinnt der Band irgendwie alles, jegliches Geräusch zu Musik, und irgendwann hopst der Leadsänger wie weiland Roberto Benigni bei der Oscar-Verleihung durch die Stuhlreihen mit einem Megaphon in der Hand, beordert das zaghafte Publikum nach vorne, und, und, und...

Ich fand's Weltklasse.

Botanica - The Truth Fish

Quelle: YouTube

[youtube sPCWasn1hik nolink]

Mehr dazu:

[Foto: PR]