Borat lernt dazu

Roger Graf

Twentieth Century Fox lud am Montag in Freiburg zu einer Filmpremiere der besonderen Art. Auf der Gästeliste standen alle, die sich auf der Webseite des Films “Borat” angemeldet hatten. Kontrolliert von zwei grimmigen Securitymännern, durften die Gäste den Film einen Monat vor der Deutschlandpremiere anschauen, kostenlos. Eine Werbeaktion, die hoffentlich Nachahmer findet. Roger war da.



Borat ist die Erfindung des Schauspielers Sacha Baron Cohen, der unter anderem für Ali G. verantwortlich zeichnet. In der Ali G. Show auf MTV spielt Cohen auch den Reporter Borat aus Kasachstan. Unverschämt naiv, neugierig und mit einer Art Kasacho-Englisch. Den Charakter Borats prägt zudem freche Hartnäckigkeit. Etwas schwer von Begriff, bringt der Journalist seine Interviewpartner in peinliche Situationen. Aber er entlockt ihnen mit seiner ungebremsten Fragerei aufschlussreiche Aussagen. Provokation und Entlarvung.


Der Zuschauer sah auf MTV eine Mischung aus Reportage, Farce und versteckter Kamera. Inwieweit die Interviews abgesprochen und autorisiert waren, steht auf einem anderen Blatt. Das Konzept wurde übrigens in “Headnut TV” von den Münchner Guckkastenproleten Erkan und Stefan kopiert, mit überschaubarem Erfolg.

Der Reporter aus Kasachstan hingegen wurde so populär, dass er nun (wie zuvor auch Ali G. "Indahouse") einen eigenen Kinofilm bekommen hat. Borat bereist darin die USA, um etwas über amerikanische Kultur zu erfahren. Soweit zum Inhalt. Ansonsten hangelt sich der Film von der haarsträubenden zur peinlichen Situation und immer so fort. Wie in der Fernsehsendung findet Borat stets neue Interviewpartner und wird zu diversen Ereignissen eingeladen, die er mit seiner naiven Art torpediert. Das macht er mit soviel Charme, dass man ihm gern dabei zusieht.Mehr als einmal überschreitet er die Grenze des guten Geschmacks und oft ertappt man sich bei der Frage, ob man darüber überhaupt lachen darf. Egal, man tut es.

Produziert wurde der Film von Jay Roach (Austin Powers). Im Vergleich zu den Powersfilmen, ebenfalls eher derbspaßig, wirken die Peinlichkeiten bei Borat weniger konstruiert. Man nimmt dem armen Reporter ab, dass er aus reiner Unwissenheit handelt.

So singt Borat beispielsweise bei einem Rodeo die amerikanische Nationalhymne vor großem Publikum.

Allerdings mit dem Text: “Kasachstan is the greatest Country in the World”. Der Mann mit dem Schnäuzer benimmt sich in einem Grandhotel wie ein “echter Amerikaner”, also so, wie er es von ein paar Ghettoschwarzen gelernt hat. Er kann bei einem Interview nicht verstehen, weshalb die Feministinnen nicht gerne “Pussy” genannt werden. Auch, dass man bei einem feinen Diner nicht mit seinen Exkrementen in der Tüte aus der Toilette kommt, sondern Klopapier benutzt, ist ihm neu. Wenn aber dann einer der Gäste vor laufender Kamera sagt, er sähe große Chancen darin, dass auch Borat “americanized” werden könne, so bekommt der Film eine fast schon missionarische Botschaft.

Die Boratfilmer arbeiten -wie bei der Ali G. Show- mit dem Anschein, spontan und ohne eingeweihte Darsteller zu drehen. Bei vielen Szenen jedoch kommt der Verdacht der Inszenierung auf. Und oftmals bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Man kann und will nicht glauben, dass Menschen sich tatsächlich so verhalten. Borat betreibt natürlich keine Gesellschaftsstudie. Aber vielleicht denkt man gerade deshalb über Gesellschaft nach.Der Film wurde im Originalton gezeigt. In meinen Augen darf das so bleiben. Das gebrochene Englisch von Borat und der daraus resultierende Sprachwitz ist kaum übersetzbar. Hilfreiche Untertitel sollten genügen.

Alles in allem eine absolute Empfehlung, allerdings eine, die polarisiert. Love it or hate it. Aus diesem Grund kam Fox vermutlich auf die Idee der Gratis-Vorabvorstellung. Da der Streifen bei den Kritikern mit hoher Wahrscheinlichkeit durchfallen wird, bleibt für Werbung nur die Mundpropaganda. Wie gesagt, liebe Filmstudios: eine begrüßenswerte Werbekultur.

Borat bekommt von mir fünf von fünf Goldfischen. Filmstart: 2. November