Bonner Forscher erforschen mit der App "Menthal" Smartphone-Abhängigkeit: "Handy-Sucht fängt im Kleinen an"

Dominik Schmidt

Noch einmal kurz die Mails abrufen. Ah, eine neue Facebooknachricht, Sekunde bitte. Ha, und das muss ich doch glatt gleich mal fotografieren und via Whats-App weiterschicken. – Wie abhängig sind wir von unserem Smartphone? Diese Frage beschäftigt Christian Montag, der mit Kollegen an der Universität Bonn mit der Android-App Menthal untersucht, wie wir die Smartphones nutzen. Dominik Schmidt hat mit ihm gesprochen.



Herr Montag, wenn ich während unseres Gespräches das Verlangen verspüre, auf mein Handy zu schauen: Muss ich mir dann Sorgen machen?

Christian Montag: Das wäre zu vereinfacht gesagt. Grundsätzlich gibt es noch keine Diagnose der Handy-Abhängigkeit. Auch wenn Sie jetzt einmal den Drang verspüren nachzuschauen, ist das natürlich für sich genommen noch kein Suchtmerkmal. Wir kennen aber einige Symptome aus der Suchtforschung, die möglicherweise auch in der Erforschung der Mobiltelefonabhängigkeit eine Rolle spielen. Dazu gehören Toleranzentwicklung, ständige gedankliche Beschäftigung, Entzugserscheinungen, sozialer Rückzug. All das sind Dinge, die wir bei der Handy-Nutzung auch beobachten können.

Entzugserscheinungen vom Handy? Wie sehen die aus?

Das fängt im Kleinen an. Wenn man aus dem Haus geht und kurz erstarrt, weil man sich nicht sicher ist, ob man das Handy eingepackt hat. Die Hände fangen an zu schwitzen, der Herzschlag erhöht sich. Das sind körperliche Veränderungen, die wir bereits sehen.

Wo fängt eine Sucht eigentlich an? Ihre Probanden nutzen das Handy zwei Stunden täglich. Die reine Nutzungsdauer sagt doch eigentlich nicht viel aus?

Eine Zahl sagt nicht viel aus, und es ist in der Psychologie immer schwer zu sagen, was krank und was gesund ist. Aber wir können mehrere Zahlen aneinanderreihen und in einen Kontext setzen. Wie hat sich das Nutzungsverhalten verändert? Wird es ständig mehr? Dann ist die Toleranzentwicklung erwähnenswert: Man nutzt das Gerät immer länger, um denselben positiven Nutzen zu erfahren. Ein weiterer Faktor ist die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Medium. Wenn jemand alle zwölf Minuten sein Handy aktiviert, dann ist er gedanklich fast permanent dabei.

Ihre Probanden haben alle zwölf Minuten ihr Handy aktiviert? Das waren aber Studenten ohne feste Arbeitszeiten, oder?

Schlimm genug, wenn die das in der Vorlesung dann machen. Tatsächlich ist die große Frage, inwieweit wir unsere Ergebnisse verallgemeinern können. Wir geben den Menschen jetzt eine digitale Waage in die Hand, um die eigene Nutzung zu reflektieren. Im Google-Play--Store haben wir bereits einige Reaktionen von Usern, die durch die App ihren Konsum reduzieren konnten. Allein den Spiegel vorgehalten zu bekommen, ist für manche schon Motivation, etwas am Nutzungsverhalten zu ändern.

Wird es denn in Zukunft möglich sein, eine krankhafte Nutzung festzustellen?

Ob wir einen Grenzwert finden werden, kann ich noch nicht sagen. Aber wir gehen von einer umgekehrten U-Funktion aus. Das Smartphone macht uns zu einem gewissen Grad produktiver, aber irgendwann kippt das Ganze ins Gegenteil.

Haben Sie bereits Erkenntnisse darüber, welche Apps das größte Suchtpotenzial besitzen?

Ja, wir wissen was die Top-Apps der Nutzer sind. Ganz vorne sind es die sozialen Netzwerke wie Whats-App und Facebook. Auch Games – Candy Crush Saga ist zum Beispiel auf sehr vielen Geräten vertreten. Dabei spielt auch das Geschlecht eine Rolle. Die Trends aus benachbarten Forschungszweigen wie der Internetsucht zeigen: Spiele sind eher was für Jungs, während auf den sozialen Netzwerken die Mädchen verstärkt aktiv sind. Übrigens: Das klassische Geschäft eines Mobiltelefons – telefonieren – findet kaum noch statt.

Sie nutzen mit Apps ganz neue Forschungsmethoden. Sterben die guten alten Fragebögen jetzt aus? Apps sind wohl nicht nur für Geheimdienste und Unternehmen gewinnbringende Datensammler.

Fragebögen waren lange Zeit das Medium in den Sozialwissenschaften. Aber sie bringen viele Probleme mit sich, die eine App nicht hat. Allein die Lagerräume, die wir hier für die Bögen brauchen, und die zeitaufwendige Dateneingabe. Vor allem aber können die Leute bei Bögen unkorrekte Angaben machen. Apps protokollieren die Daten ungeschönt.

Und der Datenschutz?

Wir arbeiten hier in einem sehr strikten Vertrauensverhältnis. Wir kommunizieren das Thema mit den Usern und klären sie über Tabuzonen auf. Inhalte von Mails oder Gesprächen werden natürlich nicht mitgeschnitten. Auch nicht, welche Seiten im Browser aufgerufen werden. Dafür haben wir ein System entwickelt, das die Daten direkt auf dem Smartphone verarbeitet und analysiert. So gelangen auf unsere Server nur anonymisierte Kennziffern. Keine Namen, Inhalte oder unverschlüsselte Telefonnummern.

Das Smartphone bietet unzählige Möglichkeiten für die Wissenschaft…

Nicht alles was man kann, sollte man machen. Aber die Sensoren, die jedes moderne Smartphone hat, können viel verraten. Wir sehen hier zum Beispiel Möglichkeiten in der Parkinson-Forschung. Der Tremor, das Zittern, lässt sich eventuell durch die Bewegungssensoren beobachten und im längsschnittlichen Verlauf aufzeichnen. Eye-Tracking zur Messung von Augenbewegungen in der Schizophrenieforschung oder Verhaltensänderungen durch GPS-Tracking bei an Depression erkrankten Menschen lassen sich so untersuchen.

Aber nochmal: Der Datenschutz ist enorm wichtig und die Teilnehmer einer Studie müssen über die Funktionen der App und das, was aufgezeichnet wird aufgeklärt, sein.

Der Ansturm auf die App ist derart groß, dass Sie die Registrierungen limitieren mussten. Wie viele Daten haben Sie eigentlich schon gesammelt?

Wir haben von Anfang an eine wahnsinnige Berichterstattung erfahren. Als im Nachtjournal, direkt nach dem Dschungelcamp, berichtet wurde, sind wir quasi überrannt worden. An den ersten Tagen hatten wir schon 20000 User, es hätten locker mehr sein können. Mittlerweile geht die Registrierung wieder.

Menthal Promotional Video

Quelle: YouTube

Die App Menthal gibt es im Google-Play-Store: Menthal, mehr Infos gibt es auf menthal.org



Zur Person

Gemeinsam mit einem Team aus Psychologen und Informatikern entwickelt Christian Montag im Forschungsfeld Psycho-Informatik an der Uni Bonn die Android-App Menthal, die Handy-Abhängigkeit feststellen soll. Der 36-jährige Psychologe forscht zudem über Internetsucht und Computerspiele.



Mehr dazu:

[Bild 1:© Syda Productions - Fotolia.com ; Bild 2: Dominik Schmidt]