'Bloody Mary' von Pari San: Eine Freiburger Musikerin singt über Menstruation

Miriam Jaeneke

Die 26-jährige Iranerin Parissa Eskandari hat keinen Fernseher. Stattdessen hört sie Matthew Herbert, Schubert oder CocoRosie. Musik macht sie aber auch selbst: Ihre Band Pari San, bestehend aus dem Freiburger Beatboxer Paul Brenning und ihr, hat ihren ersten Song im Netz veröffentlicht – mit einem großartigen Video und ziemlich blutigem Inhalt:


Parissa, euer erster Song heißt „Bloody Mary“. Warum singst du über Menstruation?

 
Parissa Eskandari:
Ich leide unter dem prämenstruellen Syndrom, 25 Prozent der Frauen haben das. Da bekommt man Wasseransammlungen im ganzen Körper, hat starke Stimmungsschwankungen – Weltuntergangsstimmung. Sieben Tage vor der Menstruation geht gar nichts.

Ich habe mit neun meine Menstruation bekommen, seitdem war ich acht Jahre lang jeden Monat im Krankenhaus. Sobald ich meine Tage bekommen habe, war Rollstuhl angesagt, weil ich vor Schmerzen nicht gehen konnte. Deswegen musste ich diesen Song schreiben und deswegen ist er so eine Mischung aus psychedelic und aggressiv. Das musste bei mir einfach raus.  

Wolltest du damit auch provozieren?

Eigentlich wollte ich nicht provozieren. Es hat mir gut getan, einfach mal rumzuschreien und aggressiv zu sein. Das ist sonst gar nicht meine Art, es ist nur ein Teil von mir. Auch die anderen Songs, das ganze Album ist sehr persönlich. Ich schreibe die Songs selber, und habe immer Themen, die mich sehr beschäftigen.

Ich arbeite ja immer auch mit Männern, und wenn das Thema Menstruation aufgekommen ist, dann hieß es: „Das will ich jetzt aber nicht unbedingt wissen!“ So ein Spruch ist für mich verletzend.

Ich komme aus dem Iran, bin in Teheran geboren und teilweise auch dort aufgewachsen. Da bin ich ja nur mit Tabuthemen konfrontiert. Aber mir fällt überall auf, dass die Menstruation auch in Deutschland ein Tabuthema ist. Ich rede da ganz offen drüber, für mich ist das eine medizinische Sache und überhaupt nichts Sexuelles. Ich finde es erstaunlich, dass Frauen es in unserer Gesellschaft so verstecken, wenn sie ihre Menstruation haben, und dass Männer das auch nicht hören wollen.

 

Fühlst du dich stark mit dem Iran verbunden?

Ja, sehr. Bis zu meinem dritten Lebensjahr bin ich dort aufgewachsen, seit meinem sechsten Lebensjahr habe ich jedes Jahr die Sommerferien im Iran verbracht. Seit vier Jahren war ich nicht mehr dort, weil es einfach nicht geht.

Mir wird das leider nicht jeden Tag klar, dass ich einfach sehr großes Glück hatte, von meinen Eltern hierhergebracht worden zu sein. Unter meinen Verwandten dort sind viele Musiker und Schauspieler, die darunter leiden, in diesem Land zu leben. Wenn ich da bin, lebe ich mit ihnen einen Monat in dieser Gefangenschaft. Das ist einfach brutal und ich fühle mich egoistisch, sie zurücklassen zu müssen und wieder in meine heile Welt zu gehen. Und das ist so eine heile Welt hier! Deswegen ist es mir ein Anliegen, offen mit Themen umzugehen und viel zu bewegen, weil ich das Glück habe, ich einer Welt der Meinungsfreiheit zu leben.

Eine Sache, die du bewegst, ist Pari San. Wie arbeitet ihr?

Wir machen alles selbst und mit Freunden, alles low-budget-mäßig. Wir versuchen, mit geringen Mitteln kreativ zu werden - weniger Geld macht einfallsreicher.

Für das Video habe ich im Februar einen Rucksack voll Feuerwerkskörper gekauft, die gab's im Sonderangebot. Dann sind wir auf die Straße und haben das Feuerwerk gefilmt. Die Projektionen sind damit gemacht und mit dem Beamer, einfach im Keller von einem Freund. Jander Voigt ist ein Superfilmer, macht Filme bei der 'Kommode 1'. Wir machen auch die weiteren Filme zusammen mit ihm, bis Geld reinfließt. Dann werden alle nachbezahlt.

Ihr seid ja nur zwei Musiker. Gleicht ihr die fehlende Band durch Technik aus?

Ich hätte auch gerne eine sechsköpfige Band, die unsere Sicht auf die Musik teilt, das findet man aber leider selten. Mir ist es wichtig, musikalisch eine Aussage zu haben, stilistisch eins zu sein. Auch, wenn unsere Musik so unterschiedlich ist, wird ein roter Faden da sein.

Zu den Proben mit Live-Musikern komme ich mit einem Text und einer Melodie und sage den Musikern, was ich mir darunter vorstelle. Und dann jammen wir, nehmen die Harmonien und spielen sie ein. Diesen Sound verändern Paul und ich stilistisch, bis er zu unserem Album passt. Dabei suchen wir immer Geräusche, die wir noch nie gehört haben. Dazu sitzen wir viel an den Synthies, viel am Computer.

Du sagst, aggressiv sein ist eigentlich nicht deine Art. Geht euer Album denn musikalisch in eine andere Richtung?

Ja. Der erste Song sagt wenig über unsere Musik aus. Das Album wird teils elektronisch, im Vordergrund stehen aber immer Beatbox und Gesang. Unsere Musik geht eher in die experimentelle Richtung.

Ich bin auch ein großer Björk-Fan, sie ist für mich eine große Inspirationsquelle. Da muss ich aufpassen, denn bei vielen Songs, die ich jetzt gemacht habe, haben alle sofort gesagt: Das ist hundert Prozent Björk. Auch wenn es mir total gefällt - der Gesang ist einfach viel zu ähnlich. Das liegt daran, dass ich Björk höre, seit ich 14 bin.

 

Euer Album soll im Herbst rauskommen. Was sind eure weiteren Pläne?

Unser Ziel ist es, auf großen Festivals zu spielen, davon gut leben zu können. Eigentlich sind die Sachen, die wir machen wollen, unbezahlbar für uns. Ich würde gerne Animationsvideos machen, in denen zum Beispiel, wenn ich singe, auf einmal Dinge aus meinem Mund rausfliegen. Wir hätten auch gern, dass man als Live-Zuschauer 3-D-Brillen bekommt. Wir wollen, dass die Fantasie angeregt wird. Um uns das, was wir faszinierend finden, zu erfüllen, führt kein Weg daran vorbei, direkt an was Größeres zu denken. Wir werden uns überall bewerben - wir sind schon leicht größenwahnsinnig, auf jeden Fall.

Wann steht ihr das erste Mal live auf der Bühne?

Bald. Wir arbeiten zurzeit am Album und werden noch vor unserem Release Performances geben. Wir sind sehr gespannt.

Hast du Angst vor negativem Feedback?

Ich glaube, es wird auf jeden Fall negatives Feedback geben. Ich weiß ganz genau, dass ich Musik mache, die sehr spalten wird. Das merke ich ja jetzt schon: Es gibt Leute, die sind voll aus dem Häuschen, andere finden unsere Musik richtig scheiße. Aber davor habe ich gar keine Angst. Wenn jemand es nicht mag, dann mag er es halt nicht. Vor so einer Gleichgültigkeit habe ich viel mehr Angst. Wenn jemand sagen würde 'Das ist für mich nichtssagend!' - das wäre für mich negatives Feedback.

Pari San - Bloody Mary

Quelle: YouTube


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