Bloodclot! im Atlantik: Harte Männer in Badelatschen

David Weigend

Die neue Supergruppe des New York Hardcore kam spät, drosch und siegte. Gut gemachter Lärm ließ in reinigender Kraft das Schwabentor erzittern und machte das Auditorium rund. Zartbesaitete bitte nicht:



Die Anheizer

„Das nächste Lied heißt ,In Heaven'. Wir haben es geschrieben als…ach nee, scheißegal“, rumpel, schredder, dröhn, brüll, anklag, schrei. Das Freiburger Hardcorequartett Selfish Hate besteht zwar nicht aus Rhetorikern, aber aus anständigen Knüpplern. Sie haben die undankbare Aufgabe, im überschaubar gefüllten Café Atlantik den Anheizer für Bloodclut! zu geben.

Die vier dem Selbsthass verschriebenen Jünglinge haben erst am Samstag den Release ihrer Pure Hate-EP gefeiert, und man muss sagen, der Name verrät einiges wenn nicht alles über die munter drauflos kloppende Combo. Zeitgenossen, die gerade mit ihrem Leben hadern, mit Lehrer, Schwiegermutter oder Vermieter, haben hier sicherlich eine gute Zeit. Alle anderen zumindest eine laute.

John Joseph

Selfish Hate-Sänger Simon ist es auch, der die Stellung hält am Merchandise-Stand, als sich sein Furor ein wenig gelegt hat. Dort kann man mitunter ein Buch erwerben: The Evolution Of A Cro-Magnon von John Joseph. Dieser ist als Sänger von Bloodclot! der Protagonist des Abends.

Früher war er Sänger der CroMags, bis er sich mit Wutzwuckel Harley Flanagan bis aufs Blut zerstritt. Wie das kam, steht in diesem Buch. Beim Blättern stößt man auf eine lustige Anekdote aus dem Jahre 1986, als die CroMags durch die USA tourten und irgendwo in Ohio mit Megadeth den Backstageraum teilen mussten.



Genüsslich beschreibt Joseph, wie er den Oberposer Dave Mustaine am hochgesprayten Haarschopf zieht und ihm dann den Schädel gegen die Wand knallt, nachdem Mustaine die Hardcoretruppe beschimpft und verhöhnt hatte: „Der Typ war plötzlich still wie ne Kirchenmaus.“

Bloodclot!

Immerhin, heute scheint Joseph etwas besser gelaunt zu sein. Er nimmt sich viel Zeit beim Signieren, fast sieht es aus, als schreibe er kleine Gedichte auf die erste Seite seines Buches. Um 23.20 Uhr steht er auf der Bühne des Café Atlantik, das in der Zwischenzeit kaum voller geworden ist.

Die Schau stiehlt ihm jedoch ein anderer: Gitarrist Eric Klinger (Pro Pain) lässt es sich nicht nehmen, den Gig in weißen Socken und Badelatschen zu bestreiten. Dazu passend: das ohnehin schon wie eine Karikatur wirkende Bandana auf dem spärlich behaarten Kopf. Joseph klärt später auf: „Eric war heute Nacht so betrunken, dass er seine Schuhe verloren hat.“



Die Musik von Bloodclot! ist die logische Folge der Bandbesetzung: Man hört den schmerzenden Punch der cromagsschen Age of Quarrel-Ära (Joseph), das bajonettscharfe Riffing von Klinger (Pro Pain), die bedrohliche Groovewalze von Bassist Rick Lopez (Merauder), die Hingabe zum Hardcore in seiner ganzen Brutalität bei Scott Roberts (CroMags, Spudmonsters). Schlagzeuger Danny Schuler (Biohazard) musste aus familiären Gründen leider daheim in New York bleiben, vermutlich steht häusliche Gewalt auf dem Plan. Wer sein Ersatzmann ist, überhören wir wegen zwischenzeitlichen Ohrensausens, aber er verdrischt die Felle vorbildlich.



Die wenigen Zuschauer erleben eine beeindruckende Demonstration von New York Hardcore 2008, mit gut abgemischtem Sound, starker Bühnenpräsenz und voll inne Fresse. Zwar bleiben die Ansagen von Frontvegetarier Joseph teils etwas verschwörungsschwanger („9/11 wurde geplant von den Bushs, dem Illuminatiorden, bla blub“), mit klassischen Zugaben der Marke „World Peace“ und „Hard Times“ macht er die Schwurbelei aber wieder wett.

Das Material des Bloodclot!-Debuts Burn Babylon Burn! Ist eine Materialschlacht, unterbrochen nur von vereinzelten Spuckern des guten Herrn Joseph.

Bevor er uns still machen kann wie eine Kirchenmaus, verlassen wir lieber das Lokal und wanken glücklich-betäubt heimwärts.