blindad: Ein Soziales Netzwerk aus Freiburg zum draußen Verabreden

Martin Jost

Seit Facebook brauch man nicht mehr aus dem Haus zu gehen, um Freunde zu treffen. Das fand Dominic Amann aus Freiburg doof und stellte vor einer Woche blindad.de ins Netz: ein Soziales Netzwerk, das seine Mitglieder zwingt, "draußen" gemeinsam Abenteuer zu unternehmen statt sich nur anzuchatten und zu gruscheln.



Als mir Dominic zum ersten Mal begegnet, verteilt er Flyer im Institutsviertel. Geschickterweise gibt es Kulis und Frisbees dazu, sonst hätte ich nie zugegriffen. Dominic lacht von einem Ohr zum anderen und ist völlig aufgekratzt: Das soziale Netzwerk, das er mit seinem Bruder Nicolas entwickelt hat, sei gerade online gegangen; „ich habe total wenig geschlafen und kann noch gar nicht richtig glauben, dass es jetzt los geht!“ Da hat jemand aber eine Menge Herzblut in seine Idee gesteckt!


„blindad“ steht für “Blind Adventure”. Die Idee lebt davon, dass es die Trennung zwischen Stubenhockern und Sonnenanbetern gar nicht gibt. Wer im Internet sozial ist, will Menschen auch in echt kennen lernen und zusammen was unternehmen. Bei blindad liegt der Schwerpunkt auf dem Organisieren und Verabreden von „Adventures“ im richtigen Leben. Treffen für gemeinsamen Sport, Kneipenbummel in der neuen Stadt oder Flashmobs – „bei Facebook, Studiverzeichnis und Co sitzt man davor und – zack! – sind drei Stunden weg. Wir wollten die Leute vom PC weg mobilisieren“, sagt Dominic zur Idee hinter der Plattform. Eine Agenda als Gesundheitsapostel lässt er sich aber nicht anhängen. Dominic ist übrigens Medizinstudent im praktischen Jahr und arbeitet an seiner Doktorarbeit.



Beim Wandern auf dem Schauinsland hörte er vor einem Jahr zum ersten Mal von der Idee, sich im Internet zu einem Dinner zu verabreden, bei dem jeder Gang in einer anderen Wohnung gekocht wird. Kurz darauf hatte er die Idee für eine Seite, auf der man sich für solche und andere Adventures aller Art verabreden kann. Dominic rief seinen Bruder Nicolas an, der gerade in Heidelberg an seinem Mathe-Bachelor schreibt, und hatte ihn sofort begeistert. „Seither haben wir täglich an der Page gearbeitet“, sagt Dominic. Neben Abschlussarbeiten und allem anderen.

Soziale Netzwerke gibt es viele. In der Regel sind die ersten Kontakte, die man sich nach dem Anmelden sucht, Freunde aus dem Real Life. Dann kommen nach und nach Freunde von Freunden hinzu oder man added jemanden, den man nur kurz getroffen hat oder man hält Kontakt mit Bekannten, die schon lange den Kontinent verlassen haben. blindad.de ist das erste Netzwerk zum in der Nähe verabreden, auf dem man sich online erst richtig kennen lernen kann, wenn man sich in echt schon getroffen hat.



Konkret sieht das so aus: Endet ein Adventure, müssen die Teilnehmer sich gegenseitig bestätigen, dass sie da waren. Erst dann kann man das Profilbild der anderen in groß sehen, ihnen Nachrichten schreiben und: statt Gruscheln oder Anstupsen kann man sich Tierstimmen schicken, die von „verrückte Henne“ über „hechelnder Hund“ zu „durchgeknallter Frosch“ reichen. – Skurril ist wohl das Wort dafür.

Dominics Bruder Nicolas zeichnet für die Programmierung der Website verantwortlich. Er hatte zwar in seinem Mathestudium schon programmiert, „aber nichts, was er für unsere Seite gebrauchen konnte“, sagt Dominic. Stattdessen hat er sich im vergangenen Jahr in verschiedene Codesprachen und Datenbanksysteme eingelesen. „Zum Schluss hat er noch ein 500-Seiten-Script über Sicherheitsmaßnahmen durchgeackert, damit wir in Sachen Datenschutz auf dem neuesten Stand sind.“

Das klingt – nun ja – relativ nerdig! Sind die Brüder nun Computerhocker oder Rausgeher? „Wir sind auf keinen Fall Nerds!“, sagt Dominic. „Mein Bruder hat jetzt zwar so eine Brille mit dickem schwarzem Rand gekauft, aber die hätte er nicht aufgesetzt, wenn er zu unserem Treffen gekonnt hätte.“



Dominic bekommt eine Nachricht auf seinem Smartphone. Scrollt ein bisschen und klickt irgendwo falsch drauf. „Entschuldigung“, sagt er, als er länger im Telefon herumsucht, „das habe ich gerade erst neu. Vorher hatte ich so ein Uralt-Handy.“ Jetzt, wo er blindad aus der Taufe gehoben hat, wolle er sich auch von unterwegs einloggen und nach dem Rechten sehen können. „Endlich weiß ich, wozu man so ein Telefon hat.“

Zu den Adventures, die schon auf blindad eingetragen sind, gehört ein Gitarren-Flashmob am 2. Juli auf dem Augustinerplatz. Den hat Dominic selbst angeleiert, komplett mit Links zu Youtube-Videos, in denen man die Griffe für die Songs lernen kann. „Wir freuen uns riesig, wie viele Leute sich in so kurzer Zeit angemeldet haben. Aber beim Adventures eintragen sind sie noch ein bisschen schüchtern. Das geht hoffentlich bald richtig los.“

Im Augenblick sind praktisch nur Heidelberger und Freiburger auf blindad. Der Plan ist, erstmal lokal einen hohen Bekanntheitsgrad für die Seite zu erzielen. Damit Adventures stattfinden können, müssen die Leute auch nahe bei einander wohnen. Ihre beiden Wohnorte haben Nicolas und Dominic als erstes mit Flyern, Frisbees und Kulis überzogen – genau wie die Website sind alle Werbematerialien von ihrer Schwester Rebecca designt, die ein Diplom in Kommunikations- und Mediendesign hat. „Ich habe selbst Entwürfe für ein Logo und ein Layout gemacht“, sagt Dominic, „und als sie die sah, hat sie lieber alles noch mal neu gemacht.“



blindad ist also als eine Art Familienbetrieb entstanden und auch eine rein private Investition der drei Geschwister – sowohl was Zeit angeht, die sie hinein gesteckt haben, als auch laufende Serverkosten. Irgendwann soll sich die Seite vielleicht mal mit Werbung tragen, „aber nicht so viel“, sagt Dominic – er denkt da an Social-Media-Seiten, die richtiggehend hässlich sind vor lauter blinkenden Bannern und ungefragten Pop-Ups.

„Entweder wird die Seite ein voller Erfolg – oder ich kann meinen Kindern wenigstens erzählen, damals hat Papa was ganz Verrücktes gemacht“, sagt Dominic. „Ich bin stolz, dass meine Geschwister und ich das durchgezogen haben – auch wenn es in einem Jahr, in dem man seine Idee lebt und atmet und sie jederzeit im Kopf hat, auch mal Durststrecken gibt.“

BlindAd.de

Quelle: YouTube
[youtube zAYBPILPqUo nolink]

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[Bilder: Promo]