Bleib DuDuDuDu!

Christoph Ries

Diese vier Männer haben ein blaues Händchen und engagieren sich neuerdings gegen den Alkoholmissbrauch von Jugendlichen. Wieviel Inhaltliches von der groß angelegten Kampagne übrigbleibt, analysiert Christoph im Folgenden.



Das Konzept

„BleibDuDu: Trüb deinen Blick nicht mit Alkohol“ heißt Freiburgs neue Kampagne im Kampf gegen Alkoholmissbrauch von Jugendlichen. Die Idee stammt von Freiburger Geschäftsleuten und steht unter der Schirmherrschaft der Stadt. Ziel der Aktion ist es, den Freiburger Jugendlichen einen vernünftigen Umgang mit Alkohol näher zu bringen.

Roman Felbinger, Geschäftsführer der McDonalds-Filiale am Martinstor, erläuterte die Vorgehensweise der Kampagne. „Wir wollen durch gezielte Werbung möglichst viele Jugendliche ansprechen.“ Es gehe darum, das Selbstbewusstsein derjenigen zu stärken, die Nein zum Alkohol sagen.

Innerhalb des nächsten halben Jahres will die Stadt tausende blaue Flyer in Handformat auslegen, auf denen das Motto der Kampagne („Trüb` deinen Blick nicht mit Alkohol“) zu sehen ist. Die Flyer sollen auch an Schulen, Sportvereine und Sozialprojekte geschickt werden.

Außerdem werden die beteiligten Unternehmen kostenlos Werbefläche zur Verfügung stellen. Die Brauerei Ganter etwa will „BleibDuDu“-Bierdeckel drucken lassen, um direkt am Tresen über die Gefahren von Bier & Co. zu informieren. Felbinger erklärte, alle Bürger Freiburgs seien aufgerufen, sich an der Aktion zu beteiligen.

Oberbürgermeister Dieter Salomon versprach eine „Kommunikationsoffensive, die eine gesellschaftliche Diskussion“ entfachen soll. Wie verhalte ich mich, wenn ich in der Fußgängerzone eine Schlägerei zwischen Betrunkenen beobachte? Wie begegne ich Freunden, die offensichtlich ein Alkoholproblem haben? BleibDuDu soll diese Fragen in den Mittelpunkt der Diskussionen stellen.

„Es kommt darauf an, den Blick zu schärfen für das Trinken in Maßen, nicht in Massen“, sagte Freiburgs Erster Bürgermeister Otto Neideck. Schlussendlich werde damit auch Freiburgs Innenstadt wieder sicherer, was sich wiederum positiv auf das Image der Stadt auswirke.



Die Stärken

Neideck sagte, an einem Tag, „wie man ihn als Bürgermeister selten erlebt“, habe Felbinger bei ihm angerufen und ihm zusammen mit Marc Oßwald vom Konzertveranstalter Koko Entertainment und Martin Zenke (Freiburger Wochenbericht) die „BleibDuDu“-Idee vorgeschlagen. In der Tat kann Freiburg stolz darauf sein, wenn sich Unternehmer und Bürger ehrenamtlich für ihre Stadt einsetzen.

BleibDuDu hat Potential. Laut Roman Felbinger haben viele Freiburger Geschäfte ihre Hilfe angeboten. Dass der Aktion irgendwann finanziell die Puste ausgeht, ist also unwahrscheinlich. Zu den beteiligten Partnern gehört auch die Brauerei Ganter, die sich gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen engagieren will, was „street credibility“ von BleibDuDu erhöht.

Die Aktion belastet die städtischen Kassen kaum, weil die Kosten gering sind und zu drei Vierteln von den beteiligten Geschäften getragen werden.

http://fudder.de titel="">



Die Schwächen

„Wir haben keinen Fahrplan,“ sagte Bürgermeister Neideck und traf damit den Nagel auf den Kopf. Die Idee hinter BleibDuDu ist es, eine „Diskussion zu entfachen.“ Wo die allerdings stattfinden und was anschließend damit geschehen soll, scheint niemand wirklich zu wissen.

An der Ausarbeitung des Konzepts war kein Streetworker, kein sozialer Verein beteiligt, dafür aber die Polizei und eine Reihe gewichtiger Geldgeber. Dementsprechend spärlich sind auch die inhaltlichen Antworten, die BleibDuDu liefert.

„Was tun, wenn du selbst den Überblick verlierst?“, fragt die Aktion etwas undurchsichtig auf ihrer Webseite. Als Antwort kommt der großmütterliche Rat, am besten mal „bei Fachleuten nachzufragen“. Dann folgt die Telefonnummer des städtischen Aktionskreises Suchtprävention.

Eine verkümmerte Randnotiz im Untermenü von BleibDuDu.de ist der einzige Hinweis, wie sich betroffene Jugendliche helfen lassen können. Kein Link zu unabhängigen Initiativen, wie der Freiburger Drogenhilfe Drobs, die immerhin zu 70 Prozent von städtischen Geldern finanziert wird. Keine Informationen darüber, was Alkohol im Körper von Jugendlichen anrichtet. Stattdessen ein Kontaktformular „Partner werden“ und ein Flashfilm, bei dem die Logos der Geldgeber hübsch animiert durchs Bild fliegen.

Immerhin, die Stadt hat erkannt, wie sie an Jugendliche herantreten muss, ohne als uncoole Spielverderber entlarvt zu werden. Davon zeugt die Tatsache, dass Schulen und Sportvereine wie der SC Freiburg an der Aktion beteiligt werden sollen. Wo aber bleiben die städtischen Streetworker, die in die Klassen gehen und die Jugendlichen über die Gefahren des Saufens aufklären? Wo bleiben die greifbaren Aktionen?

Und wie passt es ins Bild, dass Drobs im kommenden Jahr die Präventionsarbeit bei Jugendlichen kürzen muss, weil die Stadt 30.000 Euro weniger zuschießt? „Das passt sehr gut ins Bild,“ sagt Neideck. „Drobs hat mit uns nichts zu tun. Wir betreiben keine Anti-Drogenpolitik, sondern verstehen uns als zielgerichtete Aktion gegen Gewalt in der Innenstadt.“

BleibDuDu erweckt den Eindruck einer gut gemeinten Idee, die marketingstrategisch eine Auszeichnung verdient, inhaltlich aber am Ziel vorbeischießt. Das Konzept fußt auf der Hoffnung, alkoholabhängige Jugendliche ließen sich durch das Eintrichtern eines Leitsatzes („Trüb’ deinen Blick nicht mit Alkohol“) vom Saufen abhalten. Dass Suchtbekämpfung gerade bei Jugendlichen mehr erfordert als das Verteilen von Flyern, daran hat bei BleibDuDu keiner gedacht.

Ihr Ziel hat die Aktion dennoch erreicht: Sie hat eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Alkoholkonsum losgetreten. Bevor ich so viel saufe, dass ich bei BleibDuDu Hilfe suchen muss, bleib ich nämlich lieber nüchtern. Bleibt zu hoffen, dass jeder blickgetrübte Teenager in Freiburg ein paar klar sehende Freunde hat, die in der Lage sind, bessere Antworten zu liefern, als es BleibDuDu tut.



Statements zu „BleibDuDu“

  • „Keiner hat das Interesse, Betrunkene zu bedienen“ (Bürgermeister Neideck)
  • „Wir wollen Freiburg wieder zu einer Partystadt machen“ (McDonalds Geschäftsführer Felbinger)
  • „Prävention mehr in den Blickpunkt nehmen“ (OB Salomon)
  • „Wir sind in der Lage mit einer einfachen, plakativen Aktion eine Diskussion zu entfachen“ (Neideck)
  • „In der Masse können wir keine Inhalte an die Leute herantragen“ (Neideck)
  • „Wir beschäftigen uns seit zehn Tagen mit dem Thema und haben alle nebenbei noch Berufe“ (Neideck)
  • „Es sind keine zusätzlichen Streetworker geplant“ (Neideck)
  • „Freiburg hat viele gute Ideen. Aber ich wünsche mir ein Gesamtkonzept für die Stadt“ (Jeanette Piram von „Drobs“)

Mehr dazu: